HAZ-Serie zum neuen Heizungsgesetz

So ist der Stand der Dinge bei der Wärmeplanung in Stadt und Landkreis Hildesheim

Hildesheim - Alle Städte und Gemeinden müssen eine Wärmeplanung machen – doch die Fristen sind unterschiedlich. Was gilt wo? Das ist für alle Bürgerinnen und Bürger wichtig – vor allem, wenn sie in nächster Zeit neue Heizungen einbauen lassen wollen.

Fernwärme-Übergabestation in einem Mehrfamilienhaus in Hildesheim: Bei der kommunalen Wärmeplanung dürfte es vor allem um örtliche Fernwärmenetze gehen. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Sie ist ein zentraler Aspekt des neuen Gebäudeenergie-Gesetzes (GEG), im Volksmund Heizungsgesetz genannt: Die kommunale Wärmeplanung. Städte und Gemeinden ab bestimmten Größen sollen dabei planen, in welchen Bereichen welche Heizungsform sinnvoll ist – sprich zum Beispiel, wo Nah- oder Fernwärmenetze entstehen sollen, mit entsprechenden Anschlussmöglichkeiten für die dort lebenden Bürgerinnen und Bürger. Die Wärmeplanung ist auch deshalb wichtig – weil nach ihrem Abschluss in der jeweiligen Stadt oder Gemeinde neu eingebaute Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit Energie aus erneuerbaren Quellen betrieben werden müssen. In Neubaugebieten gilt das schon ab 2024.

Städte ab 100.000 Einwohnern, wie auch Hildesheim, müssen bis zum 30. Juni 2026 eine solche Wärmeplanung vorlegen, alle anderen haben zwei Jahre länger Zeit. Zumindest nach dem Heizungsgesetz – doch in Niedersachsen gibt es eine Ausnahme: Sogenannte Mittelzentren müssen bis Ende 2026 eine Wärmeplanung vorlegen. Im Kreis Hildesheim betrifft das die Städte Sarstedt und Alfeld. Wie sehen die Kommunen im Kreis Hildesheim das, welche Planungen gibt es sogar schon?

EVI plant massiven Ausbau

Hildesheim: „Vor 2025 haben wir keine Kapazitäten, um uns damit zu befassen“, hatte die Hildesheimer Stadtverwaltung noch im Sommer erklärt. Im Herbst kassierte Oberbürgermeister Ingo Meyer diese Position: Die Stadt wolle auf jeden Fall schon 2024 mit der Planung beginnen. Das Vorhaben sei nicht einfach, aber bis Mitte 2026 zu schaffen, kündigte er an.

Unabhängig davon und auch vom Heizungsgesetz plant die Energieversorgung Hildesheim (EVI) einen massiven Ausbau des derzeit rund 15 Kilometer langen Fernwärmenetzes in Hildesheim. Der Absatz soll verdreifacht werden. Vorgesehen sei ein Großprojekt über neun Jahre. Details etwa dazu, wo die Leitungen verlegt werden sollen, gibt es aber noch nicht. Das Unternehmen soll unter anderem den Moritzberg und die Nordstadt im Blick haben. Zuletzt wurde das Theater angeschlossen. Aus Ortsräten wie Ochtersum kam bereits die Forderung, die Ortsteile angemessen zu berücksichtigen.

Neues Heizwerk für Bördestraße

Derzeit treibt die EVI den Ausbau ihrer Fernwärmeerzeugung weiter voran: In der Bördestraße errichtet der Energieversorger ein Heizkraftwerk. Es handelt sich um eine zur Fernwärmeerzeugung zugehörige Anlage, die an das bestehende Fernwärmenetz der EVI angeschlossen wird. Das Heizkraftwerk Bördestraße soll zwischen sieben und 15 Gigawattstunden Fernwärme pro Jahr erzeugen und so bis zu 2500 Haushalte mit Fernwärme versorgen können. Das Heizkraftwerk kann innerhalb von 15 Minuten vollständig gestartet oder gestoppt werden. Die entstehende Wärme wird in einem Wärmespeicher zwischengespeichert, um Bedarfsschwankungen der Fernwärme auszugleichen.

Das neue Kraftwerk dient der Erweiterung des bestehenden Fernwärmenetzes. Insgesamt kann die EVI dann 45 Gigawattstunden Fernwärme pro Jahr produzieren, von denen rund ein Drittel aus der neuen Anlage kommen werden. Die Inbetriebnahme des Heizkraftwerks ist für den Winter vorgesehen. Die Investitionen liegen bei rund 7 Millionen Euro.

Grüner als der Durchschnitt

Derzeit liefern Nah- und Fernwärmenetze noch ungefähr sieben Prozent der Heizenergie in Hildesheim. Angeschlossen sind vor allem Mehrfamilienhäuser und Gewerbeimmobilien in der Innenstadt, der Oststadt, dem Ostend und dem Gewerbegebiet Bördestraße, aber auch Gebäude wie Rathaus, Bahnhof und eben Theater. Mit Blick auf die Heizungswende kann die EVI dabei eine ziemlich grüne Fernwärme vorweisen: Sie wird zu 67 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt, konkret aus Waldrestholz im Holzhackschnitzelheizwerk des Unternehmens. Eingesetzt werden zusätzlich rund 30 Prozent Erdgas und drei Prozent Heizöl. Im bundesweiten Durchschnitt kommt Fernwärme bislang nur zu 19 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen.

Sarstedt findet es „sportlich“

Sarstedt: Ein Wärmenetz gibt es bereits am Ortsrand von Hotteln durch die dortige Biogasanlage. Die kwg hat mit ihrem Pellet-Heizwerk am Kipphut ein kleines Nahwärmenetz etabliert. Zudem plant das Unternehmen, im Stadtteil Giebelstieg im nächsten Jahr ein ganzes Quartier auf Geothermie umzustellen. Die Stadt selbst sieht sich „ganz am Anfang dieser großen Herausforderung für unser Rathaus“, wie Bürgermeisterin Heike Brennecke einräumt. „Bestandsaufnahme und umfassende Planung für das gesamte Stadtgebiet werden einige Zeit in Anspruch nehmen.“ Das Ziel 2026 sei „sehr sportlich“.

Die oppositionelle CDU hat inzwischen eine Fernwärmeplanung in die politische Debatte gebracht und regt vor allem die Nutzung von Großwärmepumpen an. Die SPD-geführte Ratsmehrheit hat mit einem eigenen Antrag reagiert. Sie fordert eine differenziertere Betrachtung und will ein Fachbüro beauftragen, da das städtische Bauamt keinerlei Kapazitäten mehr habe.

Kritik an Bund und Land

Alfeld: In der Stadt gibt es offenbar bereits private Fernwärmeprojekte – sie sind aus Sicht der Verwaltung aber noch nicht spruchreif. „Wir unterstützen aber schon heute Bestrebungen zur Etablierung solcher Netze nach Kräften“, versichert Stadt-Sprecher Hans-Günther Scharf. „Wir führen Gespräche mit den unterschiedlichsten Partnern und Instanzen. Für eine öffentliche Bekanntgabe unserer Vorstellungen ist es zum jetzigen Zeitpunkt aber noch zu früh.“ Denkbar wäre in Alfeld zum Beispiel die Nutzung von Abwärme von Industriebetrieben.

Die Vorgaben von Bund und Land sieht die Stadt indes kritisch: „Wie so vieles treffen diese auf – im Bezug auf zur Verfügung stehende Arbeitskraft und finanzielle Mittel – ohnehin schon am Limit arbeitende Kommunen.“ Scharf ergänzt betont salopp: „An die Adresse der Bundes- und Landespolitik: Gebt uns das Geld, stellt uns das Personal, dann bekommen wir das hin.“ Da es eine gesetzliche Vorgabe sei, werde sich die Stadt dem Thema aber auf jeden Fall widmen.

Pläne in Bad Salzdetfurth

Bad Salzdetfurth: In der Stadt gibt es bereits ein Wärmenetz der Bioenergie Bünte im Quartier Saline. Versorgt werden dort zum Großteil das Solebad sowie zu Teilen auch die Integrierte Gesamtschule (IGS), das Museum und das Adventure-Golf-Gebäude. Das Biogas-Unternehmen ist neben den Stadtwerken auch ein Partner, mit dem sich die Stadt laut Bürgermeister Björn Gryschka schon jetzt mit dem Thema Wärmeplanung beschäftigt: „Erweiterungen und andere Projekte werden auf Machbarkeit geprüft!“ Dabei spiele neben Fernwärme auch Geothermie eine Rolle.

Gryschkas Sorge: Wenn viele Kommunen gleichzeitig die Aufgabe in Angriff nehmen, könne sich ein „Flaschenhals“ bei den Planungsbüros ergeben, auf deren Fachleute die Städte und Gemeinden angewiesen sein dürften. Gleichwohl hält der Bürgermeister für Bad Salzdetfurth eine Wärmeplanung bis zum Jahr 2026 für realistisch – obwohl 2028 genügen würde.

Mancherorts noch Zweifel

Harsum: „Auch in Harsum hält man die Nutzung von Fernwärme für denkbar. „Allerdings müssen Erzeuger gefunden werden, die die Energie bereitstellen, zudem müssen entsprechende Wärmenetze aufgebaut und betrieben werden“, stellt Bauamtsleiter Johannes Kellner fest. Für das Baugebiet An der Filderkoppel in Borsum wäre ein Nahwärmenetz möglich gewesen. „Dies war aber politisch nicht gewollt, so dass keine zentrale Wärmeversorgung aufgebaut wird, sondern solitäre Wärmepumpen die Versorgung übernehmen werden.“

Nordstemmen: In Nordstemmen wird das Freibad schon seit Jahren mit Abwärme von der nahen Biogasanlage beheizt. Sehr weit ist man zudem auf Initiative von Einwohnerinnen, Einwohnern und Ortsrat im Ortsteil Adensen. Dort sind schon länger 30 Haushalte an ein Netz angeschlossen, das durch die Abwärme zweier Biogasanlagen gespeist wird. Derzeit arbeitet die Ortsgemeinschaft daran, dies auf 200 Haushalte auszuweiten – mit einer Bürger-Genossenschaft als Betreiberin.

Fortschritt in Bockenem

Leinebergland: Duingen gilt als Musterbeispiel für Fernwärme. Die Biogasanlage Hoyershausen betreibt in Duingen zwei Blockheizkraftwerke, die das Schwimmbad mit Pottlandsauna, die Grundschule, die Oberschule mit Sporthalle, das Jugendzentrum und das Rathaus mit Wärme versorgen. Eine Erweiterung ist geplant, zudem soll perspektivisch möglichst die Abwärme des größten örtlichen Unternehmens Kuchenmeister genutzt werden.

Die frühere Samtgemeinde und heutige Gemeinde Duingen hat das Thema schon vor Jahren mit einer kreisweit einmaligen Intensität vorangetrieben und sich frühzeitig wissenschaftliche Unterstützung etwa von der Ostfalia-Hochschule in Wolfenbüttel gesichert.

Weitere Kommunen: Auch Städte und Gemeinden, die dazu aller Voraussicht nach nicht gesetzlich verpflichtet werden, beschäftigen sich mit dem Thema Wärmeplanung. Zum Beispiel Bockenem. Dort wollen die Betreiber der Biogasanlage ihr Fernwärmenetz deutlich ausbauen. Eine Abfrage unter Anliegern infrage kommender Straßenzüge ergab eine deutlich höhere Nachfrage als erwartet, auch über das ursprünglich vorgesehene Gebiet hinaus. Im November will das Unternehmen konkrete Pläne und Preise präsentieren, schon im nächsten Jahr könnten Leitungen und Anschlüsse gelegt werden. Die Stadt begleitet das positiv und sehr interessiert.

Musterknabe Algermissen?

Sehr entschlossen geht auch die Gemeinde Algermissen an das Thema heran und ist formal weiter als alle anderen Kommunen: Der Gemeinderat hat bereits im Februar beschlossen, eine kommunale Wärmeplanung zu erstellen, im Haushaltsplan stehen dafür bereits 150.000 Euro bereit. „Die Ausgaben sollen durch Fördermittel gedeckt werden“, hofft Bürgermeister Frank-Thomas Schmidt. Demnächst solle darüber entschieden werden, ob ein Unternehmen beauftragt wird, einen entsprechenden Förderantrag zu stellen.

Auch die Gemeinde Söhlde hat bereits erste konkrete Schritte unternommen – schon bevor klar war, dass sie überhaupt zur Wärmeplanung verpflichtet sein würde: „Wir wollten uns trotzdem auf den Weg machen“, sagt Bürgermeister René Marienfeldt.

Kommunen arbeiten sich ein

Allgemein beschäftigen sich alle Städte und Gemeinden in Stadt und Landkreis Hildesheim mit dem Thema. Das berichtet Bockenems Bürgermeister Rainer Block, zugleich Vorsitzender des Städte- und Gemeindebundes im Landkreis Hildesheim und damit praktisch Sprecher der Kommunen. Er hatte im Sommer bereits eine Fortbildungs-Veranstaltung zum Thema Wärmeplanung organisiert.



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