Gesundheit

So möchte ein 31-jähriger Mann aus dem Landkreis Hildesheim einem unbekannten Menschen das Leben retten

Sehlem/Hannover - Fabian Sachs arbeitet im Rettungsdienst. Jüngst war er selbst Patient in der Medizinischen Hochschule Hannover. Allerdings war er dort nicht, um sich behandeln zu lassen – sondern um einem anderen Menschen möglicherweise das Leben zu retten.

Fabian Sachs während der peripheren Stammzellenentnahme an der MHH. Foto: Chris Gossmann

Sehlem/Hannover - Ein Zimmer, vier Betten – in einem davon liegt Fabian Sachs aus Sehlem. Zwei Geräusche erfüllen den Raum: Ein Ticken wie von einem Metronom und, etwas leiser, ein mechanisches Surren, gleichmäßig wie das eines sehr kleinen Motors. Quelle der Töne ist der sogenannte Blutzell-Separator. Von außen erinnert das Gerät an eine Camping-Toilette auf Rädern; wären da nicht ein Monitor mit Echtzeitdaten und die vielen kleinen Schläuche, durch die Blut, Kochsalz-, Calcium- und Antikoagulans-Citrat-Dextrose-Lösung (ACD) fließen. Die surrende Maschine soll helfen, Leben zu retten. Sie filtert Stammzellen aus menschlichem Blut. Dies ist eines von zwei Verfahren zur Gewinnung von Stammzellen: die periphere Stammzellenentnahme.

Der Gerinnungshemmer ACD soll verhindern, dass es in den Schläuchen zu dickflüssig wird. An diesem Tag ist es das Blut des Sehlemers, das durch einen kleinen Schlauch in den Blutzell-Separator fließt, dort durch eine Zentrifuge geleitet wird, ehe es über einen anderen Schlauch, um ein paar Stammzellen erleichtert, wieder in den Kreislauf des 31-Jährigen zurückgelangt. Um 7.30 Uhr am Morgen betrat Sachs das Institut für Transfusionsmedizin und Transplantat Engineering (ITT) der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), seit 8 Uhr lauscht er dem monotonen Surren der Zentrifuge.

Hörbuch auf den Ohren

Gut, über einen Ohrhörer lauscht er parallel auch einem Hörbuch, das er extra für heute heruntergeladen hat. Wer fünf Stunden lang, zwei Schläuche im Arm, möglichst regungslos daliegen soll, kann etwas Ablenkung gebrauchen. Noch liegt Sachs alleine in dem Zimmer mit den vier Krankenbetten. Neben jedem davon steht ein Blutzell-Separator. Im Verlauf des Vormittags wird ein weiterer Spender für mehrere Stunden in einem der Betten liegen. Dann wird ein weiteres Surren den Raum erfüllen.

„Die Maschine ist eine Diva“, sagt Oberärztin Dr. Lilia Goudera. Soll heißen, sie ist sehr empfindlich. Deshalb müssten die Patienten auch versuchen, so still wie möglich zu liegen. Für Sachs auch nach den ersten zwei Stunden noch kein Problem. Besonders unangenehm sei das alles nicht, sagt er. Im Vorfeld musste er sich zwar ein paar Spritzen geben. Die verursachen mitunter grippeähnliche Symptome, bei Sachs waren es leichte Muskel- und Knochenschmerzen, aber: „Die Nebenwirkungen sind nichts im Vergleich zu dem, was man damit bewirken kann.“ Im besten Fall nämlich einen Menschen von einer tödlichen Krankheit zu heilen: meist Leukämie, also Blutkrebs.

Registriert seit 2016

Bereits 2016 hat sich Sachs bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) registrieren lassen. Dann passierte acht Jahre lang nichts. „Im Juli wurde ich dann wegen einer möglichen Übereinstimmung kontaktiert.“

Der Sehlemer bekam einen Fragebogen und ein Blutentnahmeset zugeschickt. Er füllte alles aus, nahm sich Blut ab und schickte das Paket zurück. Im August dann schließlich der Anruf: Sachs’ Stammzellen besaßen die höchste Übereinstimmung. „Und für mich war sofort klar, dass ich das mache“, berichtet der 31-Jährige. 2016, als er sich hat registrieren lassen, tat er es, weil es einen Aufruf im Landkreis Hildesheim gegeben hatte. „Jemand suchte einen Spender.“ Inzwischen gibt es auch einen Krankheitsfall in seinem näheren Bekanntenkreis. Deshalb habe er sich auch bei der HAZ gemeldet. Er wolle den Menschen zeigen, wie wenig nötig sei, um anderen potenziell das Leben zu retten.

Spritzen im Vorfeld

Die Spritzen, die Sachs sich im Vorfeld zwei Mal täglich gespritzt hat, enthielten ein Peptidhormon, das in der Medizin G-CSF genannt wird. Das steht für den Granulozyten-Kolonie-stimulierenden Faktor. „Das Hormon kommt auch natürlich im Körper vor“, sagt Oberärztin Goudera. Es helfe dabei, Stammzellen vom Knochenmark ins Blut freizusetzen. Diese könnten dann bei der peripheren Stammzellenentnahme leichter eingesammelt werden. Das Verfahren selbst hat für Spenderinnen und Spender übrigens nur eine Nebenwirkung: „Der Gerinnungshemmer verursacht einen künstlich herbeigeführten Calciummangel“, erklärt Dr. Goudera. Bekommt Sachs also eine Banane, wenn er wieder aufstehen darf? Nein, sagt eine der medizinischen Fachangestellten, die ihn an diesem Tag betreuen. „Calcium läuft hierbei immer mit, das bekommt der Patient intravenös, aber ein dickes Frühstück gibt es hinterher trotzdem.“

Während Sachs es zu sich nimmt, wird im Labor ausgewertet, wie ergiebig seine Stammzellenspende war. Könnte das Ergebnis besser sein, wird Sachs auch am nächsten Tag noch einmal an den Blutzell-Separator angeschlossen. Weitere Termine sind nicht geplant. Aufgrund der Nebenwirkungen der Spritzen hat sich der Sehlemer krankschreiben lassen. Es sei jedoch für Arbeitgeber auch möglich, eine Lohnfortzahlung für Angestellte bei der DKMS zu beantragen, sagt Sachs.

Wer bekommt die Stammzellen?

Wer seine Stammzellen erhält, weiß der 31-Jährige nicht. Und er wird es in den nächsten zwei Jahren auch nicht erfahren. Erst dann könne eine Kontaktaufnahme mit beiderseitigem Einverständnis erfolgen, sagt MHH-Sprecherin Inka Burow. „Die Anonymität dient dem Schutz beider Parteien, um emotionale Belastungen oder unerwünschte Kontakte während der kritischen Zeit nach der Transplantation zu vermeiden.“

Innerhalb dieser Zwei-Jahres-Frist kann es auch vorkommen, dass Sachs erneut um eine Spende gebeten wird. Ist die Frist abgelaufen, würde er sich aber freuen, den Empfänger oder die Empfängerin seiner Stammzellen persönlich kennenzulernen. Die DKMS und vergleichbare Organisationen ermöglichten regelmäßig solche Treffen, berichtet Oberärztin Goudera. „Wenn sich Spender und Empfänger dann treffen, braucht es für gewöhnlich nicht nur ein Taschentuch, sondern eine ganze Packung.“

  • Region
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.