Hildesheim - Immer mehr Leerstände, jetzt auch noch Galeria Kaufhof geschlossen, die Innenstadt mitten im Wandel. „Wir erleben den größten Umbruch in der Geschichte der Freundlichen Hildesheimer“, sagt Claas Schindler, der Vorsitzende der Werbegemeinschaft. Umso glücklicher ist der 41-Jährige, jetzt Senab Özkan an seiner Seite zu wissen. Sie werde der Stimme der Kaufmannschaft bei all dem, was ansteht, wieder mehr Gewicht verleihen, ist Schindler sicher.
Dessen Vorschusslorbeeren für seine neue Stellvertreterin kommen nicht von ungefähr: Özkan ist Schindlers Vorgängerin. Die Chefin des Handelshauses Schlegel hatte die Werbegemeinschaft ab 2019 für drei Jahre geleitet, sich dann aber wegen der Geburt ihrer Tochter zurückgezogen – dies jedoch mit dem Versprechen, bei Bedarf in den Vorstand zurückzukehren, wenn es ihre familiäre Situation zulässt. Das sei nun der Fall, sagt die 32-Jährige.
Claas Schindler ist froh über Senab Özkans Rückkehr: Sie übernimmt das „Politische“
Diese hatte beileibe nicht selbst darauf gedrängt, wieder mitzumischen. „Ich habe Senab mehrfach gebeten“, berichtet Schindler. Zum einen, weil sich sein bisheriger Vize Harald Lange wegen Arbeitsüberlastung zurückgezogen hat. Zum anderen, weil Schindler weiß, dass er allein die Außendarstellung der Werbegemeinschaft nicht leisten kann. Ihm liege es mehr, Veranstaltungen zu organisieren, als öffentlich aufzutreten, räumt der Betreiber der Kaffeebar Coffee & Beans freimütig ein – er war vor zwei Jahren als Vorsitzender eingesprungen, um den Verein nach Özkans Ausstieg vor der Auflösung zu bewahren. Und so überlässt Schindler seiner Vorgängerin nun gern das, was er „politisch“ nennt: Die Vertretung der Händler in Gremien und gegenüber der Stadt, ihre inhaltliche und öffentliche Posititionierung.
Er freue sich darüber, sagt Fritz Ahrberg, der Geschäftsführer von Hildesheim Marketing, unter anderem Partner der Freundlichen Hildesheimer beim Hi-Light-Shopping, der Mobilitätsmeile und dem Herbstvergnügen. „Ich glaube, Frau Özkan wird einiges bewegen“, sagt Ahrberg. Die Händlerschaft müsse angesichts des Transformationsprozesses der Innenstadt geeint auftreten und als Ansprechpartner für alle Beteiligten zur Verfügung stehen. Ein lebendiges Zentrum werde künftig mehr als nur Einkaufsmöglichkeiten bieten müssen, ist der Marketing-Chef sicher, nicht alle leeren Verkaufsflächen ließen sich füllen: „Wir brauchen einen Mix aus Handel, Wohnen, Aufenthaltsqualität.“
Kritik auch an eigener Zunft: „Reicht schon lange nicht mehr, nur die Tür zu öffnen“
Stimmt, findet Özkan. „Die Lage in unserer Innenstadt ist sehr ernst.“ Sie sei nicht sicher, ob das schon jeder verstanden habe – auf Seiten der Stadt, aber auch auf im ihrer eigenen Zunft. So sieht auch diese gefordert: „Es reicht schon lange nicht mehr, nur die Tür zu öffnen, wir müssen den Kunden Qualität und Service bieten“, erklärt die Schlegel-Chefin, die in der Vergangenheit häufig mehr Einsatz der Händler bei Aktionen wie langen Freitagen angemahnt hatte. Doch gerade in Sachen Aufenthaltsqualität sieht sie die Stadt gefragt. Diese müsse für mehr Sauberkeit sorgen, sowohl durch größere Mülleimer als auch häufigere Reinigung, fordert Özkan. „Das mag banal klingen, steigert aber die Lust der Menschen, in der Innenstadt zu verweilen.“ Nicht gerade begeistert ist die Schlegel-Chefin von den neuen Sitzmöbeln, die von der Stadt aufgestellt wurden: „Die sind oft zugekotet, ich nutze sie in diesem Zustand nicht.“ Zudem fehle es an Grünflächen im Zentrum.
Und so froh Özkan darüber ist, dass es mit Eckhard Homeister einen Innenstadt-Manager gibt, der sich auch um die Aufwertung des Bernwardstraßen-Quartiers kümmert – es sei an der Zeit, dass Rat und Verwaltung den Blick wieder auf die übrige Innenstadt richteten und die Freundlichen Hildesheim stärker unterstützten. Allein für das Hi-Light-Shopping gebe der Verein zwei Drittel seines gesamten Jahresbudgets von 35.000 Euro aus, rechnet Vorsitzender Schindler vor. Man würde ja gern viel mehr machen, sagt dessen Stellvertreterin: „Aber das überfordert eine kleine Gruppe wie uns.“
Freundlichen Hildesheimer wollen auch Filialisten als Mitglieder gewinnen
Denn die Werbegemeinschaft hat nur rund 60 Mitglieder. Darunter sind allerdings auch Banken, Verlage und Verbände; an Innenstadt-Händlern sind lediglich knapp 15 dabei, Tendenz immerhin steigend. Letzteres soll auch so bleiben: Der Vorstand wolle gezielt weitere Kaufleute ansprechen, kündigen Özkan und Schindler an, sie denken zum Beispiel an Ladenbetreiber aus der Scheelen- und in der Osterstraße, deren Quartiersvertretung sich aufgelöst hat. Auch Filialisten wie Douglas oder Christ sollte daran gelegen sein, auch in Zukunft Geschäfte in Hildesheim machen und ihren Beschäftigten hier einen Arbeitsplatz bieten zu können. Die Rechnung sei ganz einfach, sagt Özkan: „Je mehr Mitglieder wir haben, desto stärker ist unsere Stimme.“
