Hildesheim/Oldenburg/Delmenhorst - Ein paar Minuten sind es noch bis zum Treffen, also ein Griff zur „Zeit“, die auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Sofa liegt. Es ist keine aktuelle Ausgabe der Wochenzeitung, sie ist im Dezember erschienen. Auf der Titelseite prangt wie eine Verheißung die Schlagzeile „Die Stadt, von der wir träumen“. Damit kann ja schlecht diese Stadt hier gemeint sein, oder? Man möchte Oldenburg nicht zu nahe treten, und es lässt sich hier sicher gut leben, es gibt eine Uni, Erstliga-Basketball, das Zwischenahner Meer ist nicht weit, aber davon träumen, na ja. Doch es geht in dem Artikel tatsächlich auch um Oldenburg. Und um den Mann, der in diesem Moment die Treppe hochkommt. Grau-blauer Anzug, weißes Hemd ohne Krawatte, die licht gewordenen Haare kurzgeschoren, Bartstoppel an Kinn und Wangen. Alexis Angelis, 51 Jahre alt, Architekt, Investor, Netzwerker, kosmopolitischer Lokalpatriot und zurzeit gefragter Gesprächspartner für viele, die wissen wollen, wie sich leere Kaufhausklötze in dahinsiechenden Innenstädten wiederbeleben lassen.
Man muss das Licht anschalten, und wenn es ins Umfeld ausstrahlt, dann kommen auch andere, dann hat man Leben
Also, Herr Angelis, wie geht das? „Man muss das Licht anschalten, und wenn es ins Umfeld ausstrahlt, dann kommen auch andere, dann hat man Leben“, sagt er. Angelis weiß, was die Menschen in vielen Städten wie Hildesheim umtreibt. Gerade jetzt, da eben erst die Galeria-Streichliste bekannt geworden ist, die die Hoffnungen vieler Mitarbeitenden des Konzerns, aber auch die von Obürgermeistern, Städteplanerinnen, kommunalen Wirtschaftsförderern und Händlern auf eine Rettung ihres jeweiligen Kaufhaus-Standorts zunichte gemacht hat.
Core Oldenburg: Vor und nach dem Umbau
Mit dem Saturn-Aus begann das Sterben im Oldenburger Shopping-Center
In Oldenburg hatten sie in der Innenstadt mal einen Hertie. Nach der Schließung wurde das Gebäude Anfang der 2000er Jahre zum Oldenburg City Center umgebaut, Hauptmieter wurde Saturn. Daneben eine Spielemax-Filiale, ein Fitnessstudio, ein kleines Hotel. „Mit dem Saturn-Weggang begann das Sterben“, erzählt Angelis, der in Oldenburg aufgewachsen ist, zum Studium in Hannover, Berlin und Barcelona war und nach weiteren Auslandsstationen 2005 in seine Heimat zurückkehrte.
Dort konnte er dann später den deprimierenden Niedergang des insgesamt 16 000 Quadratmeter fassenden City Centers beobachten, die Abwärtsspirale vom Auszug wichtiger Mieter über zwischenzeitliche Nutzung durch 1-Euro-Shops bis zum Zwei-Drittel-Leerstand. Licht aus.
Schon im Studium haben wir immer über die Wichtigkeit von Mischnutzungen in Städten gesprochen. Nur, in der Praxis interessiert sich leider kaum jemand dafür
Es war die Phase, in der Alexis Angelis sich bereits mit anderen Unternehmern aus Oldenburg zusammengetan hatte, um an einem Konzept für einen Ort zu arbeiten, „der Arbeit und Leben verbindet.“ Er erinnerte sich an sein Studium, da sei immer über die Wichtigkeit von Mischnutzungen in Städten gesprochen worden. „Nur, in der Praxis interessiert sich leider kaum jemand dafür.“ Geplant und gebaut werden entweder Wohnungen, oder Gewerbeeinheiten oder Bürogebäude. Angelis und seine Partner wollten sich nicht festlegen, kein Entweder-Oder. Arbeitsplätze, Gastronomie, Kulturevents, Workshops, Seminare – warum sollte das, gemixt zu einem „urbanen Cocktail“ nicht alles an ein und demselben Standort möglich sein?
Core Oldenburg: Vor und nach dem Umbau
Und jetzt sitzt der 51-Jährige an diesem Ort, den er sich erdacht hatte für seine Stadt, und der über Oldenburgs Grenzen hinaus Strahlkraft entwickelt hat. Zwei Etagen und 2500 Quadratmeter umfasst dieser Core, also Kern, genannte Ort. Dort wo es früher im City Center bei Spielemax Lego, Playmobil und Baby-Born-Puppen zu kaufen gab, ist nun im Obergeschoss ein offener, lichtdurchfluteter Co-Working-Bereich, roh und filigran zugleich: Unter unverkleideten Betondecken mit freiliegendem Lüftungssystem dominieren helles Holz und bodentiefe Glaselemente, ein ausrangierter blauer Seecontainer dient als Infopoint. Es gibt frei wählbare Einzel-Arbeitsplätze, schalldichte Kabinen für Telefonate und Videokonferenzen und Gruppenräume in verschiedenen Größen für Konferenzen und Besprechungen.
Innen kerngesund – das soll auch nach außen wirken
Während Angelis dem Besucher an diesem Dienstagvormittag hier einen Überblick verschafft, bereiten sich ein Stockwerk tiefer die Gastro-Anbieter auf das Mittagsgeschäft vor. Tische stehen locker verteilt, drumherum wie bei einem Streetfood-Festival Buden mit Pasta, Fritten, arabischen Spezialitäten, Bowls. Zum Essen treffen sich hier viele, die oben arbeiten – aber die Markthalle ziehe eben auch viele Oldenburger aus der Umgebung an, sagt Angelis. Sie bringe Leben ins City Center und ins angrenzende Quartier. Das Core könnte helfen, einen kranken Patienten kerngesund zu machen. Das Hotel ist geblieben, ein neues Fitnessstudio ist ins ehemalige Einkaufscenter eingezogen und die Oldenburgische Landesbank übernahm die frühere Saturn-Fläche, 200 Beschäftigte arbeiten hier nun.
Die Behandlung des Patienten Innenstadt kostet natürlich viel Geld. Wie viel Angelis und seine Partner 2019 für den Kauf der riesigen Center-Immobilie an die Investmentgesellschaft Blackstone überwiesen haben, möchte Angelis nicht sagen. Die Summe von 14 Millionen Euro, die das Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Februar in einem Artikel nannte, stimme aber nicht. Ach ja, es seien übrigens „null öffentliche Fördermittel“ geflossen, erzählt Angelis.
Was der 51-Jährige bestätigt: Der Umbau des früheren Spielwarengeschäfts zum neuen Kern des Centers hat 2,5 Millionen Euro gekostet. Seit dessen Gründung sind zahlreiche lokale Unternehmen hinzugestoßen, die als Partner jährliche Beiträge zahlen und die Infrastruktur mitnutzen können. So manche Firma verlegt Vorstellungsgespräche mittlerweile ins Core, weil die Umgebung doch irgendwie cooler und hipper ist als die eigene Büroetage.
Petra Gerlach hat sehr wohl verfolgt, dass es bei den Nachbarn im knapp 40 Kilometer entfernten Oldenburg offensichtlich ganz gut funktioniert mit der Wiederbelebung eines toten Standorts. Hier, in ihrer Stadt, ist das Vorhaben gescheitert. Nicht weit vom Büro der Delmenhorster Oberbürgermeisterin entfernt steht seit 13 Jahren mitten in der Fußgängerzone ein großer Klotz mit grauer Betonfassade, zum Weglaufen hässlich, vor 50, 60 Jahren so oder ähnlich in vielen Innenstädten verbrochen. Auch hier versprach mal ein Hertie das ganz große Einkaufserlebnis, 2009 war Schluss damit. Es folgten Leer-Jahre, ehe ein Investor die Immobilie kaufte. Ein Drama in unzähligen Akten. Es fanden sich keine Mieter, die den Kasten zum erfolgreichen Einkaufscenter hätten machen können. Der Neustart blieb aus. Stattdessen: Frust. Schandfleck statt Shoppingtempel.
Der lange Atem von Delmenhorst
„Man braucht einen langen Atem“, sagt Petra Gerlach mit Blick auf die quälend lange Hertie-Geschichte. Die Christdemokratin ist in Delmenhorst aufgewachsen und vor einigen Jahren in die 82 000-Einwohner-Stadt zurückgekehrt. Chefin im Rathaus ist sie erst seit der Wahl 2021. Sie hatte keinen Einfluss auf die ein Jahr zuvor beschlossene spektakuläre Wende im Fall Hertie, ist aber vollauf überzeugt, dass es die richtige politische Entscheidung war. Nämlich den Betonkasten zu kaufen. Um ihn abzureißen.
„Es brauchte einen Strategiewechsel“, sagt Gerlach, und ihre Stadtbaudezernentin Bianca Urban, seit 2016 im Amt, pflichtet ihr bei: „Es war ein ganz großer Schritt, ein Meilenstein, dass die Stadt selbst am Zug ist.“
Die Übernahme der Initiative lässt Delmenhorst sich ordentlich was kosten. Insgesamt 6,9 Millionen Euro.
Fast sieben Millionen Euro: sehr viel Geld, um etwas platt zu machen
Viel, sehr viel Geld also, um etwas platt zu machen, eine Lücke in die Innenstadt zu reißen. Das ist drastisch. Aber letztlich konsequent. „Wir müssen Innenstädte neu denken, wir brauchen einen multifunktionalen Mix, der die Stadt befruchtet“, sagt Petra Gerlach, und sie ist da inhaltlich durchaus auf einer Linie mit Alexis Angelis. Der Oldenburger Architekt beschreibt die „Stadt als Ökosystem“, in dem man „wie beim nachhaltigen Ackerbau“ vorgehen müsse. Monokulturen sind anfällig für Krisen.
Die Schaufenster im Erdgeschoss des Ex-Kaufhauses in Delmenhorst sind mit Werbeplakaten beklebt. Sie preisen keine Waren an, sondern den Aufbruch nach dem Abbruch. „Ein Koloss geht. Eine Riesenchance kommt“, steht dort.
Wir betreiben hier Stadtreparatur
Zwei Gebäude statt des einen riesigen Kastens, durchbrochen durch eine Gasse, in den Bauten eine Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Büros, Wohnungen, vielleicht auch städtische Nutzung für eigene Einrichtungen – so stellen sie sich in Delmenhorst die Zukunft vor. Für die Neugestaltung der Brachfläche sollen sich Investoren und Projektentwickler bewerben. Das alte Hertie-Parkhaus ist bereits abgerissen worden, hier sollen Wohnungen entstehen. Die Oberbürgermeisterin sagt: „Wir betreiben hier Stadtreparatur.“
Wer darauf wartet, dass jemand von außen mit dem Werkzeugkoffer kommt, der hat schon verloren, meint Alexis Angelis. Für die Investmentgesellschaft Blackstone war das Oldenburg City Center nur noch eine Nummer auf einer Liste, ein Problem in irgendeiner Stadt irgendwo in Deutschland. Zwischenahner was?
Es gibt nur ein Berlin, aber es gibt viele Oldenburgs und Hildesheims in Deutschland. Und aus denen kann man was machen
Als Angelis aus Berlin zurück in seine Heimatstadt ging, gab es vieles, was er vermisste. Die Gastro-Szene, die Kulturveranstaltungen, das Lebensgefühl, alles haben und erleben zu können, weil es vor der Tür liegt. Er hätte in Oldenburg sitzen und jammern können, was hier alles fehlt. Er entschied sich dafür, stattdessen den Blick dafür zu schärfen, was schon gut ist, und was man noch besser machen kann. Nicht Metropole zu sein, muss kein Makel sein. Angelis sagt: „Es gibt nur ein Berlin, aber es gibt viele Oldenburgs und Hildesheims in Deutschland. Und aus denen kann man was machen.“



