Sarstedt - Die Sozialdemokraten hatten das Ruder in Sarstedt fest in der Hand. Im Rathaus und im Stadtrat geben sie aktuell den Ton an. Die Stadt an der Innerste war in der Regel ein Garant für solide SPD-Wahlergebnisse. Doch die Bundestagswahl hat am Sonntag das politische Kräfteverhältnis ordentlich durchgeschüttelt: Plötzlich liegen SPD, CDU und AfD bei den Zweitstimmen mit 20 bis 25 Prozent nah beieinander; die SPD nur noch auf Platz zwei hinter der CDU.
Mehr als 11 Prozentpunkte mussten die Sozialdemokraten in Sarstedt am Sonntag gegenüber der Bundestagswahl 2021 bei den Zweitstimmen einbüßen. Mit nur noch 23,9 Prozent holten sie ein historisch schlechtes Ergebnis. Ein Grund dafür sei die negative öffentliche Wahrnehmung der Ampel-Regierung, schlussfolgert Tomis. „Es ist schwierig, gegen diesen Bundestrend anzukämpfen.“ Dabei habe die Ampel keine schlechte Arbeit geleistet – „sie hat sie nur schlecht verkauft“, ist Tomis überzeugt. Viele Vorhaben der Regierung seien in der Öffentlichkeit von politischen Gegnern schlecht geredet worden.
Stimmverluste für die SPD in den Sarstedter Ortsteilen
Doch davon wollten viele Sarstedterinnen und Sarstedter an der Wahlurne am Sonntag offenbar nichts wissen. In so gut wie allen Wahlbezirken sackte die SPD ab, vielerorts zweistellig. Im Wahlbezirk 2 (Schiller-Oberschule) verlor sie gegenüber 2021 7,7 Prozentpunkte, im Wahlbezirk 3 (Albert-Schweitzer-Schule) 14 Prozentpunkte, im Wahlbezirk 4 (Jugendzentrum Klecks) 18,4 Prozentpunkte, im Wahlbezirk 7 (Familienzentrum) 17,7 Prozentpunkte, am Sonnenkamp 10,7 Prozentpunkte. Und auch in den Sarstedter Ortsteilen sind die Stimmverluste groß – Spitzenreiter Giften: 14,3 Prozentpunkte.
„Dass wir in den Ortsteilen schwach vertreten sind, wissen wir schon seit der vergangenen Kommunalwahl“, gibt Tomis zu. Er führt das unter anderem auf Nachwuchsprobleme innerhalb der SPD zurück. „Viele Menschen wollen sich nicht mehr in Parteien engagieren und schließen sich lieber Wählergemeinschaften an.“ Ein Trend, dem Tomis aber nicht entgegenwirken will – im Gegenteil: „Wir müssen stärker auf Zusammenarbeit setzen, zum Beispiel mit gemeinsamen Listen bei Kommunalwahlen, um unsere Sichtbarkeit in den Ortsteilen zu erhöhen.“
„Politik muss jünger und weiblicher werden.“
Doch das alles ist Zukunftsmusik. Der nächste Schritt für die Sarstedter SPD sei, „in die Analyse zu gehen und sich jeden Wahlbezirk im Detail anzuschauen“. Gemeinsam werde man dann im Vorstand an Strategien für die kommende Wahl tüfteln. Personelle Konsequenzen werde die Sarstedter SPD aus der Bundestagswahl nicht ziehen, sagt Tomis. „Wir haben nur den Wahlkampf organisiert – nicht die Inhalte. 2026 sieht das anders aus.“ Und womöglich gehen die Sozialdemokraten in Sarstedt sogar gestärkt ins nächste Wahljahr: Tomis berichtet von einigen Parteieintritten in den vergangenen Wochen, „auch junge Menschen sind dabei“. Dass mit Daniela Rump eine junge Sozialdemokratin den Wahlkreis Hildesheim gewonnen hat, freut Tomis besonders. „Politik muss jünger und weiblicher werden“, findet er.
Ob die amtierende Bürgermeisterin Heike Brennecke 2026 wieder für die Sozialdemokraten ins Rennen geht, sei derweil noch offen, sagt Tomis. „Sie hat sich noch nicht entschieden.“ Und auch der Ortsverein selbst sei noch „in der Findungsphase“.
AfD: Tomis ist gegen ein „schnelles Parteiverbot“
Die SPD habe in Sarstedt – wie auch die CDU – offenbar Stimmen an die AfD verloren, mutmaßt der SPD-Vorsitzende. Besonders starke Ergebnisse fuhr die AfD am Sonnenkamp und auf dem Klei ein. Mit 20,5 Prozent der Zweitstimmen mauserte sich die in Teilen rechtsextreme Partei zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten bei der Kommunalwahl 2026. Nach einer Strategie gegen das Erstarken der AfD gefragt, antwortet Tomis: „Ich bin gegen ein schnelles Parteiverbot, das würde sie nur noch weiter in die Märtyrer-Rolle drängen.“ Es gebe aber auch gute Argumente für ein Verbotsverfahren – das jedoch müsse genau geprüft werden, um vor den Gerichten standhalten zu können.
Die AfD hat den Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl endgültig den Rang als Arbeiterpartei abgelaufen, wie Wahlanalysen zeigen. „Was absurd ist: Die AfD hat diesen Menschen nichts anzubieten“, kommentiert der SPD-Vorsitzende – gibt sich aber gleichzeitig selbstkritisch: Die SPD müsse wieder zu ihren Kernkompetenzen zurückfinden. „Wir waren immer der Anwalt der kleinen Leute. Da müssen wir wieder hin“, sagt Tomis. Anstatt auf das Thema Migration zu setzen, sollte die SPD seiner Meinung nach Gesundheits-, Umwelt- und Bildungspolitik stärker in den Fokus rücken.
Ob das gelingen kann, wenn die SPD in eine mögliche Große Koalition mit der CDU eintritt? Tomis persönlich würde sich wünschen, dass die SPD-Mitglieder per Urabstimmung darüber entscheiden – plädiert aber selbst für eine Schwarz-Rote Koalition. „Wir brauchen jetzt eine stabile Politik. Wenn wir das nicht schaffen, wächst die Unzufriedenheit noch weiter – und mit ihr die Stimmen für die AfD.“
