Mehrum - Eine der auffälligsten Landmarken nördlich von Hildesheim, die noch aus mehreren Dutzend Kilometern Entfernung zu erkennen ist, verschwindet in den nächsten Monaten von der Bildfläche. Das ehemalige Kohlekraftwerk Mehrum wird fast komplett dem Erdboden gleichgemacht. Erste Arbeiten dafür haben schon begonnen. Vier besonders markante Bauwerke der Anlage sollen gesprengt werden, voraussichtlich zwei davon noch in diesem Jahr. Unterdessen rückt eine Entscheidung näher, ob an gleicher Stelle künftig ein großes Gaskraftwerk entstehen soll.
Schornstein und Kühlturm verschwinden
Das Kraftwerk hatte im Frühjahr letztmals Strom aus Kohle produziert und war dann im Zuge des Kohleausstiegs vom Netz gegangen. Die Betreibergesellschaft hat 123 Beschäftigten gekündigt, ihr letzter Arbeitstag ist offiziell am 30. September. Knapp 20 von ihnen können zum früheren Mutterkonzern Enercity wechseln oder in Altersteilzeit gehen. Zunächst war eine höhere Zahl angenommen worden. Die anderen bekommen Abfindungen, viele haben zudem bereits neue Jobs gefunden. Acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um Geschäftsführer Armin Fieber bleiben vor Ort, um den Rückbau zu begleiten und die Planungen für das mögliche Gaskraftwerk voranzutreiben.
Zunächst steht vor allem der Abriss der alten Anlage im Fokus. Dafür übernimmt mit Wirkung vom 1. Oktober – dem Zeitpunkt der offiziellen Stilllegung des Kraftwerks durch das Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig – eine Fachfirma die Verantwortung. Der rund 250 Meter hohe Schornstein soll dabei ebenso gesprengt werden wie der 130 Meter hohe Kühlturm – das runde Bauwerk hat am Boden einen Durchmesser von 96 Metern – und das ebenfalls 130 Meter hohe Kesselhaus. Hinzu kommen nicht ganz so markante Aschesilos. Welches Gebäude wann fallen soll, steht noch nicht fest. Sicher ist: Vor allem in Kühlturm und Kesselhaus müssen aber zunächst Anlagen und zum Beispiel auch viel Isoliermaterial ausgebaut werden, ehe die Sprengmeister anrücken können.
Fledermäuse und Vorbescheid
Zwischenzeitliche Befürchtungen, Fledermaus-Vorkommen könnten den Abriss verzögern oder gar verhindern, haben sich bislang nicht bestätigt. „Es wird aber in einigen Bereichen eine ökologische Baubegleitung geben, die uns gegebenenfalls berät, wenn wir Fledermäuse finden sollten“, berichtet Geschäftsführer Fieber und versichert: „Alle Verantwortlichen sind sensibilisiert.“
Was am Mittellandkanal in Mehrum bald nicht mehr steht, ist also klar. Ob danach etwas Neues dort entsteht, hingegen weiterhin nicht. Denn das Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig hat der Kraftwerk Mehrum GmbH, die zum tschechischen EPH-Konzern gehört, im Frühjahr zwar einen positiven Vorbescheid zu ihren Plänen für ein großes, wasserstofffähiges Gaskraftwerk erteilt. Damit hat die Behörde noch keine Baugenehmigung gegeben, aber deutlich gemacht, dass sie keine unüberwindlichen Hindernisse sieht und das Vorhaben – auch in der größten Variante – für grundsätzlich möglich hält.
Lohnt sich ein riesiges Gaskraftwerk?
Doch die rechtliche Seite ist die eine, die wirtschaftliche die andere. Geschäftsführer Armin Fieber hat schon länger betont: Entscheidend dafür, ob das Projekt weiterverfolgt wird, ist die Kraftwerks-Strategie der Bundesregierung. Sprich die Vorstellungen des Bundes, in welchem Maß und zu welchen Bedingungen Gaskraftwerke zur Energiewende beitragen sollen.
Inzwischen gibt es dafür einen Rahmen, viele Details sind aber noch unklar. Und deshalb ist auch unklar, ob die Kraftwerk Mehrum GmbH sich bei der Ausschreibung von Kraftwerks-Kapazitäten bewerben wird. Der Zeitplan erscheint indes äußerst sportlich: Schon Anfang nächsten Jahres ist die erste Ausschreibungsrunde geplant.
