Hildesheim - Vor gut einem Jahr hatte die HAZ schon einmal lange mit Delf Neumann gesprochen. Da stand die Wiedereröffnung der Gastronomie nach dem ersten Lockdown bevor. Neumann, selbst im März 2020 einer der ersten Corona-Erkrankten in Hildesheim, zeigte sich damals mit dem Vorgehen der Bundes- und Landesregierung weitgehend einverstanden. Heute klingt er deutlich kritischer. Ein Interview.
Guten Tag Herr Neumann, wie geht’s?
Mir persönlich geht es gut. Mir ist es aber wichtig zu sagen, dass es vielen unseren Mitarbeitern sehr schlecht geht. Sie sitzen wieder und nun seit einem halben Jahr zu Hause, bekommen nur Kurzarbeitergeld, kein Trinkgeld. Die Regierung zeigt ihnen keine Perspektive auf. Um es klar zu sagen: Die Gastronomie wird gerade systematisch an die Wand gefahren.
Ist das so? Viele Gastronomen, zumindest Restaurants, hangeln sich mit Außer-Haus-Verkauf durch und sagen, zusammen mit der staatlichen Unterstützung funktioniere es einigermaßen ...
Oh ja, die staatliche Unterstützung. Darüber können wir gern reden! Ich warte, bis auf geringe Abschläge, bis heute auf die November- und Dezemberhilfen, vom Überbrückungsgeld III will ich erst gar nicht reden. Das ist auch ein Thema, um das sich unser neuer Verband „Gastgeberkreis“ intensiv kümmert. Das ist ein Wahnsinn, was da staatlicherseits abläuft.
Tatsächlich? Im März hieß es, 80 Prozent der Novemberhilfe seien ausgezahlt.
Feine Rechnung! 80 Prozent der Betriebe, die Anträge gestellt haben, hatten ihre Hilfen bekommen. tatsächlich waren Mitte März aber nur 8,7 Milliarden ausgezahlt, von 32 Milliarden insgesamt. Weil nämlich die großen Unternehmen, Verbund-Unternehmen, bisher nichts oder nur minimale Abschläge bekommen haben.
Woran liegt das?
Wo fange ich an? Zum einen sind die Anträge unglaublich komplex und bürokratisch. Für uns sind seit Februar bei unseren Steuerberatern vier Mitarbeiter und zwei Steuerberater ausschließlich damit beschäftigt. Es gibt keine Stelle, wo man anrufen kann, kein Info-Telefon oder so etwas. Nur eine Liste mit Antworten auf häufig gestellte Fragen (FAQ). Diese Liste hat weit mehr als 100 Seiten und wird ständig aktualisiert. Und dann heißt es: Stellen Sie einen Antrag oder lassen Sie es. Nachfragen zwecklos. Die Sachbearbeiter in den Beihilfestellen sind leider auch völlig überlastet, da die Regierung permanent Änderungen vornimmt.
Und zum anderen?
Der große Fehler war aus meiner Sicht, das Bundesfinanzminister Olaf Scholz das ganze Thema ans Wirtschaftsministerium abgegeben hat – und dass dieses das übernommen hat. Man hätte das alles viel einfacher und schneller haben können. Was stattdessen jetzt passiert, ist in meinen Augen ein absolutes Staatsversagen. Und mit dem Begriff gehe ich nicht leichtfertig um.
Wie hätten Sie es denn organisiert?
Man hätte es über die Finanzämter machen sollen. Auf Grundlage von deren Daten hätte man die Hilfen schnell und gerecht verteilen können, es hätte viel weniger Möglichkeiten zum Schummeln und Tricksen gegeben.
Dennoch: Allzu viele Gastronomen haben bisher nicht das Handtuch geworfen, gerade kleinere kommen mit Überbrückungshilfen auf Basis der Vorjahres-Umsätze plus Außer-Haus-Verkauf passabel durch.
Da gibt es große Unterschiede. Sicher, wer etwa in der eigenen Immobilie wirtschaftet und vor allem Familienmitglieder als Mitarbeiter hat, kann vielleicht wirklich ganz gut klar kommen. Aber längst nicht alle. Zumal ein Gastronomie-Betrieb bei den Banken im Moment keine Chance hat. Viele gute Gastronomen, die mit großer Freude und Motivation ihre Gaststätten betreiben, haben einfach keinen Bock mehr.
Üblicherweise wird geschimpft, große Konzerne und Unternehmen würden in der Corona-Krise vom Staat gestützt, die kleinen gehen unter. Sie sagen, in Ihrer Branche ist das anders?
Was ist groß? Wenn Sie so groß sind wie Tui, sitzen die Milliarden beim Staat sehr locker ...
In Ihrer Branche sind Sie nicht klein.
Sicher. Trotzdem ist es so, dass unsere Vapiano-Franchisenehmer längst ihre Hilfen erhalten, wir als Verbund-Unternehmen aber warten müssen – obwohl wir natürlich eine ganz andere Infrastruktur etwa in der Verwaltung haben und auch trotz Lockdown aufrechterhalten müssen. Das finde ich nicht in Ordnung.
Sie sagten vor einem Jahr, wenn Sie nicht Ihre Restaurants in eigenen Immobilien betreiben würden und viel Eigenkapital aufgebaut hätten, stünden Sie vor der Pleite – so aber kämen Sie ordentlich durch. Gilt das noch? Zumal Sie inzwischen ja auch Vapiano übernommen haben? Oder sind die Reserven langsam aufgezehrt?
Natürlich verlieren wir von Woche zu Woche viel Geld ...
... wie viel denn?
Das werde ich öffentlich nicht sagen. Aber ja, das gilt noch. Ich bin überzeugt, dass die Unternehmensgruppe eine sehr gute Zukunft hat. Klar ist, ohne die Immobilien-Situation und ohne das hohe Eigenkapital, welches durch Gewinne aufgebaut und im Unternehmen gelassen wurde, gäbe es uns nicht mehr. So aber bereitet mir vor allem die Situation unserer Mitarbeiter Kummer. Da geht es vielen wirklich schlecht, viele sind aufgrund der wirtschaftlichen familiären Situation auch schon gegangen – zum Teil abgeworben von den Supermärkten und Discountern, die in der Krise richtig gut verdienen. Das wird schwer, Personal wieder aufzubauen, wenn wir wieder öffnen dürfen.
Stichwort Öffnen: Vor einem Jahr sagten Sie, Sie hielten den damaligen Lockdown für gerechtfertigt. Und nun?
Einerseits hat mir noch keiner erklären können, warum ein Restaurant-Besuch gefährlicher sein soll als ein Besuch beim Friseur. Andererseits ist auch klar: In der gegenwärtigen Situation wäre eine Wiedereröffnung der Gastronomie das falsche Signal, das geht im Moment nicht. Aber wir brauchen eine Perspektive für die Öffnung. Und ich finde, wir sollten uns nicht länger am Inzidenzwert orientieren.
Warum nicht? Und woran dann?
Die Rechtfertigung für die Lockdowns war ja, dass wir die Senioren und chronisch Kranken schützen wollen. Deshalb sollten die Infektionszahlen möglichst niedrig bleiben. Das fand ich auch richtig. Ich war selbst mit Corona im Krankenhaus, ich unterschätze das nicht. Sicher nicht.
Aber?
Inzwischen sind viele der besonders gefährdeten Menschen geimpft, und wir sehen, dass die Zahl der Todesfälle deutlich zurückgeht. Das ist gut, das wollten wir erreichen. Deshalb bin ich der Meinung, man sollte Öffnungen nicht mehr an den Inzidenzwert koppeln, sondern auch an die Entwicklung der Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen und an die Zahl der Todesfälle. Das ist auch für die Öffentlichkeit besser nachvollziehbar.
Wann halten Sie eine Wiedereröffnung der Gastronomie für realistisch?
Nach Pfingsten sollte es hoffentlich so weit sein.
Es wird dann sicher noch Einschränkungen geben. Im vergangenen Frühjahr prognostizierten Sie mit Blick auf den Sommer, im Cafe del Sol werde es 20 Prozent weniger Umsatz gegenüber dem Sommer 2019 geben, in der Bavaria Alm wegen des älteren, vorsichtigeren Publikums 40 Prozent? Wie war es tatsächlich, und was erwarten Sie für diesen Sommer?
Wir konnten unsere Umsätze vom Vorjahr annähernd erreichen, nur weil wir durch die Mehrwertsteuer-Anpassung einigermaßen kompensieren konnten. Im Cafe del Sol haben wir deswegen im Wesentlichen die Zahlen von 2019 erreicht, in der Bavaria Alm betrug das Minus 20 Prozent. Also natürlich nicht übers Jahr, sondern nur in der Zeit, in der geöffnet war. Das halte ich auch dieses Jahr für realistisch. Die Menschen wollen raus, wollen ausgehen, wollen sich treffen, das ist ja auch völlig klar. Wobei man sehen muss, dass im Gegenzug durch Hygienemaßnahmen zusätzliche Sach- und Verwaltungskosten entstanden sind.
Dazu soll jetzt eine Schnelltest-Pflicht kommen.
Das ist auch wieder so ein Ding! Der Staat will der Privatwirtschaft solche Vorgaben machen, dabei soll er es erstmal selbst auf die Reihe kriegen! Er kann ja selbst die vorgeschriebenen Schnelltests in Schulen noch gar nicht garantieren. Überhaupt stört mich dieses Missverhältnis zwischen staatlichen Anforderungen an die Wirtschaft und den Anforderungen an sich selbst. Beispiel: Bei einem unserer Neubauprojekte hat man uns jetzt gesagt, die Baugenehmigung dauert ein Jahr länger als geplant. Wegen Corona. Einfach so. Das ist dann so, und ich soll es hinnehmen. Sowas nervt mich. Und deshalb benutze ich inzwischen auch Begriffe wie „Staatsversagen“.
