Idee soll dem Ortsrat vorgestellt werden

Stadtteil der Zukunft: Hildesheimer entwickeln ihre Vision vom Neustädter „Katzenkiez“

Hildesheim - Die Initiative Neustadt und Unterstützer wollen den Hildesheimer Stadtteil umgestalten und träumen von einem sogenannten Superblock – was dahinter steckt.

Katrin Ilsemann präsentiert ihre Ideen für die Goschenstraße. Diese soll laut den Anwesenden zur Einbahnstraße gemacht werden. Foto: Valentin Brendler

Hildesheim - Zusammenhaltend, ruhig, fahrradfreundlich und autofrei sieht die neue Neustadt in Yannik Kolmers Fantasie aus. Genau darum geht es am vergangenen Donnerstagabend im Gemeindesaal von St. Lamberti: „Eine Vision haben“.

„Schließt die Augen und stellt euch vor: eine Neustadt, wo Tische vor St. Lamberti stehen und man das Klimpern von Kuchentellern hört. Nebenan spielen Kinder, die sorglos von der Apotheke aus über die Straße rennen. Währenddessen wandern ihre Augen über den Neustädter Markt: Da sehen sie Menschen in Liegestühlen dösen...“. So sieht für Yannik Kolmer, stellvertretender Ortsbürgermeister in Stadtmitte/Neustadt und Mitglied der Initiative Neustadt, eine perfekte Stadt aus.

Superblocks als Lösung

Sowohl er, als auch die etwa 35 anwesenden Anwohner, sollen sich einen Abend lang vorstellen, wie die Neustadt aussehen könnte. Kolmer hat aber auch noch einen ganz konkreten Vorschlag, und den stellt Michael Richter vom Arbeitskreis „Hildesheim will Rad fahren“ vor – die Idee der Superblocks. Diese stammt aus Barcelona, wie er berichtet. Dort gab es viele Autos in den Straßen, die durch ihre Abgase dazu geführt haben, dass sich die sowieso schon südlich gelegene Stadt um drei bis neun Grad aufheizte. Da kamen die Superblocks als Lösungsansatz auf.

Dabei wird ein Stadtgebiet wie die Neustadt als ein Block ausgeschrieben und idealerweise auch daran angepasst. Der Straßenverkehr soll nun auf größeren Straßen um den Block herumgeführt werden. Wohingegen die Straßen im Block durch Einbahnstraßen, Straßenverengungen und einer Tempo-Begrenzung auf zehn Km/h für Autos nicht mehr attraktiv sein sollen. Parkplätze sollen wegfallen und im Block sowieso nur noch für Anwohner zur Verfügung stehen. Stattdessen sollen Flächen beispielsweise für Bänke, Fahrradständer, Grünflächen weiter freigemacht werden.

Vorbild Barcelona

„In den ersten Blocks in Barcelona konnten die Grünflächen um ganze 90 Prozent gesteigert werden“, berichtet Richter überzeugt. Dazu liefert er ein paar weitere Fakten: 80 Prozent mehr Bürgersteige, 349 neue Sitzplätze und vor allem: 30,7 Prozent Anstieg bei der Zahl der lokalen Geschäfte. „Wir sind sicher, dass es dazu führen würde, dass mehr Leute zu unseren zahlreichen Läden gehen würden und vielleicht sogar neue Läden öffnen“, sagt Richter.

Die Neustadt als Superblock, als Katzenkiez – wie ihn Yannik Kolmer wegen des Katzenbrunnens getauft hat – ist vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich.

Schließlich hat die Stadt die Zusage für Fördermittel von 1,35 Millionen Euro als ersten Schritt und Aussicht auf insgesamt 10,6 Millionen Euro von Land und Bund für die Quartiersentwicklung. Mit eigenen Mitteln und Anliegerbeiträgen wächst das Volumen sogar auf insgesamt 19,4 Millionen Euro.

Kolmer und sein Team wollen aber möglichst frühzeitig schon Akzente setzen und nicht allzu lange auf die Umsetzung von Projekten warten. Die Stadt wisse zwar noch nichts von seiner Idee sagt er, aber er würde im Mai kommenden Jahres gerne einen Versuch starten: vier oder sechs Wochen lang Superblock testen – dafür aber nur auf den Boden gemalt, oder provisorisch.

Diskussion im Ortsrat geplant

Um Ideen zu sammeln hat er die Anwohner eingeladen, die sich rege einbringen. Eine Gruppe schlägt vor, an der Ecke Annenstraße/Keßlerstraße einen „Kiez-Beach“ aufzubauen. Tische, Spielplätze und vor allem Sonnenschirme sollen den Platz in einen kleinen Strand umwandeln. Eine andere Gruppe würde gern provisorisch den Parkplatz an der Küsthardtstraße/Braunschweiger Straße grün anmalen und ebenfalls mit Bänken ausstatten. Nach dem Motto: Hier könnte eine Grünfläche entstehen.

Ein weiterer Wunsch: Der Neustädter Markt soll komplett von Autos befreit werden – nur Lieferverkehr soll von neun bis elf Uhr erlaubt sein. Auch die Goschenstraße soll zu einer Einbahnstraße werden und Platz bieten für Grünflächen, einen Zu-Verschenken-Schrank und Fahrradstellplätze. An diesem Abend gibt es den nötigen gedanklichen Frereiraum, das Maximum zu denken und praktische Zwänge auszublenden? „Je mehr wir da ins Detail gehen, umso mehr verlieren wir die Vision“, meint Thomas Räbiger vom anliegenden Naturkostladen „Die Knolle“. Visionen, die Yannik Kolmer für einige Wochen im nächsten Jahr provisorisch wahrmachen möchte, weshalb er die Ideen bei der nächsten Sitzung, am 30. November, in den Ortsrat zur Diskussion stellen möchte.

von Valentin Brendler

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