Medizinische Versorgung

Statt OP am offenen Herzen: Hildesheimer Ärzte beherrschen jetzt auch schonendere Methoden zur Behandlung der Herzklappe

Hildesheim - Neue Methode zur Behandlung der Herzklappe im Hildesheimer Helios Klinikum: Der Clip für die Herzklappe wird per Katheter eingeführt und an Ort und Stelle gebracht. Welche Patienten dafür infrage kommen, wo die Vorteile für sie liegen – und welche Bedingungen Helios dafür erfüllen musste.

Dr. Friedrich Modde (links) und Dr. Lars Bergmann (Zweiter von links) mit Teilen des Teams für die speziellen Herz-Eingriffe im Katheterlabor des Helios Klinikums. Foto: Tarek Abu Ajamieh

Hildesheim - Dr. Lars Bergmann steht neben dem Kopf des auf dem Behandlungstisch liegenden Patienten, schaut konzentriert auf die großen Monitore. Immer wieder wandert sein Blick kurz hinüber zum Kollegen Dr. Friedrich Modde, der an der rechten Hüfte des Patienten steht. Ein kurzes Nicken: Alles läuft nach Plan. Während Modde einen Katheter, den er an der Leiste eingeführt hat, mit einem anderthalb Zentimeter langen Clip an der Spitze in Richtung des Herzens steuert, navigiert ihn Bergmann per Spezialultraschall über die Speiseröhre an die richtige Stelle des wichtigsten aller Organe. Millimeter für Millimeter. Nach knapp anderthalb Stunden können die beiden Ärzte durchatmen: Der Clip sitzt an der linken Herzklappe des Patienten. Genauso, wie es geplant war. Auch die anderen Mediziner, Pflegekräfte und Techniker im Operationsraum atmen durch, lächeln zufrieden.

Fünf Prozent der über 65-Jährigen betroffen

Viermal hat sich diese Szene in den vergangenen Wochen inzwischen im Hildesheimer Helios Klinikum abgespielt. Das Krankenhaus hat seit November 2023 eine neue, äußerst anspruchsvolle Operationsmethode im Portfolio: die „katheterbasierte Mitralklappenrekonstruktion“. Eine Methode zur Behandlung von Herzklappenfehlern, die deutlich schonender ist als die sprichwörtliche Operation am offenen Herzen. Bislang mussten Hildesheimer Patienten in solchen Fällen in andere Städte verlegt werden, nun sind diese Eingriffe ohne Ortswechsel möglich.

Es geht dabei um die Behandlung eines gesundheitlichen Problems, das vor allem – aber nicht nur – bei älteren Menschen häufiger auftaucht: einer undichten Herzklappe zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer. Bis zu fünf Prozent der über 65-Jährigen sind betroffen. Die Auslöser können vielfältig sein – etwa ein über längerer Zeit nicht richtig behandelter Bluthochdruck, wie Prof. Jürgen Tebbenjohanns, Ärztlicher Leiter des Helios Klinikums und als Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie, Rhythmologie und Intensivmedizin auch fachlich zuständig, erklärt.

Großes Team

Das kathederbasierte Einsetzen des Clips kommt indes längst nicht für alle Betroffenen in Betracht, erläutert Dr. Lars Bergmann. Sondern nur für solche, die ohnehin schon – etwa durch chronische Krankheiten oder weitere Belastungen – geschwächt sind. „Wenn jemand sonst gesund und fit ist, braucht es diese Methode nicht“, erklärt auch Tebbenjohanns. In welchen Situationen die besonders komplexe Methode angewandt werden darf, regeln Abkommen mit den Krankenkassen. Und um überhaupt bestimmen zu können, für wen diese Art des Eingriffs die richtige ist und für wen nicht, braucht es ein sogenanntes „Herzteam“ um Bergmann und Modde.

Die Voraussetzungen dafür, den Eingriff im Helios Klinikum selbst durchführen zu können, sind jedoch deutlich komplexer. Es braucht ausgebildete Fachärzte wie Bergmann und Modde, aber zum Beispiel auch einen besonders spezialisierten Anästhesie-Experten, der Atmung und Blutdruck des Patienten absolut punktgenau einstellt. So jemanden hat Helios seit 2021 in Hildesheim mit Dr. Christian Theis, dem Leiter des Zentrums für Anästhesiologie. „Für den Eingriff sind wir alle drei gleich wichtig“, sagt Dr. Lars Bergmann mit Blick auf Modde, Theis und sich selbst. „Aber wir drei richten es auch nicht allein, dahinter steht ein noch größeres Team.“ Weitere fachkundige Pflegekräfte und Techniker versammeln sich bei dieser Art Eingriff im Katheterlabor des Klinikums, etwa zehn Personen gewährleisten den Ablauf.

Experte aus Northeim

Und Helios musste weitere Bedingungen erfüllen. Ein Katheterlabor mit Bereitschaftsdienst ist ebenso Voraussetzung wie unter anderem eine Kardiologie mit CT-Bereitschaft. Zudem gibt es einen Vertrag mit der Herzchirurgie in Braunschweig. „Der Herzchirurg bekommt vorab alle Patientendaten von uns, muss den Patienten persönlich gesehen haben und dann bestätigen, dass er für eine Herz-Operation nicht geeignet ist“, erklärt Dr. Lars Bergmann. Das sei ebenfalls Voraussetzung für den Einsatz der katheterbasierten Methode.

Eine weitere Vorgabe ist, dass jeder Eingriff von einem erfahrenen interventionellen Kardiologen begleitet werden muss. Deshalb reist regelmäßig Prof. Wolfgang Schillinger, Chef-Kardiologe in der Helios Albert-Schweitzer-Klinik Northeim, an. „Er gehörte zu den ersten in Deutschland, die das Verfahren durchgeführt haben“, betont der Gesundheitskonzern.

Schnellere Erholung

Bis Helios in Hildesheim alle diese Bedingungen erfüllt hatte, war viel Vorarbeit nötig – weshalb der Ärztliche Leiter Prof. Jürgen Tebbenjohanns jetzt auch „wirklich stolz“ auf seine Mannschaft ist. Die ersten Eingriffe sind jedenfalls sehr gut verlaufen, die Patienten hatten hinterher keine Beschwerden, erholten sich planmäßig, berichtet Dr. Friedrich Modde. Tatsächlich können nach dieser Methode behandelte Patienten das Krankenhaus deutlich früher verlassen und brauchen eine kürzere Erholungszeit als solche, die klassisch operiert wurden.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.