Söhre - Das sieht man selten im Handballsport. 15 Sekunden waren im Drittliga-Spiel zwischen den Sportfreunden Söhre und dem OHV Aurich noch auf der Uhr – da stellten die Gäste das Spielen plötzlich ein und gewährten Artjom Antonevitch freie Bahn. Die Ostfriesen standen quasi Spalier, als der Söhrer Rückraumer das Tor zum 37:27-Endstand für die Sportfreunde erzielte.
Eine Verbeugung der Gäste
Es war eine Verbeugung der Gäste vor einem großartigen Handballer, der am Samstag das letzte Spiel seiner Karriere bestritt. Zuvor hatten die 418 Fans Antonevitch immer wieder mit lauten Sprechchören gefeiert. „Arti, Arti ...!“ hallte es durch die rappelvolle Steinberghalle in Diekholzen – und schon während der Partie konnte der 31-Jährige die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Es gab einen zweiten Mann, der mindestens genauso euphorisch gefeiert wurde: Auch für Pascal Kinzel war es der letzte Auftritt. Die Geschichte des 32-jährigen Torhüters muss man eigentlich nicht mehr erzählen. Seit 2019 spielte Kinzel für die Sportfreunde. Er ist mit dem Klub in die 3. Liga aufgestiegen und hatte einen wesentlichen Anteil daran, dass nun zum dritten Mal in Folge der Klassenerhalt gelang.
„Es gibt keinen geileren Ort“
Bei einem Autounfall im Februar 2024 hatte er schwere Verletzungen erlitten und war mehrfach operiert worden. Dass Kinzel trotzdem den Weg zurück ins Tor fand, war nicht nur für Klubchef Matthias Ihmann „ein Wunder“.
Vor dem Spiel habe er seinen Mitspielern erklärt, dass es für ihn keine bessere Mannschaft und keinen geileren Ort geben könnte als Söhre, um seine Karriere zu beenden, verriet Kinzel der HAZ. Denn das hier sei „eine echte Familie“.
So empfand es auch Artjom Antonevitch, obwohl er nur zwei Jahre in Söhre spielte: „Dieser Verein und die Menschen hier sind etwas Besonderes.“ Leider wurde er immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen. Ein Knorpelschaden im Knie zwingt ihn, seine Karriere zu beenden.
Einer, der sich nie schont
Doch dieses letzte Match wollte er sich nicht nehmen lassen: „Ich wollte unbedingt noch einmal spielen für diese tolle Mannschaft und die sagenhaften Fans.“ Drei Wochen vor der Partie gegen Aurich war er operiert worden. Doch „Arti“ ist einer, der sich und seinen Körper nie schont – einer, der immer alles raushaut.
Es war schier unglaublich, welche Energieleistung er am Samstag vollbrachte. Die Schmerzen spürte er nicht: Er war vollgepumpt mit Adrenalin. So kämpfte und lief Antonevitch in einem quasi bedeutungslosen Spiel als ginge es um die Weltmeisterschaft. Sechs blitzsaubere Treffer erzielte er – der letzte war ein Abschiedsgeschenk aus Ostfriesland.
Auch Pascal Kinzel lief noch einmal richtig heiß. 8:10 lagen die Söhrer nach zwölf Minuten zurück, als der Torhüter mit einer Reihe glänzender Paraden dafür sorgte, dass die Sportfreunde nicht nur ausglichen, sondern mit einer komfortablen 20:12-Führung in die Halbzeitpause gingen – wobei auch Keeper Nummer zwei, Marvin Engelhardt, einige Bälle entschärfte und von den Zuschauern gefeiert wurde.
Zwei zuverlässige Akteure
Er war nach Kinzels Unfall in die Bresche gesprungen. „Marvin hat uns sehr geholfen“, lobte Klubchef Ihmann. Engelhardt wird nach dieser Saison wieder in der zweiten Mannschaft spielen. Die Zuverlässigkeit in Person ist auch Julius Bartels. „War“, muss man nun sagen, denn auch der Linksaußen hört in der ersten Mannschaft auf. „Er ist den Weg von der Verbandsliga bis in die 3. Liga mitgegangen“, erklärte Ihmann, ehe auch Bartels mit stehenden Ovationen verabschiedet wurde.
Die Gäste aus Aurich wollten beim wieder einmal sehr emotionalen Söhrer Saisonabschluss keine Spielverderber sein. Im Hinspiel hatte der Tabellensechste die Sportfreunde mit 48:33 deklassiert. Nun gelang die Revanche. So konnten Kinzel und Antonevitch ihre Karriere mit einem Erfolg beenden.
Bald wird „Arti“ Vater
Dann begann die Nachspielzeit der großen Emotionen. Weder Kinzel noch Antonevitch konnten ihre Gefühle verbergen, es flossen Tränen. Beide werden sich nun mehr ihren Familien und dem Beruf widmen. „Ich habe eine wunderbare Frau und einen guten Job“, sagte Antonevitch, als seine Gefühlswelt wieder halbwegs in Ordnung war. Zudem wird er bald Vater. „Termin ist der 2. Juli“, verriet „Arti“.
Auch Kinzel hat nun mehr Zeit für Frau und Töchterchen. Zudem wird in Söhre ein Haus gebaut. Soviel dürfte feststehen: Langweilig wird es Pascal Kinzel und Artjom Antonevitch auch ohne Handball ganz sicher nicht.





