Hildesheim - Fünfundzwanzig Jahre hat sie selbst in Supermärkten gearbeitet, ein halbes Jahr sogar in diesem Edeka in der Frankenstraße, in dem sie jetzt privat einkauft, sagt Astrid Haase. An der Kasse hat sie gesessen, erst bei Rewe, dann bei Edeka, ihr macht in Sachen Einzelhandel keiner ein X für ein U vor. Aber sowas ist ihr noch nicht untergekommen.
Sie spricht leise. Absichtlich. Mit ihrem Einkaufswagen steht sie zwischen Wursttheke und Weinregalen und flüstert, so als würde sie ein Geheimnis verraten: „Zuerst habe ich gar nichts gemerkt. Da habe ich nur auf meinen Einkaufszettel geguckt, wie immer.“ Dann aber suchte sie den Essig. Und rief ihrem Mann Eberhard Sprung zwischen den Regalen laut zu: „Samma, siehst du hier irgendwo Essig?“ Wie man das eben so macht. „Da kam eine Verkäuferin zu mir und machte: Pssssst! Es ist doch Stille Stunde!“, sagt Haase jetzt, immer noch staunend darüber, was hier gerade läuft.
Zuerst habe ich gar nichts gemerkt. Da habe ich nur auf meinen Einkaufszettel geguckt, wie immer.
So wie ihr geht es vielen. Nichtsahnend gehen sie an diesem Mittwoch einkaufen: Tomaten, Milch, Seife, Wein. Oder eben Essig. Wie gewohnt halten sie in der Hildesheimer Frankenstraße auf dem großen Parkplatz des Edeka-Marktes, holen sich einen Einkaufswagen, und los geht’s. Am Eingang begrüßt sie eine Dame vom Tierheim, sie bittet freundlich um Spenden, doch die meisten gehen wortlos, abwinkend vorbei. An ihr und dem großen Schild mit der Aufschrift: „Stille Stunde im Edeka-Markt, mittwochs 12 bis 14 Uhr“.
Ein Experiment, ein Versuch, ob es den Leuten gefällt
Es ist Mittwoch, 12 bis 14 Uhr. Wer jetzt den Markt betritt, wird unweigerlich Teil dieses Experiments, das hier gerade läuft. Es ist ja nur ein kleines Experiment, meint Markt-Inhaber Marcel Wächter. Ein Versuch, ob es den Kunden gefällt, das Einkaufen in Ruhe. Und so richtig revolutionär wirkt die Idee auf den ersten Blick ja wirklich nicht: Zwei Stunden pro Woche wird im Edeka-Markt das Licht gedimmt. Die Pieptöne von Kassensystemen, Schranken, Waagen und sonstigen Anlagen werden leise gestellt, die Gänge sind frei. Das Personal räumt keine Waren von A nach B, es werden keine Paletten durch die Gänge geschoben. Keine Musik dudelt, keine kryptischen Durchsagen poltern aus den Lautsprechern: „Die 26 zur 7 bitte! Die 26 zur 7!“
Das Letzte, was hier am Mittwoch um 5 vor 12 als Durchsage zu hören ist: die Mitteilung, dass in wenigen Minuten die Stille Stunde beginnt. Schnell schaltet Marktleiter Jürgen Bosse nun im Sicherungskasten einen Teil der Beleuchtung aus, fährt im Technik-Raum die Beschallung herunter, prüft die Kassen und erkundigt sich auch gegenüber am Bäckerstand, ob alles vorbereitet ist – und dann beginnt sie also, die Stille Stunde. Nun ist alles weniger grell, weniger laut. Prima, mag man denken – und nun? Was soll daran so besonders sein?
„Naja, als ich an der Käsetheke eben ein Stück Gouda kaufen wollte, da musste ich mich richtig zu der Verkäuferin herüberlehnen, damit ich sie verstehe und sie mich umgekehrt auch“, sagt Astrid Haase. Ja, auch für die Angestellten des Marktes ist die Stille Stunde etwas Neues. An der Fleischtheke wird leise angesprochen, wer als Nächster dran ist. „Die Nummern der Kunden müssen weiterhin aufgerufen werden, das geht nicht anders“, sagt Wächter, „aber nicht so laut wie sonst oft.“ Wie sich herausstellt, brauchen die Fachverkäuferinnen und Fachverkäufer heute aber ohnehin keine Ordnung in Schlangen zu bringen, die Nachfragen lassen sich auch ohne Nummern eine nach der anderen abarbeiten.
Ein Supermarkt ist ein Ort, an dem sich Menschen begegnen
Was der Markt ebenfalls beibehalten muss, ist die Arbeitsbeleuchtung über solchen Theken. Mit den DIN-Verordnungen des deutschen Arbeitsrechts ist nicht zu spaßen. Auch das Licht über den Obst- und Gemüseregalen bleibt an. „Früchte sind bunt, da muss man sehen, dass alles frisch ist“, sagt Marcel Wächter, „das funktioniert mit gedimmtem Licht nicht.“
Früchte sind bunt, da muss man sehen, dass alles frisch ist. Das funktioniert mit gedimmtem Licht nicht.
Der Kaufmann probiert gern aus, was funktioniert und was nicht. Mit 37 Jahren und gleichzeitig jeder Menge Erfahrung ist er einer aus der jungen Generation der Marktinhaber. Mit 17 machte er Abitur und begann eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei der Handelskette Extra, die heute zu Rewe gehört. Nur anderthalb Jahre später legte er die Abschlussprüfung ab, wurde stellvertretender Marktleiter und mit 28 Chef des Edeka-Markts in der Frankenstraße.
Ich finde die Atmosphäre fast ein bisschen unheimlich.
Die Idee zur Stillen Stunde hat er aus dem Edeka von Nadja Wirth in Hannover übernommen, wie er sagt. „Das fand ich gut, da dachte ich, das probieren wir hier auch.“ Vor nicht allzu langer Zeit hat Wächter zudem angefangen, den Kunden neben den üblichen schwarzen Einkaufskörben auch pinkfarbene hinzustellen – so kann man zwischen Nudelregal und Getränkeabteilung seine Bereitschaft signalisieren, neue Leute kennenzulernen. Ein Supermarkt als Partnerbörse? Wächter ist da aufgeschlossen. Er begreift seinen Edeka immer auch als einen sozialen Ort, das Einkaufen als ein Zusammenkommen vieler Menschen, manchmal gewollt, meistens zufällig. Warum soll man das nicht so angenehm und komfortabel wie möglich gestalten?
Für Astrid Haase und Eberhard Sprung fühlt sich die Stille Stunde noch gewöhnungsbedürftig an: „Ich finde die Atmosphäre fast ein bisschen unheimlich“, sagt Haase und schaut sich um, ob sie jemand gehört haben könnte. Leiser sagt sie: „Ungewohnt, das wenige Licht und die Ruhe.“ Ihr Mann pflichtet ihr bei: ja, komisch irgendwie. Als wäre man hier nachts heimlich eingebrochen. Als wäre Hildesheim nach irgendeiner Apokalypse zur Geisterstadt geworden, und man ginge als einer der wenigen Überlebenden plündern. Wie eine Filmszene, irgendwie surreal. „Aber nicht schlecht“, sagt Sprung, „nur... naja, neu.“
Die Stille muss der Markt machen, nicht die Kunden
„Es ist heute schon anders als sonst“, sagt Marie Stampa, die im November vergangenen Jahres ihre Ausbildung im Edeka begonnen hat und heute an der Kasse sitzt. Das Licht direkt über ihr oder die Abläufe seien es gar nicht – eher die Atmosphäre insgesamt. „Man redet anders miteinander, ruhiger. Von den Kunden kommen bis jetzt durchweg positive Rückmeldungen.“
Von den Kunden kommen bis jetzt durchweg positive Rückmeldungen.
Ja, wie soll man es sagen: Das kleine Wunder geschieht wie von selbst. Es besteht darin, dass sich die Stille fortsetzt. Weil sie sich akustisch gegen ihre Umgebung nicht mehr durchsetzen müssen, sprechen auch die Menschen leiser. Das Wunder besteht darin, dass sie sich ansehen, ja ansehen müssen, wenn sie miteinander reden. Und dass sie, ähnlich wie im Theater, fast ein schlechtes Gewissen haben, wenn ihr Handy klingelt.
„Ich werde hier niemanden darauf ansprechen, wenn er laut telefonierend durch die Gänge geht“, sagt Marcel Wächter. Das Gebot der Stille gelte für die Mitarbeiter, für den Markt selbst, den Kunden kann man nichts vorschreiben. Und wenn eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern am Mittwochmittag zum Einkaufen kommt, ja gut, dann war’s das mit der Stille, das liegt in der Natur der Sache.
Ich werde niemanden darauf ansprechen, wenn er laut telefonierend durch die Gänge geht.
Rund zwei Wochen hat es gedauert, um das Ganze technisch und organisatorisch vorzubereiten, sagt Wächter. „Sowas muss mit anderen Betriebszeiten abgestimmt werden. Wenn nachmittags zum Beispiel Tiefkühlware angeliefert wird, muss die sofort eingeräumt werden, da kann ich keine Stille Stunde einrichten.“ Mit der Aktion will er es reizsensiblen Menschen, etwa denen mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder Hochsensibilität, angenehmer oder überhaupt erst möglich machen, einzukaufen. „Akustische Reize können für bestimmte Menschen beim täglichen Einkauf eine echte Belastung sein“, sagt er: „Wir wollen Kunden, die Ruhe beim Einkauf schätzen, eine Erleichterung bieten.“
Die Alltagswelt ist für sie eine einzige Körperverletzung
Harriet Heimann gehört zu den Menschen, die Reize aus der Umgebung besonders stark wahrnehmen. Während für sie Dinge manchmal so unübersehbar sind wie der berühmte Elefant mitten im Raum, nehmen andere sie nicht einmal als Schatten wahr. Hält sie das Piepen einer Kasse für absolut nervtötend, arbeiten andere ganz selbstverständlich in so einer Umgebung. Die Welt, wie sie heutzutage größtenteils eingerichtet ist und funktioniert, ist für Heimann eine Art Körperverletzung, wenn man so will. Jeden Tag. Sie hat gelernt, sich selbst zu schützen, aber manchmal fühlt sie sich dennoch ausgeliefert an den Lärm. „Ich weiß natürlich, dass viele Menschen das komplett anders empfinden, dass es ihnen nichts auszumachen scheint“, sagt sie. „Sie sind einfach robuster, was Wahrnehmungen betrifft.“
Man könnte das stille Einkaufen zum Maßstab machen. Und für die, die es wollen, einen Action-Markt einrichten, indem es richtig zur Sache geht.
Harriet Heimann spricht und bewegt sich sowieso leise, immer. Ginge es nach ihr, wäre das Leben eine einzige Stille Stunde und jeder Ausbruch daraus die Ausnahme. „Man könnte ja auch das stille Einkaufen zum Maßstab machen. Und für die, die es wollen oder brauchen, dann so einen Action-Markt einrichten, indem es richtig zur Sache geht“, sagt sie und lacht.
Sie ist an diesem Tag gezielt zum Einkaufen in den Edeka gekommen. Schon die Nachricht, dass es die Stille Stunde geben soll, hat sie total ergriffen, sagt sie, und dann legt tatsächlich die rechte Hand auf ihr Herz, während sie sagt: „Ich bin so unglaublich froh und dankbar, dass es diese Möglichkeit jetzt gibt. Das ist einfach wunderbar.“
Nicht alle Kunden sind gleich so euphorisch, aber viele lächeln
Also nutzt sie die Chance, auf die sie schon lange gehofft hatte. „Eine Freundin von mir hat schon vor Jahren an verschiedene Märkte geschrieben und gefragt, ob es nicht möglich wäre, so eine Stille Stunde einzurichten“, erzählt Heimann. Die Freundin kann an diesem Tag nicht da sein, sie muss arbeiten. „Aber sie wird an einem anderen Mittwoch herkommen, jetzt wahrscheinlich immer mittwochs“, sagt Harriet Heimann und atmet noch einmal tief durch. Befreit.
Ich bin so unglaublich froh, dass es diese Möglichkeit jetzt gibt. Das ist wunderbar.
Nicht alle Kunden sind gleich so euphorisch. Aber immer wieder kommt jemand wie diese junge Frau im blauen Kleid lächelnd aus dem Markt und sagt im Vorbeigehen zu denen, die auch grad vorbeigehen: „Das ist mal eine schöne Idee, oder?“ Und die anderen nicken und sagen sowas wie: „Ja, richtig gut. Da gehen wir nächste Woche wieder hin.“
Die Tierheim-Dame steht immer noch da, wo sie stand, sie gibt nicht auf. Ob man nicht helfen wolle, die Tiere bräuchten Unter... „Klar“, sagt die junge Frau, stellt ihre Einkäufe ab und fragt: „Was kann ich denn tun?“ Und die beiden beginnen sich zu unterhalten, denn wieso auch nicht, Tiere sind doch wichtig, und heute ist so ein schöner Tag.

