Audimax Hildesheim

Stromberg kann auch anders: Lesung mit Schauspieler Christoph Maria Herbst in Hildesheim

Hildesheim - Der bekannte Schauspieler Christoph Maria Herbst hat mit Bestseller-Autor Moritz Netenjakob „Albernheiten“ aufgemöbelt – und seinen persönlich besten Stromberg-Spruch verraten.

Eingespieltes Duo: Schauspieler Christoph Maria Herbst (rechts) und Bestseller-Autor Moritz Netenjakob mit ihrem Program „Das ernsthafte Bemühen um Albernheit“ im HIldesheimer Audimax. Foto: Julia Moras

Hildesheim - „Kann-nicht wohnt ja nun meistens in der Will-nicht-Straße“, so lautet bei aufkeimender Überforderung gern die Antwort von Büro-Ekel Bernd Stromberg alias Christoph Maria Herbst. Das trifft nun auf den Schauspieler garantiert nicht zu. Denn der will und kann eine Menge, wie in dem restlos ausverkauften Hildesheimer Audimax jetzt eindrucksvoll zu erleben gewesen ist. Zusammen mit dem Bestseller-Autor und Kabarettist Moritz Netenjakob gestaltet er einen unterhaltsamen und abwechslungsreichen Abend unter dem passenden Motto „Das ernsthafte Bemühen um Albernheit“.

Übergriffig und unkorrekt

Natürlich strömt das Publikum vor allem, um mal live den markanten Titeldarsteller von „Stromberg“ zu sehen – jenen übergriffigen, politisch völlig unkorrekten, mobbenden Versicherungsressortleiter der Schadensregulierung M-Z. Wohl kaum eine Serie genießt in Deutschland mehr Kultstatus. Eine Paraderolle für Christoph Maria Herbst – aber mit durchaus zwei Seiten.

Kinderschänderbart und Klobrillenfrisur

Denn auch an diesem Abend verschwimmt Rolle und Realmensch immer mal wieder. Dazu braucht es nicht viel: Da ist diese prägnante Stimme, mit der er so Sätze wie „Kinder, ganz kurz mal eben“ zu sagen pflegt, da ist das typische Aussehen, auch wenn der 57-Jährige sich nach eigenen Aussagen seinen „Kinderschänderbart“ nach den Dreharbeiten jeweils sofort wieder abrasiert hat. Nebenbei gesagt: So einfach sei das bei seiner original gewachsenen „Klobrillenfrisur“ beziehungsweise seinem „Pep-Guardiola-Schnitt“ natürlich nicht. Wer die Augen schließt, der sitzt im Audimax diesmal auch so bisschen im Capitol-Großraumbüro und lechzt nach den zynischen Sprüchen des allzu beliebten Kotzbrockens. Sprache ist ja auch ein Ventil für Wirklichkeit. Aber der Mann, der zwar auf schwierige Typen wie in „Merz gegen Merz“, „Der Vorname“ oder „Contra“ abonniert zu sein scheint, ist unter anderem auch ein viel gefragter Hörbuchleser („Er ist wieder da“, Roman von Timur Vermes), Kinderfilm-Darsteller (in „Schlossgespenst Hui Buh“) sowie neuerdings auch als TV-Begleiter durch die australische Wüste bei „Terra X“.

Herbst und sein Freund Netenjakob haben nun eigentlich zu einer ganz klassischen Lesung eingeladen. Ein Tisch, zwei Stühle, zwei Mikrophone – mehr braucht es dafür auf der Bühne nicht. Dazu gesellen sich dann jede Menge illustre Persönlichkeiten wie Udo Lindenberg, Klaus Kinski, Willi Brandt, Hans Moser, Otto oder Michael Mittermeier – und zwar allein durch die großartige Schauspiel- und Imitationskünste der beiden Künstler. Und da steht Moritz Netenjakob dem beliebten Mimen Herbst in nichts nach. Sein Didi Hallervorden oder auch sein Altrocker Udo Lindenberg sind der Knaller bei dem Bühnenprogramm, das aber in Hildesheim erst so langsam Fahrt aufnimmt. Die beiden Freunde – sie haben sich übrigens bei den TV-Arbeiten zu Anke Engelkes „Ladykracher“ kennen- und schätzengelernt – sind gut aufeinander eingespielt, auch wenn die Moderationen anfangs doch sehr durchgeskriptet wirken. Loriots entlarvende, auf den Punkt beobachtete Eheszenen der Knollnasen-Menschen trägt Herbst zweifellos brillant vor. Aber: Man kennt das alles eben nur allzu gut. Zumal zu Loriots 100. Geburtstag in diesem Jahr alles gerade x-mal wiederholt worden ist.

Hänsel und Gretel in drei Versionen

Aufhorchen lassen an diesem Abend die Episoden aus den erfundenen „Tagebücher“ von Angela Merkels Ehemann Joachim Sauer – das sind scheinbar alltägliche Situationen mit subtilem Humor ins Absurde gedängelt. Der heimliche Höhepunkt ist dann aber ausgerechnet das bekannte Grimm-Märchen von Hänsel und Gretel. Das tragen Netenjakob und Herbst mal in der Version eines Marktschreiers, eines Fußballkommentators oder eines Co-Piloten direkt aus dem Cockpit vor. Gerade dabei wird deutlich, wie komisch Pausen sein können – gerade an den unpassendsten Stellen.

Dieser Stromberg-Spruch steht bei ihm auf Platz eins

Nicht Schweigen, sondern Sprüche in den unpassendsten Momenten sind ja bekanntlich Strombergs unschlagbare Qualität, um jedes Fettnäpfchen zusätzlich gekonnt zu unterkellern. Und Herbst verrät an diesem Abend sein persönliches Listicle – sehr zur Freude seiner Fan-Gemeinde. Platz eins ist dabei natürlich über das Lieblingsthema Frauen und entsprechen triefend sexistisch: „Schönheit ist ja oft auch ’ne Frage von Licht an oder Licht aus.“ Solche Weisheiten aus dem Drehbuch habe er selbstverständlich streng auswendig gelernt. Spricht er so auch manchmal privat? „Nein“, versichert der beliebte Schauspieler mit Blick über die Brille. Will er nicht – und kann er nicht. Sagt er jedenfalls.

Im Saal geht das Licht wieder an, nachdem sich das Duo mit zwei Zugaben aus Hildesheim verabschiedet hat – ohne anschließende Autogramm- und Signierstunde.

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