Sarstedt - An den Folgen von Alkoholismus zerbrechen Partnerschaften und Familien, gehen Jobs verloren und noch öfter der Führerschein. Zwei, die wissen, wie der Weg vom fröhlichen Trinken zur Sucht verlaufen – und wie man noch die Notbremse ziehen – kann, sind Christiane Aßmann und Bernd Heinmüller. Das Duo hat Ulrike Görling beerbt, die über 30 Jahre lang die Beratungsstelle für Suchtkranke und ihre Angehörigen in Sarstedt geführt hat. Mit männlichem und weiblichem Blick – insofern bildet Sarstedt eine Besonderheit – ist es seit dem 1. November nun an ihnen, den Betroffenen beim Loskommen vom Alkohol zu helfen.
Motivation steht ganz oben
„Motivation ist die erste Ausgabe“, erklärt Aßmann. Wer einen Termin vereinbart, habe schon einen großen Schritt gemacht – wenn auch manchmal erst auf Druck von außen: durch den Partner, Arbeitgeber, oder in Zusammenhang mit dem Führerscheinentzug nach einer Alkoholfahrt. Doch dann gilt es, bei der Stange zu bleiben.
Der Blick auf den Jahresbericht 2018 der Suchthilfe zeigt die nackten Zahlen: 941 Kontakte, also Gespräche, zählt allein der Standort Sarstedt. Dabei ist dort Alkoholabhängigkeit das Thema Nummer eins. Ein erstes Gespräch dauert in der Regel 50 Minuten, erklärt Aßmann. Die Betroffenen kämen in der unterschiedlichsten Stadien einer Alkoholerkrankung. Der frühere Spruch „Die müssen erstmal in der Gosse landen, damit sie Hilfe annehmen“, ist längst überholt, sagt Heinmüller.
„Menschen stoßen an Grenzen“
Ohnehin müsse man sich vom Bild des „Bahnhoftrinkers“, also dem schweren Alkoholiker ohne Obdach, der zwei Flaschen Schnaps am Tag trinkt und dem die Hände zittern, wenn der Pegel sinkt, verabschieden. „Das ist ein eine verschwindend geringe Zahl“, sagt Heinmüller –angesichts der 1,8 Millionen Alkoholkranken in Deutschland. In den wöchentlichen Treffen der Sarstedter Gruppe – derzeit sind es acht Teilnehmer – sind die meisten berufstätig, sagt Heinmüller. Es sei eher so, dass die Menschen an eine Grenze in ihrem Leben stießen.
Zum einen ist Alkohol ein Nervengift, das seine Wirkung erst später zeigt. „Ein junger Körper kann viel ab“, erklärt Aßmann. Mit 40, 45 Jahren sinke die Leistungsfähigkeit ohnehin, Krankheiten bahnten sich ihren Weg wie Polyneuropathie. Durch chronischen Alkoholmissbrauch sind Nerven toxisch geschädigt, die Reizleitung gestört. Kribbeln in den Extremitäten sind dann der tägliche Begleiter.
Beratung auch für Angehörige
Zum anderen können auch soziale Komponenten zur Grenze werden, etwa wenn der Partner mit Trennung oder der Chef mit Rauswurf droht. „Oft sind die Angehörigen der Schlüssel“, wie Aßmann sagt. Deshalb hat das Duo auch stets ein Ohr für die Familie, das engere Umfeld des Kranken. „Es ist für die Angehörigen oft schon eine Entlastung, wenn da auf einmal eine Person ist, die nur erstmal zuhört“, sagt Heinmüller. „Und Verständnis für die Situation bekommt.“
So wurde Aßmann von einer Frau aufgesucht, die 30 Jahre lang ihren betrunken Ehemann ertragen habe – alles hinter einer gutbürgerlichen Fassade. Doch dann kam der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe: ein anstehendes Familienfest. Und die sonst mit dem Helfersyndrom ausgestattete Frau wollte nicht mehr, dass ihr Gatte wie so oft volltrunken den Tag ruiniert.
Ausstieg verläuft individuell
Der Ausstieg aus der Suchte verlaufe dann sehr individuell, sagt Heinmüller, der seit 30 Jahren Suchtarbeit macht. Seit 2015 ist der 56-Jährige bei der Caritas, davor hat er unter anderem acht Jahre stationär in einer Klinik gearbeitet, zuletzt zehn Jahre in Salzgitter. Heinmüller hat soziale Arbeit studiert, zudem eine Zusatzausbildung zum Sucht-Therapeut gemacht. Sowohl er als auch Aßmann sind geschult in systematischer Therapie und Beratung, ein psychotherapeutisches Verfahren.
Seine Kollegin arbeitet indes erst seit 2008 für die Suchthilfe der Caritas. Nachdem sie in ihrem „zweiten Leben“, wie die 58-Jährige sagt, soziale Arbeit in Hildesheim studiert hat. Ursprünglich hat es Aßmann, die in Kolumbien groß geworden ist, zum Studium der Sprach- und Literaturwissenschaften nach Göttingen gezogen. Doch über die ehrenamtliche Arbeit hat sie schließlich ihre eigentliche Berufung gefunden.
Gerne würde Aßmann auch wieder in Prävention machen, an Schulen und Kliniken. So hat sie beispielsweise als Koordinatorin das Caritas-Projekts „HaLT – Hart am Limit“ geleitet, mit dem Ziel, Jugendliche für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol zu sensibilisieren. „Doch für Prävention gibt es keine Extragelder“, sagt sie. Dennoch können auch Schulen im um Hilfe bei Aßmann und Heinmüller bitten.
Offene Sprechstunde
Die Offene Sprechstunde in der Eulenstraße 7 findet ab Januar donnerstags von 15 bis 17 Uhr – parallel zu Hildesheim – statt; und sonst nach Vereinbarung unter Telefon 64800.
