Söhre - Es wird wohl sehr emotional werden, wenn Sven Lakenmacher am kommenden Samstag gegen die TSG Bielefeld (18 Uhr) sein letztes Heimspiel als Trainer der Sportfreunde Söhre bestreitet. Nach acht Jahren endet eine sehr erfolgreiche Zeit mit zwei Aufstiegen und dem zweimaligen Klassenerhalt in der 3. Handball-Liga. Im HAZ-Interview blickt Lakenmacher zurück und voraus: Auf Mallorca beginnt für ihn bald ein völlig neues Leben.
Hallo, Sven Lakenmacher. Nach acht Jahren endet eine Ära. Am Samstag sitzen Sie zum letzten Mal in der Diekholzener Steinberghalle auf der Bank. Es ist ihr letztes Heimspiel als Trainer der Sportfreunde Söhre. Wie blicken Sie diesem Tag entgegen?
Mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist da enorm viel Freude und Stolz, diese Mannschaft acht Jahre begleitet zu haben. Auf der anderen Seite werde ich die Jungs, den Vorstand, die Betreuer, die Helfer und Fans sehr vermissen. Es sind viele echte Freundschaften entstanden.
Den Entschluss, nach dieser Saison aufzuhören, haben sie schon vor mehreren Monaten gefasst und verkündet. Sie konnten sich also auf den Tag X vorbereiten.
Man kann sich auf jedes Spiel vorbereiten, aber nicht auf so einen Tag. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich mich fühlen werde. Ich muss das wohl auf mich zukommen lassen.
Die aktuelle Saison war sehr schwierig. Wichtige Leistungsträger wie Niklas und Yannik Ihmann sowie Artjom Antonevitch fielen über längere Zeiträume verletzt aus. Dann passierte der Autounfall, bei dem sich Torwart Pascal Kinzel schwer verletzte …
… Pakis Unfall war für uns alle ein sehr großer Schock. Und die Freude ist riesengroß, dass es ihm inzwischen besser geht. Es spricht für den Zusammenhalt der Mannschaft, dass sie weiter gekämpft und gepunktet hat – vor allem für Paki.
Gehen wir noch einmal acht Jahre zurück: Als Sie 2016 in Söhre unterschrieben haben, hätten Sie da gedacht, dass Ihre Amtszeit acht Jahre währen würde?
Gegenfrage: Hätten Sie das gedacht?
Ehrlich gesagt: nein. Ex-National- und Erstligaspieler Sven Lakenmacher als Trainer in der Verbandsliga bei einem Dorfverein. Da hatte wohl manch‘ einer Zweifel, ob das klappt.
Soll ich Ihnen etwas verraten?
Gern.
Auch meine Tochter Mia hatte Bedenken. Ich war ja zuvor Trainer beim damaligen Zweitligisten Springe gewesen. Der Job, die Familie, und dann noch Trainer in der zweiten Liga – der Aufwand war enorm hoch. Deshalb wirkte die Trennung von Springe wie eine Befreiung. Ich habe damals in der Sparkassen-Zweigstelle in Diekholzen gearbeitet. Da hatte ich öfter Kontakt mit Handballern, Funktionären und Fans der Sportfreunde. Einige haben immer mal wieder gefragt: „Willst du nicht Trainer bei uns werden?“ Irgendwann habe ich gesagt: „Okay, ich schaue mir mal ein Spiel an …“
… und welche Rolle spielte Ihre Tochter dabei?
Nun, sie ist mitgekommen. Ich weiß nicht mehr, wer der Gegner war. Jedenfalls verlor Söhre mit zwölf Toren Unterschied. Nach dem Spiel fragte Mia mich: „Papa, willst du das wirklich machen?“ (Anm. d. Red.: Mia Lakenmacher war selbst eine sehr gute Handballerin. Sie hat in der 1. Liga beim Buxtehuder SV gespielt, musste ihre Karriere aber nach drei Kreuzbandrissen viel zu früh beenden).
Und was haben Sie geantwortet?
Ich habe gesagt: Ja klar, ich mache das.
Warum?
Weil ich trotz der hohen Niederlage einige talentierte Spieler auf dem Feld gesehen habe, die sich voll reingehängt haben. Mir war sofort klar: In dieser Mannschaft steckt Potenzial.
Welches Sie geweckt und ausgeschöpft haben. Sie stiegen mit Söhre 2018 in die Oberliga auf – und 2022 sogar in die 3. Liga. Das hätte vorher kaum jemand für möglich gehalten. Wie haben Sie das geschafft?
In erster Linie haben es die Spieler geschafft. Und ich musste zu Beginn auch unpopuläre Entscheidungen treffen.
Welche?
Ich habe den Spielern klar gemacht, was ich von ihnen erwarte: Drei- bis viermal in der Woche Training sowie große Disziplin und Einsatzbereitschaft. Wobei ich wusste, was ich verlange. Fast alle Spieler sind berufstätig, einige haben Familie. Aber die meisten wollten diesen Weg mitgehen.
Man hört, dass das Training bei Ihnen oft hart und anspruchsvoll ist – und die Ansprachen sehr deutlich. Selbst Klubchef Matthias Ihmann soll bei der ein oder anderen lauten Ansage an die Spieler zusammengezuckt sein und gefragt haben: „Musste das jetzt unbedingt sein?“
Wenn man erfolgreich sein will, dann braucht man eine klare Richtung. Deutliche Ansagen gehören genauso dazu wie das Einfühlen in die Mentalität der Spieler. Gerade die jungen Spieler wussten immer, dass ich Ihnen voll vertraue, auch wenn sie mal einen schlechten Tag hatten. Dieses gegenseitige Vertrauen ist das Allerwichtigste zwischen Mannschaft und Trainer. Und sie haben dieses Vertrauen mit guten Leistungen zurückgezahlt. Hinzu kam, dass Matti (Vereinschef Matthias Ihmann; d. Red.) immer vollstes Vertrauen in mich hatte und mir bei allen sportlichen Entscheidungen freie Hand gelassen hat. Mein Dank gehört auch Armin Breitmeyer, Ralf Modrejewski, Michael Gees und vielen weiteren Helferinnen und Helfern, die das alles erst möglich gemacht haben.
Spieler wie Niklas und Yannik Ihmann, Lukas Range, Philipp Klein, Tom Hanel, Tom Folger und Johann Scherbanowitz haben sich enorm entwickelt.
Worauf sie sehr stolz sein können. Und ich bin ein bisschen stolz, dass ich Ihnen dabei helfen konnte. Außerdem darf man Daniel Hoppe und Julius Bartels nicht vergessen, beides absolute Identifikationsfiguren in Söhre. Später kamen Führungsspieler wie Maxi Kolditz, Pascal Kinzel und Tim Alex ins Team.
Da war die Zeit reif für den Aufstieg in die 3. Liga.
Ja, die Mannschaft war dann so weit. Die Mischung stimmte und der Zusammenhalt war riesengroß. Doch auch nach dem Aufstieg musste ich harte Entscheidungen treffen.
Zum Beispiel?
Die Trennung von Kreisläufer Sebastian Froböse. Er ist ein Supertyp und kampfstarker Handballer. Trotzdem musste ich ihm klar machen, dass ich für die 3. Liga nicht mit ihm plane. Das ist mir enorm schwer gefallen. Basti war nicht begeistert. Trotzdem sind wir Freunde geblieben. Das weiß ich sehr zu schätzen.
Nach dem Aufstieg gelang zweimal der Klassenerhalt. Auch das hatten viele nicht für möglich gehalten.
Ich wusste, das diese Mannschaft auch in der 3. Liga bestehen kann. Wer hätte gedacht, dass wir gegen Eintracht Hildesheim in vier Spielen zwei Unentschieden erreichen und jeweils nah dran waren am Sieg?
Waren die Punktgewinne in den Derbys für Sie eine besondere Genugtuung?
Nein! Ich habe mich vor allem die Mannschaft gefreut, die großartig gespielt und gekämpft hat.
Sie haben von 2004 bis 2008 für Eintracht gespielt. Und Sie haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie auch gern Trainer bei Eintracht geworden wären.
Das stimmt, aber es hat nicht sollen sein.
Weil Ihr Verhältnis zum damaligen Manager Gerald Oberbeck nicht das beste war?
Wir waren nicht immer einer Meinung. Aber das ist Schnee von gestern. Heute verstehen wir uns sehr gut und trinken auch gern mal ein Bierchen zusammen.
Vom spanischen Erstligisten Portland San Antonio kamen sie 2004 nach Hildesheim. Genau 20 Jahre später geht es zurück nach Spanien, auf die Baleareninsel Mallorca. Schließt sich da ein Kreis?
Ich würde es eher als einen Neuanfang bezeichnen. Mit bald 53 Jahren wage ich noch einmal etwas ganz Neues. Ich muss zugeben: Es ist ein großer Schritt.
Ein Schritt, der vor allem aus Liebe geschieht. Ihre Lebensgefährtin Cristina García lebt auf Mallorca. Zusammen haben Sie in Port Andratx ein Restaurant eröffnet. Ein Versicherungskaufmann und Handballtrainer geht in die Gastronomie. Das ist ungewöhnlich …
… und sicher nicht ganz einfach. Aber Cristina und ich haben uns dafür entschieden. Es ist ein Familienbetrieb. Ihr Vater ist ein exzellenter Koch, auch ihre Mutter und Geschwister helfen mit. Ich werde überall mit anpacken, wo ich gebraucht werde. Cristina arbeitet zudem als Hochzeitsplanerin auf Mallorca.
Oh, sehr interessant. Wann wird die eigene Hochzeit geplant?
(schmunzelt) Es gibt noch keinen Termin, aber er wird sicher kommen.
Was gibt es Schöneres, als auf Malle zu heiraten und das Leben zu genießen?
Wissen Sie, der Ausdruck „Malle“ gefällt mir nicht. Das ist Touristen-Slang. Die Insel bietet viel mehr als Strände, Hotels und Ballermann. Es gibt wunderschöne Orte, die die meisten Touristen gar nicht kennen.
Verraten Sie uns einige?
Nein, nicht hier. Aber wer zu uns ins Restaurant kommt, dem gebe ich gern ein paar Geheimtipps.
Ein bisschen Werbung in eigener Sache muss sein. Wie heißt das Restaurant?
Restaurante Viva!
Zur Person
Sven Lakenmacher wurde am 26. Mai 1971 in Magdeburg geboren, wo auch seine Handballkarriere begann. Nach der Wende spielte er bei den Erstligisten TV Großwallstadt und TuS Nettelstedt, ehe er nach Spanien ging. Von 2003 bis 2004 spielte er für den Erstligaklub Portland San Antonio. Danach heuerte der 47-fache Nationalspieler bei Eintracht Hildesheim. Es war ein Transfercoup des damaligen und langjährigen Eintracht-Handballchefs Gerald Oberbeck. 2008 führte Lakenmacher die Hildesheimer Handballer als Spielmacher in die 1. Liga. Dort konnte sich Eintracht aber nicht halten und Lakenmacher wechselte 2008 als Spielertrainer zu den Handballfreunden Springe. Nach einer Zwischenstation bei TSV Hannover-Burgdorf II ging er erneut nach Springe – diesmal als Trainer. 2015 stieg er mit dem Klub in die 2. Liga auf. Doch im Dezember des gleichen Jahres trennten sich die Wege. Es folgte ein weiterer Coup. Lakenmacher, der als Versicherungskaufmann bei der Sparkasse arbeitet, wurde Trainer beim Verbandsligisten Sportfreunde Söhre. Er führte die Söhrer bis in die 3. Liga. Sven Lakenmacher hat eine Tochter und einen Sohn. Mia (21) musste ihre Handballkarriere in der 1. Liga nach drei Kreuzbandrissen vorzeitig beenden. Fußballprofi Fynn Lakenmacher (24) spielte zuletzt beim Drittligisten 1860 München und unterschrieb jüngst einen Vertrag beim Erstliga-Absteiger Darmstadt 98.


