„In aller Freundschaft“

Erster Auftritt: So macht sich der Hildesheimer Tan Caglar in der Sachsenklinik

Hildesheim - Die Kultserie „In aller Freundschaft“ hat einen neuen Star: Tan Caglar. Die erste Folge mit dem Hildesheimer ist ausgestrahlt, im Thega-Filmpalast schauten viele gemeinsam. Wie sich Caglar als TV-Arzt macht.

Dr. Ilay Demir (Tan Çaglar) hat schon zum zweiten Mal einen jungen Mann erwischt, der bei einer Patientin war und gleich bei Auftauchen eines Arztes weggerannt ist. Foto: MDR/Saxonia Media/Strehler

Hildesheim - Der Saal 6 im Hildesheimer Thega-Filmpalast ist voll, als am Dienstagabend die erste Folge der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ mit Tan Çaglar in der Rolle des Arztes Dr. Ilay Demir gezeigt wird. Beziehungsweise: Jeder Platz, der nach Hygiene- und Abstandsregelungen besetzt werden darf, ist es auch. Familie, Freunde, Kolleginnen, Fans, Nachbarinnen, sein Schauspielcoach und der Oberbürgermeister Hildesheims sind da.

Die Atmosphäre ist geradezu familiär, siebzig Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer kennt Çaglar mit Namen, die gesamte Reihe B trägt Fan-Shirts. „Heute ist für uns alle eine Premiere“, sagt er, als er auf der Bühne vor der Kinoleinwand sein Programm beginnt, „ich bin heute zum ersten Mal aufgeregt“. Im Saal ist von allen Seiten ein gerührtes „Ohh“ zu hören, darauf folgt Applaus. Erst ist Caglar live als Comedian zu erleben, dann auf der Leinwand als der TV-berühmten Sachsenklinik.

Klassische Comedy mit ernsten Tönen

Tan Çaglar bezeichnet sich selbst als den witzigsten rollstuhlfahrenden Deutschtürken der Welt. Wegen einer angeborenen Fehlbildung des Rückenmarks ist der Hildesheimer seit seinem 24. Lebensjahr auf den Rollstuhl angewiesen. Seitdem erfindet sich Çaglar permanent neu: er spielt Rollstuhlbasketball Bundesliga-Niveau, coacht Firmen, Verbände und Schulen im Bereich Inklusion und Integration, tourt als Stand-Up-Comedian bereits mit seinem zweiten Bühnenprogramm durch Deutschland, war 2016 das erste Model im Rollstuhl bei der Berliner Fashion Week und veröffentlichte 2019 seine Autobiografie im Ullstein-Verlag.

In seinen Shows schafft es Tan Çaglar, gleichzeitig die klassischen Stand-up-Themen – Frauen, Deutsche Bahn, Politik, Sex – zu bedienen und dabei, neben aller Selbstironie und Situationskomik über sein Leben mit dem Rollstuhl, auch ernste Töne anzuschlagen.

Und jetzt Fernsehen. Als Viszeralchirurg Dr. Ilay Demir unterstützt Çaglar das Team der Sachsenklinik in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ und ist damit der erste Schauspieler im Rollstuhl, der einen Arzt im deutschen Fernsehen verkörpert.

Die Rolle wirkt ihm dabei wie auf den Leib geschneidert – fast, als hätte Çaglar einfach sein weißes T-Shirt und die Blue-Jeans gegen Rollkragenpullover und Arztkittel getauscht. Wie auch Çaglar ist Dr. Ilay Demir türkischstämmiger Deutscher, wie auch Çaglar sitzt er im Rollstuhl. Dabei tritt er, ebenfalls wie Çaglar, äußerst selbstbewusst in Erscheinung, reißt hier und da flotte Sprüche und wirft sogar nonchalant eine Wasserflasche in den Papierkorb. Als seine Kollegin, die Neurologin Dr. Phan, ihn daraufhin fragt, ob er denn Komiker sei und Dr. Demir antwortet „Ja, und Gentleman“, lacht und klatscht der ganze Saal.

Gegen die Klischees

Dass Çaglar in einer Hauptrolle, als Arzt, zu sehen ist, ist längst noch keine Selbstverständlichkeit. „Als die Einladung zum Casting für eine Klinik-Serie kam, war mein erster Gedanke, dass ich ein Unfallopfer spielen sollte“, sagt er vor dem Stream. Denn Menschen mit einer Behinderung werden im Film und Fernsehen immer noch überwiegend klischeehaft besetzt und dargestellt.

Dr. Ilay Demir widersetzt sich dieses Klischees. Seine Behinderung wird in der Serie als Eigenschaft von ihm erzählt, Fragen von Inklusion und Diversität fügen sich ganz selbstverständlich in die Handlung ein, ohne dabei ausgestellt zu wirken.

Zum Beispiel als ein Kollege unwissentlich seinen Sportwagen vom Behindertenparkplatz abschleppen lässt. Darf es sein, dass da einer mit einem Sport-Coupé auf dem Behindertenparkplatz steht, und wie geht man damit um, wenn man merkt, dass man überrascht ist, dass dem Rollstuhlfahrer dieses Auto gehört?

Die Situation wird, in der Serie zumindest, damit aufgelöst, dass sich Dr. Demir seinen Porsche nicht mit „so einem hässlichen blauen Aufkleber“ versauen wollte und dem Wagen deshalb der Berechtigungsschein fehlte. Der Anstoß zur Reflektion bei den Zuschauerinnen und Zuschauern bleibt jedoch.

Neue Facetten zu entdecken

Obwohl Dr. Demir stark an Çaglar angelehnt wirkt, zeigt der Komiker in der Rolle als Arzt Facetten, die man aus seinen Bühnenprogrammen nicht kennt. Seine Patientin Marita Wolff wird wegen einer depressiven Angststörung in der Psychiatrie behandelt. In der Sachsenklinik sollen ihre Beschwerden physisch abgeklärt werden. Dr. Kai Hoffmann, Chefarzt der Chirurgie, nimmt sie gemeinsam mit Dr. Ilay Demir auf.

Demir ist sich sicher, dass es für die psychischen Erscheinungen physische Ursachen geben muss und zieht deshalb die Neurochirurgin der Klinik hinzu, was Hoffmann missfällt. Çaglar zeigt den Arzt in diesen Momenten empathisch, ruhig und sehr ernsthaft – Eigenschaften, die man von ihm als Comedian eher nicht kennt. Doch gerade diese scheinbare Ambivalenz zwischen humorvollem Komiker und einfühlsamen Arzt erzeugt Spannung und macht die Rolle von der ersten Sekunde an facettenreich.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.