Ruthe - „Die letzte Chance für Ruthe zu wachsen“, wie Sarstedts Bürgermeisterin Heike Brennecke es noch im vergangenen Jahr formulierte, ist passé: Die Leibniz Universität in Hannover (LUH) will, anders als ursprünglich angekündigt, keine Flächen für Wohnbau am Ruther Ortsrand zur Verfügung stellen. Nach Informationen dieser Zeitung hat die Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), die auf dem angrenzenden Grundstück ein Versuchsgut betreibt, sich gegen entsprechende Überlegungen ausgesprochen.
Die LUH will in dem Sarstedter Ortsteil künftig große Mengen Strom gewinnen – mit einem riesigen Solarpark. Auf dem rund 40 Hektar großen Areal, das bislang als Obstbau-Versuchsfläche diente, sollen verschiedene Varianten von Photovoltaik und möglicherweise auch eine Stromspeicheranlage gebaut werden. Von Anfang an war das Solarenergieprojekt der Uni Hannover mit der Hoffnung verbunden, dass rund drei Hektar der Fläche für Wohnbau zur Verfügung gestellt werden – so hatte es die LUH öffentlich kommuniziert. Und auch der Ortsrat und die Sarstedter Verwaltung hätten diesen Wunsch geäußert, wie Bauamtsleiter Rembert Andermann damals betonte. Gleichzeitig sagte er: „Bisher ist das nur ein Gedankenmodell.“
Studierende stellen verschiedene Varianten für Wohnbau öffentlich vor
Das hinderte die LUH jedoch nicht daran, dieses Gedankenmodell offensiv in die Öffentlichkeit zu tragen: Sie ließ Studierende – angehende Architektinnen und Landschaftsarchitekten – Konzepte und Modelle für Varianten einer Wohnbebauung entwerfen. Fünf Entwürfe wurden im März 2025 bei einer öffentlichen Veranstaltung den Rutherinnen und Ruthern vorgestellt. Dozierende warben damals, diese Entwürfe ließen sich „leicht in eine städtebauliche Planung überführen“. Und: „Normalerweise kosten fünf Projektentwürfe in dieser Größenordnung eine Viertelmillion Euro. Die hier gibt es umsonst.“
Doch jetzt steht offenbar fest, dass es am Schäferberg in Ruthe keine neuen Wohngebäude geben wird. „Die Leibniz Universität will ihre Flächen nicht mehr für eine Wohnbebauung veräußern“, sagt Sarstedts Bauamtsleiter Andermann. Warum, das erklärt Mechtild von Münchhausen, Pressesprecherin der LUH, auf Anfrage dieser Redaktion: „Intensive Gespräche“ zwischen dem Land Niedersachsen, der LUH und der Tierärztlichen Hochschule hätten ergeben, dass Wohnungsbau auf der Fläche „für die TiHo nicht realisierbar“ sei. Eine detaillierte Begründung liefert die Pressesprecherin nicht – und verweist an die TiHo. Doch auch die TiHo lässt Fragen nach den konkreten Gründen bislang unbeantwortet – und verweist für eine Auskunft wieder zurück an die LUH. Licht ins Dunkel bringt Bauamtsleiter Andermann: Sein Kenntnisstand sei, dass die TiHo keine Wohnbebauung in unmittelbarer Nachbarschaft ihres Versuchsguts wünsche, weil sie dadurch Einschränkungen im Betrieb befürchte.
Uni will Hälfte ihres Strombedarfs in Ruthe gewinnen
Ende 2024 machte die LUH ihr Vorhaben am Ruther Ortsrand öffentlich: Auf ihrer Fläche am Schäferberg soll ein „Forschungs- und Kommunikations-Campus“ entstehen, heißt es in einer Pressemeldung – eine riesige Freiflächen-Photovoltaikanlage. Die LUH will dabei nicht nur die Vereinbarkeit von Photovoltaik und Landwirtschaft weiter erforschen, sondern künftig auch etwa die Hälfte ihres künftigen Stromverbrauchs in Ruthe gewinnen. Für das Jahr 2024 beziffert die Uni diesen Verbrauch auf etwa 46 Gigawattstunden, was dem einer mittleren Kleinstadt entspreche. Die geplante PV-Anlage in Ruthe sei nicht nur ein wichtiger Schritt zur Klimaneutralität der Uni, sondern auch eine Möglichkeit, Geld zu sparen. Für Strom- und Wärmeenergie gab die LUH 2024 eigenen Angaben zufolge rund 20,5 Millionen Euro aus.
Derzeit laufen die „erforderlichen Vorbereitungs- und Planungsgespräche“ für den Solarpark der Uni Hannover, wie LUH-Sprecherin von Münchhausen mitteilt. Und auch eine wirtschaftliche Bewertung des Vorhabens stehe noch aus – erst dann werde „über die Umsetzungsoption des Projekts durch die LUH entschieden“. Parallel dazu läuft auf Seiten der Verwaltung das Bauleitverfahren: Zuerst muss der Flächennutzungsplan für das Areal geändert und dann ein Bebauungsplan aufgestellt werden – darüber entscheidet letztendlich die Sarstedter Politik.
PV-Anlage stünde auf fruchtbarem Ackerboden
Ein möglicher Knackpunkt dabei sind die fruchtbaren Böden auf der Fläche. Die weisen eine vergleichsweise hohe Ackerzahl auf – etwa zwischen 80 und 90. Das Niedersächsische Klimagesetz empfiehlt für landwirtschaftliche Böden mit einem Wert von über 50 eigentlich sogenannte Agri-PV-Anlagen. Diese stehen auf Stelzen und erlauben darunter eine landwirtschaftliche Nutzung. Die LUH plant bislang allerdings mit einer Kombination aus klassischer Freiflächen-Photovoltaik und Agri-PV-Anlagen. Und wie groß die jeweiligen Flächenanteile für die unterschiedlichen Solarmodule letztendlich werden, sei noch unklar, so die LUH-Sprecherin. Das niedersächsische Umweltministerium erklärt dazu, dass im Einzelfall abgewogen werden könne, wenn „besonders wichtige Gründe“ für eine klassische Freiflächen‑PV sprächen. Die Entscheidung liege letztlich bei den Kommunen.
Nun stehen Verwaltung und Politik in Sarstedt vor der Frage, ob der Solarpark in Ruthe auch ohne neues Wohngebiet politisch gewollt ist. „Für Ruthe ist das natürlich sehr schade“, sagt Ortsbürgermeister Christoph Haferland. Denn Bauland ist in dem etwas mehr als 300-Einwohnenden-Dorf rar: Die wenigen verbleibenden freien Flächen unterliegen dem Naturschutz oder befinden sich im Überschwemmungsgebiet von Leine und Innerste.
Ortsbürgermeister Haferland: „Wir wollen mitgestalten“
Haferland hofft auf eine gemeinsame Entscheidung mit dem Ortsrat – das habe die Sarstedter Verwaltung zugesichert. „Wir wollen mitgestalten. Das Ganze muss sozialverträglich für alle Seiten sein.“ Und auch die Schliekumer sollten seiner Ansicht nach gefragt werden. Er selbst habe Verständnis für das Vorhaben der Uni. „Ich werde mich dem nicht in den Weg stellen.“ Wie die Bevölkerung in Ruthe die Entwicklung bewertet, sei derzeit schwer einzuschätzen.
Der aktuelle Stand der Planungen soll am 13. April um 19 Uhr in Ruthe öffentlich vorgestellt werden, kündigte die Sarstedter Verwaltung jüngst an.
