Hildesheim - Klar, habe ich Vorurteile. Zum Beispiel gegenüber Männern, die beigefarbene Popelinejacken tragen. Für mich der Inbegriff der Spießigkeit. Aber: Ist es denn auch so, dass der Träger meine Vorurteile erfüllt? Und wenn ja, wie schlimm ist es eigentlich, spießig zu sein?
Vorurteile revidieren
Denn das muss ja nicht unbedingt bedeuten, dass man engstirnig ist und alles Fremde ablehnt. Auch wenn ich mich gegen manche meiner Vorurteile nicht wehren kann – ich bin jederzeit bereit, sie zu revidieren. Das scheint aber nicht bei allen Menschen so zu sein.
Jede Woche Post
Es gibt einen älteren Herrn, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, mir regelmäßig auf meine Kolumne an dieser Stelle zu schreiben. Das geht schon ziemlich lange so und ich kann mich darauf verlassen, spätestens am Montag eine Mail von ihm zu bekommen. Der Mann ist ein unterhaltsamer Schreiber, sehr pointiert, und manchmal finde ich seine Antworten sogar besser als meine Kolumnen. Ich freue mich jede Woche auf seine Post. Bis jetzt.
Denn in der vergangenen Woche bekam ich eine recht knappe Mail. Hätte er gewusst, dass ich Raucherin war, hätte er mit mir nicht kommuniziert, schrieb mir der Mann. Und wenn ich wieder rückfällig würde, dann würde er die Kommunikation einstellen. Hui, dachte ich. Da sollte ich an dieser Stelle wohl mal etwas über Toleranz schreiben. Leben und leben lassen – das ist meine Devise. Mir ist es schnuppe, ob einer in seiner Wohnung sich nur hüpfend fortbewegt, sich ausschließlich von Gummibärchen ernährt oder täglich zehn Stunden Fernsehen schaut. Ich denke, solange ein Mensch anderen Menschen – generell anderen Lebewesen – nicht schadet, ist doch alles gut.
Ich vermute, der schriftliche Austausch wird hiermit beendet sein. Ich halte es übrigens für durchaus möglich, dass der schreibfreudige Mann keine einzige Popelinejacke sein Eigen nennt.
