Kreis Hildesheim - Er kann sich nicht bewegen. Seine Arme sind mit Ledergurten festgeschnallt, sein ganzer Körper ist fixiert. Der 17-Jährige liegt auf einem Bett in einer Klinik in Celle. Warum? Das weiß er nicht. Er hat Durst und möchte unbedingt Kaffee trinken. Die Krankenschwester bringt ihm das gewünschte Getränk – in einer Schnabeltasse. Wut steigt in ihm hoch. Dieses Gefühl steigert sich, als er an sich herabblickt. Fast nackt ist er, nur mit einem dünnen T-Shirt bekleidet. Sonst nichts. Das soll aufhören. Sofort. Wie so oft überkommt ihn diese Druckwelle im Kopf. Sie befiehlt ihm: handeln. Mit aller Macht. Er spannt seine Armmuskulatur an. Unter dem Druck beginnen die Ledergurte in den Halterungen leise zu knirschen. Plötzlich ein Knall. Er hat den Gurt gesprengt, sein linker Arm ist frei.
Gewalt – das ist seine Strategie
Mit Gewalt erreicht er etwas. Wieder einmal. Eine Erkenntnis, die sich bei dem Jugendlichen schon so sehr verfestigt hat. Er guckt die Schwester an. Sie ist verblüfft. Keiner sagt ein Wort. Alles bleibt friedlich. Erst aus dem Polizeibericht wird der 17-Jährige später erfahren, warum er wie ein Schwerverbrecher ans Bett gefesselt wurde. Es ist erst wenige Wochen her, dass er zurück ist. Zurück aus Ungarn. Dort hat er auf einem einsamen Hof 18 Monate in einem Auslandsprojekt verbracht. Eine intensivpädagogische Maßnahme – so heißt das in der Jugendhilfe.
Tom (Name geändert) aus dem Landkreis Hildesheim ist das, was man einen pädagogischen Härtefall nennt. Von frühester Kindheit fällt er auf: aggressiv, unkontrollierbar und – je älter er wird – auch zunehmend gewalttätiger. Immer wieder gerät er in Streit mit anderen. Seine Mutter erzieht ihn allein, zu seinem Vater hat er keinen Kontakt. Schon als Baby habe sich ihr Sohn nie in den Arm nehmen lassen wollen, sagt die 47-Jährige. Später rastet er immer wieder bei nichtigen Anlässen aus. Bei einer dieser Wut-Explosionen zertrümmert er Sicherheitsglas einer Kliniktür.
Nichts kann seine Wut stoppen
Laut einer medizinischen Diagnose leidet Tom an einer schweren Form von ADHS und an einer hyperkinetischen Störung. Schon vor seinem 14. Lebensjahr gilt er als zu 60 Prozent schwerbehindert. Er braucht ärztliche Behandlung, Therapien und Medikamente. Das steht schnell fest. Nur was und wie viel, das bleibt ein Rätsel. Selbst Tabletten in höchster Dosis zeigen bei ihn wenig Wirkung. Nichts scheint seine Wut stoppen zu können. Seine Mutter hält ihn für gefährlich, kann und will es nicht verantworten, dass Tom bei ihr lebt.
Noch bevor er eingeschult wird, beginnt sein Weg durch Heime, Psychiatrien, Betreuungseinrichtungen und Wohngruppen. Traurige Bilanz: eine Folge sich steigernder Konfliktsituationen. Als Tom 16 Jahre alt ist, scheint bereits jede pädagogische Maßnahme an ihm gescheitert zu sein. Seine Wut gilt als unberechenbar. Seine damit verbundenen Gewaltattacken auch. Tom ist so etwas wie ein Systemsprenger. Jemand, für den es weder Platz noch pädagogische Angebote mehr gibt.
Selten genehmigt: Maßnahme im Ausland
Letzte Chance: das Ausland. Im Januar 2018 trifft das Hildesheimer Jugendamt eine äußerst seltene Entscheidung: eine intensivpädagogische Maßnahme für Tom in Ungarn. Solche Auslandsaufenthalte sind in Hildesheim in den vergangenen Jahren lediglich zweimal gewährt worden. Und nur, weil vorherige Hilfen gescheitert sind, es keine alternativen Unterbringungsmöglichkeiten im Inland gibt, ein längeres Herausnehmen aus Familie und Umgebung erforderlich ist, so lautet die Erläuterung des Jugendamts. Die Kosten pro Tag betragen zwischen 190 Euro bis 270 Euro. Ein stolzer Preis und unter Umständen auf lange Sicht gut angelegtes Geld: Wenn Problem-Jugendliche aufgefangen werden können, dann landen sie später nicht auf der Straße, in Psychiatrien oder Gefängnissen. Solche Auslandsaufenthalte sind nicht unumstritten. „Wir wollen keine Pädagogik unter Palmen“, wetterte einst verächtlich der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Ziel ist ein krasser Milieuwechsel, das Unterbrechen von Routinen und auch so etwas wie die Krise als Chance. Fälle wie Tom sollen ihr Leben in den Griff bekommen – ohne Ausraster.
„Ungarn war die geilste Zeit in meinem Leben – definitiv.“ Das sagt Tom heute. Er ist mittlerweile 18 Jahre und erwachsen. Ein junger Mann mit dunklen, welligen Haaren und braunen Augen. Er trägt graue Jeans, Sportschuhe und eine dunkle Jacke von Camp David. Bei seiner Mutter sitzt er in der warmen Küche und isst ihre selbst gebackenen Kekse, kunstvoll verzierte Herzen und Schokoberge. Sie wohnt in einem Dorf im Landkreis Hildesheim. In seinen Händen hält Tom ein Plastikfeuerzeug. An, aus, an, aus: Mit einem ratschenden Geräusch springt die Flamme jedesmal hoch. So wie seine Wut. „Lass mir eben nichts bieten bei ner Fetzerei. Kann ruhig jeder wissen.“ Für ihn ist das Leben wie ein Nahkampf. Der Stärkere gewinnt. Das hört sich fast etwas stolz an, wenn er über seine Kräfte spricht. Eigentlich hasst er Gespräche.
Lieblingssong: „Bist du ok?“
Sein Tabakpäckchen liegt griffbereit auf dem Tisch. Zeit für die nächste selbstgedrehte Zigarette. Nochmal geht das Feuerzeug an. Tom nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette. Die gehört zu ihm wie sein Handy und die Kopfhörer im Ohr. Er summt leise Mark Forsters „Bist du ok?“ mit. Diese Frage könnte genau für ihn sein. Sein Lieblingssong derzeit. „Das ist so wahr, so verdammt wahr“, sagt Tom.
Ich erkenn dich nicht, Fühlst dich als ob du im Gefängnis bist. Stehst vor 'nem Berg und siehst das Ende nicht. Hast du vergessen wer du bist?
Auf keinen Fall will der 16-jährige Tom im Jahr 2018 nach Ungarn. Was soll das bringen? Eingewilligt hat er schließlich nur unter zwei Bedingungen: Sein Handy muss mit und ja – wegen seiner verzweifelten Mutter. „Die lieb ich über alles“, sagt der Kraftprotz da auf einmal. Das klingt fast schüchtern. Was wäre er ohne seine Mutter? Die 47-Jährige kämpft beharrlich für ihn, versucht ihn zu verstehen. Immer wieder. Ihr einziger Sohn habe nie Sicherheit erfahren, nie Vertrauen bilden können, betont sie. Wie soll er auch, wenn keine Erziehungsmaßnahme ihn auffangen kann, er durch alle Raster fällt, ihm ständig nur Trennungen zugemutet werden. Die Mutter hält einen Moment inne. „Zugemutet werden müssen“, ergänzt sie dann.
Betreuung rund um die Uhr
Mit leichtem Gepäck und schwerem emotionalen Ballast fährt Tom an einem kalten Februartag zusammen mit seinem neuen Betreuer Marek nach Ungarn. Mehr als 1000 Kilometer entfernt zu einem Dorf an den Plattensee. Der Sozialpädagoge wird jetzt rund um die Uhr an seiner Seite sein. Tom zieht bei seinen Gasteltern in ein eigenes Zimmer. Sie haben einen kleinen Bauernhof mit Ziegen, Pferden, Kühen, Hühnern, Hunden und Katzen auf einem mehr als 5000 Quadratmeter großen Grundstück. Das Ehepaar aus Süddeutschland hat es sich zur Aufgabe gemacht, verhaltensauffälligen, schwer erziehbaren und straffälligen Jugendlichen einen strukturierten, familienähnlichen Alltag zu bieten. Mitten in der weitläufigen, ziemlich einsamen Natur Ungarns. Immer nur einen Jugendlichen nehmen sie auf. Diesmal ist es Tom. In der reizarmen Umgebung soll er seine Aggressivität in den Griff bekommen. Stallausmisten, Tiere füttern, Gartenarbeit, Obst aufsammeln, Hof fegen – das ist jetzt sein Alltag. Zudem soll er per Fernunterricht im Internet seinen Hauptschulabschluss schaffen. Alles ist neu und anstrengend.
Tom vermisst seine Komfort-Zone, will seine Ruhe haben. Er beginnt wie so oft auszutesten, wo die pädagogischen Leitplanken verlaufen – diesmal eben bei den Gasteltern. Beide Pädagogen sind beim Militär gewesen, haben eine Kampfsportausbildung. Schon bald kommt es zum ersten Konflikt. Irgendeine Sache um sein Handy. Er kann nicht ohne. Seine Wut springt an, er fährt hoch – so wie immer. Er nennt es Blutrausch, dieses Gefühl, alles bekämpfen und kaputtschlagen zu müssen. Der Sog beginnt. Doch dann passiert etwas, womit Tom nicht gerechnet hat. Ehe er sich versieht, liegt er mit dem Rücken auf dem Rasen. Zwei, drei gezielte Griffe seines Gastvaters reichen. Der streckt ihm gleich die Hand hin, will ihm wieder aufhelfen. Eine völlig neue Erfahrung. Da ist jemand, bei dem er mit Gewalt nicht weiterkommt? Tom klopft ein paar Grashalme von seiner Jeans und sagt ein böses Schimpfwort. Da ist es, das Stoppschild. Er wehrt sich nicht, akzeptiert es. Wohl zum ersten Mal in seinem Leben.
Gute Fortschritte
Tom sei in Ungarn erstmalig über einen längeren Zeitraum pädagogisch erreich- und lenkbar gewesen, so beschreibt es der Landkreis Hildesheim, der sich auf Anfrage zu dem speziellen Fall äußert. „Er machte gute Fortschritte, Rückfälle in Form von ungünstigen Verhaltensweisen konnten vor dem Hintergrund der stabilen Betreuungssituation vor Ort aufgefangen, besprochen und konsequent begegnet werden.“ Der Landkreis darf über Tom sprechen, er hat dazu eingewilligt. Insgesamt habe er sich weiterentwickelt, seine Umgangsformen verbessert und in gewissen Situationen bedachter als früher gehandelt.
Der Auslandsaufenthalt, der zunächst nur für einige Monate geplant war, wird verlängert. Schließlich bleibt Tom anderthalb Jahre in Ungarn. Das Verhältnis zu den Gasteltern wird immer vertrauter. Seine Mutter kommt ihn in Ungarn besuchen und staunt, was für ein ruhiger, fast entspannter Sohn ihr da entgegenkommt. Keine Wutausbrüche, keine Attacken. Und das, obwohl sämtliche Tabletten abgesetzt sind. „Das hätte ich nicht für möglich gehalten – nie“, sagt sie. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte Tom noch länger in Ungarn bleiben sollen. Vielleicht hätte er sogar seinen Schulabschluss geschafft.
Gibt es einen Plan danach?
Doch es kommt anders. Das Jugendamt holt Tom im Sommer 2019 zurück nach Deutschland. „Die Betreuung im Ausland ist der erste Abschnitt einer auf längere Zeit angelegten Hilfe für Kinder und Jugendliche“, erläutert der Landkreis. Aber wie geht es weiter? Hat es einen wirklichen Plan gegeben?
Wie kann das sein? Erst hast du dich verrannt und dann verkeilt. Trägst es rum und fühlst dich ganz allein. Warum machst du dich so klein?Frisst das alles in dich rein. Bist du ok?
„Die Rückkehr ist immer eine Sollbruchstelle“, sagt Klaus Bange, langjähriger Jugendamtsleiter beim Landkreis Hildesheim und inzwischen pensioniert. Er ist heute als Ombudsmann tätig, vermittelt bei Problemen zwischen Bürgern und dieser Behörde. Bange ist überzeugt, dass nur durch eine ausgesprochen gute und zielführende Hilfeplanung und einer offensiven Beteiligung des jungen Menschen ein Rückfall vermieden werden kann. Seiner Ansicht nach haben Auslandsaufenthalte aufgrund von spezifischen Konzepten eigentlich recht gute Chancen auf Erfolg – gerade im intensivpädagogischen Bereich. „Zudem sind sie häufig auch finanziell günstiger als vergleichbare Maßnahmen im Inland.“
Ein Rückfall nach dem nächsten
Tom zieht im Juli 2019 in eine kleine Wohnung in Wunstorf. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er seine eigenen vier Wände – und viel Freiheit. Keine Mutter, keine Gasteltern, kein Betreuer. Er bleibt die meiste Zeit sich selbst überlassen. Über Tom wohnt ein Jugendlicher mit einer ähnlichen Vergangenheit. Der Gleichaltrige, seine coole Art, zieht ihn an. Gemeinsam gehen sie auf Tour: Erst nur irgendwo abhängen und was rauchen, später stehlen sie Fahrräder, brechen Autos auf, lassen Handys und Alkohol mitgehen. Ein Rückfall nach dem nächsten.
Bist du okay? Merkst du nicht? Dass jeder deiner Freunde weiß wie schwer das ist. Dass sich jeden Tag betäuben, gefährlich ist. Und dass ich dich vermiss, wie du wirklich bist
Dann ist Tom plötzlich verschwunden. Abgehauen. Tagelang. Er lebt auf der Straße, schläft auf dem Bahnhof in Wunsdorf. Auch an jenem Tag im August. Es ist sehr heiß. Tom ist morgens schon angetrunken. Er will neuen Alkohol besorgen. Dabei kommt es zum Streit, bei dem Tom jegliche Kontrolle verliert. Komplett ausrastet. Der stämmige Kerl greift grundlos Passanten an, nimmt eine Dönerbude auseinander, beleidigt und schlägt einen alten Mann. Irgendwann fliegt ein Messer. Als er in die Klinik in Celle eingeliefert wird, ist seine Kleidung blutgetränkt. „Ein Amoklauf“, so sagt Tom heute. An Einzelheiten kann er sich nicht erinnern.
Jugendamt spricht vom Scheitern des Aufenthaltes
Seit diesem Vorfall ist der 18-Jährige zurück in Hildesheim, wird von einem freien Träger der Jugendhilfe intensiv betreut. Ein Security-Dienst ist Tag und Nacht vor Ort. Vorfälle hat es so gut wie keine mehr gegeben. Das Jugendamt spricht von einem Scheitern des Auslandsaufenthaltes. „Er benötigt weiterhin intensive Begleitung und die Prognose für eine selbstständige Lebensführung ist schlecht.“ Auf Tom warten mehrere Strafverfahren. Das Gericht hat zuvor ein Gutachten angeordnet.
Und dann? Was für einen Plan hat er selbst? Hat er überhaupt einen? Tom setzt eine seiner zwei Kapuzen ab und antwortet erstmal nicht. Dann sagt er abrupt: „Auswandern wäre gut. Auswandern nach Ungarn.“


