Miese Lage durch Corona

Traditions-Juwelier im Landkreis Hildesheim gibt auf

Alfeld - Wieder wirft ein Familienunternehmen in der Alfelder Innenstadt das Handtuch – nachdem drei Generationen es mehr als ein Jahrhundert lang geführt hatten.

Seit 1924 ist Rossbach in Alfeld ansässig, ab 1935 an der Leinstraße 30. Foto: Nora Garben

Alfeld - Noch hängen an den Wänden von Michael Rossbachs Büro ein Schwarz-Weiß-Foto seines Großvaters Ernst und die Meisterurkunde seines Vaters Heinz aus dem Jahr 1953. Der 59-Jährige betreibt das Geschäft, das seinen Familiennamen trägt, in der dritten Generation. Mit ihm wird die Geschichte des Traditionsbetriebs nun nach 102 Jahren enden. Zum vierten Advent schließt Rossbach.

Doch warum, und warum jetzt? Diese Frage treibt einige Menschen in der Stadt um. „Wenn Sie sich Alfeld angucken, wissen Sie warum“, sagt Michael Rossbach. In den vergangenen Jahren hätten einige inhabergeführte Geschäfte in Alfeld geschlossen. Ob links die Bäckerei Thiesemann oder rechts Wiederholt – „Das ist überall so“, sagt er. „Es ist schon Normalität, es macht ja ständig jemand zu.“ Diesen Schritt, den er bald hinter sich hat, haben viele noch vor sich, glaubt Rossbach.

Geschichte beginnt 1919

Die vergangenen anderthalb Jahre seien geprägt gewesen von Termineinkauf, kompletter Schließung und Kurzarbeit. Einen Nachfolger gibt es nicht. „Sie werden niemals jemanden finden, der so einen Laden übernimmt“, sagt er.

Michael Rossbach ist Kaufmann. Das Geschäft hat er 1983 von seinem Vater, dem Uhrmachermeister Heinz Rossbach, übernommen. Begonnen hat die Geschichte des Familienunternehmens 1919. Ernst Rossbach hatte seine Lehre als Uhrmacher 1908 beendet und machte sich nach drei Jahren als Soldat im Ersten Weltkrieg in Ballenstedt im Harz selbstständig. Nur viereinhalb Jahre später ging er nach Alfeld und kaufte das Uhrengeschäft der Firma Fritz Mundt an der Leinstraße 21. 1934 erwarb er das alte Postamt an der Leinstraße 30. Seine beiden Kinder traten 1957 in das Geschäft ein: Heinz Rossbach als Uhrmacher und Wally Rossbach als Augenoptikerin.

Uhren und Schmuck

In den folgenden Jahren wurde das Ladengeschäft mehrfach erweitert und modernisiert, unter anderem wurde ein separater Verkaufsraum für Goldschmuck eingerichtet. Das Optikergeschäft gab die Familie jedoch nach einigen Jahren wieder auf.

Heute liegt der Schwerpunkt von Rossbach auf Uhren und Schmuck. Das war nicht immer so. Früher gehörten auch Musikinstrumente oder Kerzenständer zum Sortiment. „Im Krieg gab es hier alles“, sagt Rossbach.

Mitarbeiterinnen überrascht?

Michael Rossbach ist seit 39 Jahren im Geschäft. „Ich finde, das reicht eigentlich“, sagt er. Im kommenden Jahr wird Rossbach 60. In den Ruhestand wollte er ohnehin bald gehen, aber jetzt haben ihm die Umstände die Entscheidung abgenommen. „Es nützt ja nichts, immer weiter zu machen und zu hoffen, dass alles gut wird“, sagt er.

Wann er sich zu dem Schritt entschlossen hat, behält Rossbach für sich. Seine Entscheidung betrifft auch die vier Angestellten des Geschäfts. In einer Facebook-Gruppe haben Nutzer berichtet, dass die Schließung die Mitarbeiter unvorbereitet getroffen habe. Eigentlich will Michael Rossbach sich dazu nicht äußern, sagt dann aber doch: „Man kann den Leuten schon unterstellen, dass sie wissen, wohin die Reise geht.“ Jeder, der die vergangenen anderthalb Jahre erlebt hat, könne sich ein bisschen ausmalen, wie die Zukunft aussieht.

Reaktionen des Personals

Überrascht seien sie von der Schließung nicht gewesen, sagt Maren Mönkemeier. „Wir waren traurig und sind es noch.“ Aber alle könnten ihren Chef verstehen, auch wenn keine der drei Frauen weiß, wie es für sie weitergeht. „Ich habe über 35 Jahre Schmuck verkauft, ich kann mir gar nicht vorstellen, etwas anderes zu verkaufen“, sagt Mönkemeier. Ihre Kollegin Silke Allruth ist seit 1989 bei Rossbach. Die 47-Jährige hat hier Kauffrau im Einzelhandel gelernt und ihr ganzes bisheriges Berufsleben hinter den Holztheken verbracht.

Wie es für Michael Rossbach weitergeht, weiß auch er noch nicht. „Ich habe so viel zu tun, da denke ich noch nicht drüber nach.“ Auch was mit dem Gebäude passiert, wird sich zeigen. Die obere Etage steht schon seit mehreren Jahren leer.

Grotjahn startet neue Firma

An diesem Vormittag sind einige Stammkunden gekommen, um noch Bestellungen abzuholen oder sich ein letztes Mal beraten zu lassen. So wie Magrit Janssen. Sie kauft schon seit über 50 Jahren bei Rossbach. Man sei hier immer nett bedient worden und alle seien bemüht gewesen, Wünsche zu erfüllen, erzählt sie. „Ich finde es sehr bedauerlich, wir sind sehr gerne hergekommen und man ist sehr kompetent beraten worden“, sagt auch Elisabeth Rössig.

Ganz verschwinden wird das Angebot der Firma allerdings nicht. Uhrmacher Jens Grotjahn macht sich selbstständig und bietet von zu Hause aus Reparatur- und Wartungsarbeiten an. Sein Hauptgeschäft sei der Austausch von Batterien und Gläsern. Richtige Reparaturen lohnten sich bei Quarzuhren häufig nicht. Aber es gebe durchaus noch Kunden, die eine größere Standuhr von ihren Großeltern geerbt oder eine wertvolle Armbanduhr zum Studienabschluss bekommen haben. Und um die kümmert sich Grotjahn dann.

Der heute 55-Jährige begann seine Lehre als Zeitmesstechniker bei Rossbach 1982. Nach einigen Jahren in anderen Unternehmen kehrte er 1998 zurück. „Im April wären es schon wieder 24 Jahre gewesen.“ Dass er es bei Rossbach nicht bis zur Rente schaffen würde, sei ihm klar gewesen, sagt Grotjahn. „Aber es geht schon eine Ära zu Ende.“

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