Tischfußball

Meisterschaft in Bornum: Was die Faszination Tipp-Kick ausmacht

Bornum - In Bornum wurden am Samstag die Norddeutschen Meisterschaften im Tipp-Kick ausgetragen. Das Turnier bot einen Einblick in eine sehr spezielle deutsche Tradition, die auszusterben droht.

Bornum - Hätte ein Außerirdischer am Samstag die Turnhalle in Bornum betreten, hätte er sich wahrscheinlich gewundert, womit sich die Erdenbewohner so beschäftigen. Da standen weitestgehend ältere Männer um Tische herum und versuchten, einen Ball, der eigentlich eckig ist, in ein Tor zu schießen. Und dazu drückten sie bei den Spielfigur auf einen Knopf.

In Bornum wurden am Samstag die offenen Norddeutschen Meisterschaften ausgetragen. 76 Tipp-Kick-Profis traten gegeneinander an, darunter ein Großteil der deutschen Elite. 14 der Top 20 der deutschen Rangliste, ähnlich wie beim Tennis, waren in dem Bockenemer Ortsteil dabei.

Man muss sich schon einlassen auf die spezielle Sportart Tipp-Kick. Möglicherweise würde manch einer sogar behaupten, dass Tipp-Kick gar kein richtiger Sport ist. Aber das kann man allein schon dadurch entkräften, dass es einen Verband gibt und vier Spielklassen, inklusive Erster und Zweiter Bundesliga.

Das Spiel ist sehr schnell, es kann taktisch geprägt sein, eher offensiv oder defensiv

Andreas Hofert, Spielwart

Mitten in dem Gewusel in der Bornumer Turnhalle steht Spielwart Andreas Hofert vom TKV Jerze und erklärt die Faszination Tipp-Kick. „Das Spiel ist sehr schnell, es kann taktisch geprägt sein, eher offensiv oder defensiv“, sagt der Hildesheimer. Hofert spielt auch gern Fußball. Anders als bei diesem Mannschaftssport sei man beim Tipp-Kick selbst verantwortlich, könne jederzeit den Erfolg beeinflussen.

Die Region Hildesheim ist so etwas wie eine Hochburg der eingeschworenen Tipp-Kick-Gemeinschaft. Den Verein aus dem kleinen Jerze gibt es seit 1982, seit Kurzem spielen die Jerzer in der Ersten Bundesliga. In Hildesheim gab es früher zwei Vereine, einer ging auf das Jahr 1938 zurück. Heute ist nur noch der der Tischfußball-Bund Drispenstedt von 1977 geblieben, aus dem auch der aktuelle Vorsitzende des Bundesverbands, Aimé Lungela, stammt.

Man kennt sich

Andreas Hofert, Spielwart

Dass die Tradition hierzulande so hoch gehalten wird, ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Tipp-Kick-Gemeinschaft in Deutschland insgesamt sehr klein ist. Hofert schätzt, dass es insgesamt 300 Spielende sind, darunter nur etwa zehn weibliche. „Man kennt sich“, sagt Hofert.

Viele Vereine haben nach Angaben von Lungela mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Das vermeintlich altbackene Tipp-Kick steht in Konkurrenz zu Smartphone oder Playstation. Dabei wäre es gut, wenn mehr Kinder und Jugendliche Tipp-Kick spielen würden, sagt Lungela. „Ich arbeite selbst als Schulbegleiter“, sagt der 44-Jährige. Beim Tischfußball werde die Konzentration trainiert, was sehr wichtig sei.

100 Jahre alte Tradition

Sollte der Sport irgendwann aussterben, würde damit eine Tradition beendet, die immerhin 100 Jahre alt ist. Hersteller Mieck aus Baden-Württemberg feiert in diesem Jahr dieses runde Firmenjubiläum. Die Umsätze schnellen immer dann besonders in die Höhe, wenn gerade ein internationales Fußballturnier gespielt wird und die deutsche Mannschaft dabei erfolgreich ist.

Das Material hat sich weiterentwickelt, die Technik hat sich weiterentwickelt

Andreas Hofert

Die Spielfiguren sehen noch heute so aus, als hätte sich seit den Anfangstagen nichts geändert. Und auch die Regeln sind nahezu unverändert, wie Hofert erklärt. Doch ansonsten hat sich in den vergangenen 100 Jahren durchaus einiges getan. „Das Material hat sich weiterentwickelt, die Technik hat sich weiterentwickelt“, berichtet Hofer. Und das sieht man, wenn die Spieler ihre kleinen Köfferchen auspacken, in denen in Schaumstoff gebettet, die verschiedenen Spielfiguren liegen. Niemand von den Profis würde einfach mit einer handelsüblichen Figur antreten. Er hätte wohl auch keine Chance gegen seine Gegner.

Eine Figur kostet bis zu 150 Euro

Das Spielbein wird ausgetauscht durch ein gebogenes Metallstück, das nur noch entfernt an ein menschliches Bein mit Fuß erinnert. Aber die Form des Beins ist nur eine der Stellschrauben. Mindestens so wichtig ist die Mechanik im Inneren der Figur, die für die Übertragung vom Knopf auf dem Spielerknopf zum Bein sorgen. Manche Spieler oder Ex-Spieler haben sich darauf spezialisiert, solche individuellen Figuren anzufertigen. 100 bis 150 Euro muss man schon ausgeben für einen echten Profi-Kicker.

Die meisten Tipp-Kick-Spieler sind weiß, männlich und etwas älter. Von „mitteljungen Herren“ spricht Hofert mit einem Augenzwinkern. Die meisten seien im Alter von 35 bis 60. Es ist eben ein Spiel, das man – anders als etwa echten Fußball – auch mit 75 noch gut spielen kann. Doch die Verantwortlichen wünschen sich mehr Vielfalt. Sie freuen sich daher besonders, wenn Frauen in die Vereine kommen und auch mehr Kinder und Jugendliche. Damit die sehr spezielle deutsche Tradition Tipp-Kick nicht irgendwann tatsächlich ausstirbt.

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