Folgen für Sperrung der Dammstraße

Überraschung an Hildesheimer Bischofsmühle: Bauarbeiten legen Friedhof frei

Hildesheim - Die Kanalbauarbeiten an der Bischofsmühle gehen nicht so schnell voran, wie von der Stadtentwässerung Hildesheim (SEHI) geplant: Archäologen haben dort überraschende Entdeckungen gemacht.

Die Archäologen entdeckten bei den Kanalbauarbeiten an der Bischofsmühle in Hildesheim etwa zehn Skelette, die auf einen bisher unbekannten Friedhof hindeuten. Foto: Archaeofirm

Hildesheim - Die Stadtentwässerung Hildesheim (SEHi) lässt an der Bischofsmühle derzeit einen neuen Mischwasserkanal bauen. Im Zuge der Arbeiten muss das Unternehmen vorübergehend die Dammstraße halbseitig sperren, eigentlich sollte es auch bald so weit sein. Doch das Vorhaben verzögert sich. Denn Archäologen haben im Boden mehrere überraschende Funde gemacht – darunter etwa zehn Skelette.

Angriff der Altstädter machte Dammstadt dem Boden gleich

Dass dort, wo die SEHI die Leitungen verlegen lässt, Zeugnisse der Hildesheimer Vergangenheit in der Erde schlummern könnten, war dem Rathaus-Archäologen Christoph Salzmann klar – schließlich befand sich dort einst die Dammstadt. Der Stadtteil ist 1221 erstmals in Aufzeichnungen erwähnt worden. Er war mit 18 Hektar so groß wie die Neustadt, existierte allerdings lediglich ein Jahrhundert: 1332 hatten Bewohner der Altstadt ihn überfallen und niedergebrannt.

Mit Blick auf die Vorgeschichte machte die Stadtverwaltung der SEHI die Auflage, den Kanalbau von Experten begleiten zu lassen. Seit dem Start des Vorhabens im August schauen deshalb Vertreter von Archeofirm den Bauarbeitern über die Schulter.

Zunächst hatten die beiden Archäologinnen Christiane Brose und Aline Wenig kaum Grund, den Baggern in die Quere zu kommen. Denn das Erdreich unter der Wiese nordwestlich der Bischofsmühle, wo die Arbeiten losgingen, hielt keine Geheimnisse bereit. Doch das änderte sich, je mehr die Baustelle nach Süden wanderte.

So legten die Baggerschaufeln kurz vor der Bischofsmühle eine etwa 1,20 Meter breite Mauer frei. Diese könnte Teil eines Gebäudes gewesen sein, sagt Stadt-Archäologe Salzmann. Doch er hält eine andere Möglichkeit für wahrscheinlicher. „Wir vermuten, dass es sich um die Außenmauer der Dammstadt handelt.“ Diese gefunden zu haben, sei eine Überraschung.

Mauerreste im Boden: Ist es die Außenbefestigung der Dammstadt?

Die entdeckten Mauerreste mussten zwar dem neuen Kanal weichen, nachdem die Archeofirm-Mitarbeiterinnen sie wie alle sonstigen Funde fotografiert und gezeichnet hatten. „Der Aufwand wäre einfach zu groß gewesen, sie zu sichern“, erklärt Salzmann. Vor allem aber ist die Mauer in anderen Bereichen im Boden noch vorhanden, wie sich herausstellte. „Sie ist also nicht völlig zerstört worden“, sagt Rathaus-Sprecher Helge Miethe.

Und die Arbeiten legten weitere Spuren der Hildesheimer Geschichte frei: Einige Meter weiter südlich der Bischofsmühle stießen die Bagger auf Knochen. Insgesamt bargen Brose und Wenig etwa zehn Skelette. Und auch, wenn keines davon vollständig erhalten war, sind die Archäologinnen sicher: An der Stelle müsse sich einst ein Friedhof befunden haben, die Gebeine seien von Westen nach Osten ausgerichtet gewesen. „Wie bei christlichen Bestattungen“, sagt Brose.

Wann die Toten dort beerdigt worden sind, wissen die Archäologen nicht. Der Friedhof lasse sich aber vermutlich der früheren Johannis-Kirche der Dammstadt zuordnen, die ein paar Meter entfernt gestanden habe, glaubt Stadt-Vertreter Salzmann. Theoretisch könnte es sich auch um Menschen handeln, die in dem Hospital gegenüber an der Innerste gestorben seien, an das heute noch eine Mauer am Ufer erinnert. Dass die Toten möglicherweise Opfer des Angriffs der Altstadt von 1332 waren, schließen die Archäologen so gut wie aus. „Es gibt keine Anzeichen von Verletzungen“, berichtet Wenig.

Nach ihrem Eindruck deutet die Größe bei zwei Skeletten auf Kinder hin. Um mehr über die Toten herauszufinden – etwa Geschlecht und Sterbealter – , seien weitergehende Untersuchungen erforderlich. Ob er diese in Auftrag geben könne, hänge von seinen finanziellen Mitteln ab, sagt Salzmann.

Fest steht dagegen: Die Knochenfunde haben den Zeitplan der SEHI durcheinander gebracht. „Damit haben wir nicht gerechnet“, erklärt SEHI-Bereichsleiter Michael Ködding. Denn es dauere eben, die Skelette zu bergen. Die SEHI hatte das gesamte Vorhaben ursprünglich mit zwei Jahren veranschlagt, Ködding schätzt die bisherige Verzögerung auf sechs bis acht Wochen. Es könnten noch mehr werden. Denn noch ist die Baustelle 20 Meter von der Dammstraße enfernt – und die Archäologen halten es für möglich, in dem Bereich weitere Skelette zu finden. Kein Wunder, dass sich Polier Christian Gogol nicht festlegen will, wann die Sperrung der Dammstraße wohl ansteht.

Auf der anderen Seite sind Skelett-Funde bereits jetzt gewiss

Nachdem der neue Kanal dort in den Boden gesetzt worden ist, geht es auf der südlichen Seite der Fahrbahn weiter – schließlich soll die Leitung erst nach insgesamt 450 Metern am Wasserkraftwerk am Johanniswehr enden. In diesem Abschnitt sind Gräberfunde garantiert – die Stadt hat dort von Anfang des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts den Johannisfriedhof betrieben. Salzmann rechnet zudem mit Resten der Stadtbefestigung in der Erde.

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