Das große Los

Und der Hauptgewinn des Hildesheimer Jazz Awards geht an: das Publikum! Unerhörte Klänge beim Preisträger-Konzert

Hildesheim - Die zweite Gala der Jazztime ist der musikalische Höhepunkt des Festivals. Beim HI Five Jazz Award zieht das Publikum das große Los – so etwas erlebt man in Hildesheim nur einmal im Jahr.

Rainer Böhm (links am Klavier) mit seinem Sextett beim Preisträgerkonzert des Hildesheimer Jazz Awards. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Die große Party ist draußen vor dem Theater. Tausende von Menschen, die drei Tage lang die Musik und sich selbst feiern. Doch die musikalisch-weltbewegenden Sachen passieren oft abends im Saal. Vor allem, wenn die Gewinnerinnen und Gewinner des HI Five Jazz Music Award auf der Bühne stehen. Vor zwei Jahren erlebte man die Premiere dieses Preises, den der Rotary Club auslobt, und schon jetzt ist er aus dem Hildesheimer Konzertleben nicht mehr wegzudenken.

Diesmal hat die Jury eine Lösung gewählt, die auch in den Vorjahren schon gepasst hätte: Statt die Auszeichnung in einen Haupt- und einen Nachwuchspreis zu unterscheiden, gibt es mit Rainer Böhm und Rebecca Trescher einfach zwei Hauptgewinne. Beziehungsweise drei: Das Publikum im leider nicht vollen tfn-Saal hat am Sonntagabend definitiv das große Los gezogen.

Ganz weit draußen

Den Auftakt macht das Rainer Böhm Sextett, dessen Besetzung bereits aufhorchen lässt: ein klassisches Jazz-Klaviertrio, ergänzt um drei Bläser mit Altsaxofon, Tenorsaxofon und Trompete. Der Bandleader, Jahrgang 1977, hat dem Vernehmen nach schon auf mehr als 70 CD-Veröffentlichungen mitgespielt, hat auch bekannte Szenegrößen begleitet. Was der Pianist nun mit seinem eigenen Sextett auf die Bühne bringt, ist schlichtweg unerhört.

Böhm holt sich seine Ideen aus dem weiten Feld zwischen Bebop und Freejazz, aber auch aus der Neuen Musik. Namentlich Olivier Messiaen und seine polyrhythmischen Ansätze haben Spuren hinterlassen: Mehrere rhythmische Strukturen erklingen gleichzeitig, und dasselbe passiert auf der tonalen Ebene. Das klingt stellenweise eingängig, im nächsten Moment ist es schon wieder ganz, ganz weit draußen.

Für Ohren und Gehirn könnte das ein bisschen anstrengend werden. Tut es aber nicht. Das liegt nicht zuletzt an den faszinierend angelegten Arrangements. Mal spielen nur Klavier, Schlagzeug und Kontrabass, mal schaffen die drei Bläser ganz allein irisierende Klangsysteme. Bald entspinnt sich ein Dialog zwischen Tenorsaxofon, dann ein Zwiegespräch zwischen Trompete und Schlagzeug.

Die Übergänge zwischen Solo- und Ensembleparts sind so spannend und fließend angelegt, dass man am liebsten auf den Szenenapplaus verzichtet – einfach aus Angst, eins der unzähligen Details in diesem Gesamtkunstwerk zu verpassen. Ach, und das muss ja auch noch gesagt werden: Alle sechs Musiker bewegen sich auf einem extrem hohen virtuosen Niveau. Intellektuelle Attitüde oder aufgesetzte Coolness? Beides ist im Jazz mitunter anzutreffen, doch hier: kein bisschen.

Virtuos, aber bescheiden

Virtuosität gekoppelt mit natürlicher, bescheidener Ausstrahlung: Das lässt sich genauso über die zweite Band des Abends sagen, das Rebecca Trescher Tentet. Es ist ein eindrucksvoller Moment, als die Trescher und ihre neun Mitmusiker auf die Bühne strömen und sich an ihre Instrumente verteilen: Harfe, Flügel, Cello, Kontrabass, Schlagzeug, Vibrafon und diverses Gebläse, namentlich Saxofone, Trompete, Klarinetten, Bassklarinetten, Flöten.

Mit diesem Klangkörper wäre es ein Leichtes, das Publikum akustisch zu überwältigen. Doch Rebecca Trescher liegt nichts ferner als das. Die 37-Jährige legt größten Wert auf Transparenz und erschafft einen kristallinen Sound, in dem all die feinsinnigen Querbezüge zwischen den Instrumenten zum Vorschein kommen. Manchmal wird es ganz leise, dann erklingt nur eine Harfe oder ein einsames Cello.

Wie in „Cloudwalker“ vom neuen Album oder beim zwei Jahre älteren Paris-Zyklus ergeben sich Klangschichten, die unter einer harmonisch samtigen Oberfläche Blicke in eine komplexe Tiefe erlauben. Rebecca Trescher wird gerne als Klangmalerin beschrieben, das liegt ja auch nahe. Wenn man das Bild aufgreift, könnte man sie wohl als William Turner des Jazz begreifen.

Mit Rainer Böhm hat sie eine wichtige Eigenschaft gemeinsam: Beide spielen sich als Bandleader nicht in den Vordergrund, sondern lassen ihren Musikern, allesamt Meister ihres Fachs, viel Raum zur Entfaltung. Beim Tentet ist der Lohn ein fast andächtiges Lauschen des Publikums.

Solche Konzerte hört man Hildesheim nur bei der Jazztime, und dort auch nur im Preisträger-Konzert des HI Five Jazz Award. Die Namen hat man vorher wahrscheinlich noch nie gehört, aber man wird sie ganz sicher nicht mehr vergessen. Ein Riesenlob an die Jury, die wahrhaftig ein Ohr für das Besondere hat. Und das nächste Mal ist die Bude knackevoll, bitte sehr!

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