Uni-Forscher arbeiten pädophiles „Kentler-Experiment“ auf

Titel:  Beschreibung: Die Hildesheimer Wissenschaftler Dr. Wolfgang Schröer und Dr. Julia Schröder sollen im Auftrag der Berliner Senatorin Sandra Scheeres (rechts) das „Kentler-Experiment“ aufarbeiten.
Die Hildesheimer Wissenschaftler Dr. Wolfgang Schröer und Dr. Julia Schröder sollen im Auftrag der Berliner Senatorin Sandra Scheeres (rechts) das „Kentler-Experiment“ aufarbeiten.

Von Jan Fuhrhop

Hildesheim/Berlin. Wissenschaftler der Universität Hildesheim sollen im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung das sogenannte „Kentler-Experiment“ aufarbeiten. Der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler hatte ab Ende der 1960er bis in die 1980er Jahre in Berlin mit dem Wissen der dortigen Kinder- und Jugendhilfe obdachlose Kinder bewusst an pädophile Pflegeväter vermittelt. Von 1976 bis 1996 war Kentler als Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover beschäftigt, er starb 2008.

2013 hatten erstmals das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und die Tageszeitung „taz“ über die verstörende Praxis Kentlers berichtet, der damals Abteilungsleiter des Pädagogischen Zentrums Berlin war und dafür eintrat, Sex mit Kindern zu legalisieren. Die gezielte Unterbringung von Kindern bei Pädophilen verfolgt Kentler „mit dem Ziel der Resozialisierung“. Die aktuelle Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie räumt ein, dass die damals Verantwortlichen der Behörde den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch die Pflegeväter nicht bemerkt, „womöglich bewusst ignoriert oder sogar bewusst beschönigt und gefördert“ haben.

Mindestens drei obdachlose Jugendliche sind damals Opfer von Missbrauch geworden, zwei von ihnen hatten 2017 für einen „Spiegel“-Artikel erstmals öffentlich über die Taten gesprochen. Sein Pflegevater habe ihn über zehn Jahre missbraucht, auch anal vergewaltigt, hatte einer der Betroffenen berichtet.

In einem ersten Gutachten hatten sich bereits Göttinger Wissenschaftler mit Kentlers Machenschaften beschäftigt, aber dabei vor allem dessen eigene Schriften und Aussagen analysiert. Die Hildesheimer Forscher Dr. Meike Baader, Dr. Florian Eßer, Dr. Wolfgang Schröer und Dr. Julia Schröder sollen nun im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung herausarbeiten, inwiefern Kentler in Berlin und überregional durch Behördenmitarbeiter aktiv unterstützt oder gedeckt wurde und welche Konsequenzen sich aus der Vergangenheit für den künftigen Schutz von Pflegekindern ergeben. Das Hildesheimer Forscherteam ist spezialisiert auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe und der Erarbeitung von Schutzkonzepten. Bis Ende November sollen sie nun in einem ersten Schritt ein Konzept erstellen, auf dessen Grundlage sie ein detailliertes Gutachten erstellen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hatte der Berliner Senatsverwaltung das Hildesheimer Forscherteam empfohlen. Rund 80 000 Euro stehen für das Forschungsprojekt zur Verfügung, wie die Berliner Behördensprecherin für Jugend und Familie, Iris Brennberger, gegenüber der HAZ mitteilt. Bis heute haben sich drei Missbrauchs-Opfer der Kentler-Praxis gemeldet, ein Mann hat bereits eine finanzielle Entschädigung bekommen, ein zweiter sie beantragt. Der dritte Betroffene wolle nicht weiter mit dem Fall konfrontiert werden, so Brennberger. Die Sprecherin verweist darauf, dass es durchaus noch mehr Opfer geben könne: „Wir wissen nicht, wie viele es sind.“ Für Betroffene hat die Behörde eine Kontaktstelle eingerichtet.

Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat sich unterdessen am Montag bei einer Pressekonferenz in der Hauptstadt bei den Opfern öffentlich entschuldigt und eine umfassende Aufklärung versprochen. „Das sogenannte Kentler-Experiment gehört zu den dunklen Kapiteln der Geschichte der Berliner Kinder- und Jugendhilfe“, sagte sie. „Es ist zutiefst erschütternd, was Kindern und Jugendlichen mit staatlicher Billigung angetan wurde: Gerade die Schwächsten in der Gesellschaft wurden ihren Peinigern ausgeliefert – von Menschen, die sie schützen sollten.“ Für sie gebe es keinerlei Grund, irgendetwas zurückzuhalten oder zu bremsen. „Die Senatsverwaltung stellt sich ihrer Verantwortung, sie will und muss umfassend aufklären, was in der Vergangenheit geschehen ist.“

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