HAZ-Reportage

Urviecher auf der Weide: Bauer aus dem Kreis Hildesheim hält drei besondere Kühe – die es sogar mit einem Wolf aufnehmen würden

Barienrode/Söhre - Auerochsen sind von Menschen schon im 16. Jahrhundert ausgerottet worden. Doch es gibt Rückzüchtungen, die ähnlich wehrhaft wie ihre Vorfahren sind. Bauer Michael Volm aus Söhre hält drei Exemplare davon in seiner Herde mit Galloways. (Mit Video)

Barienrode/Söhre - Majestätisch hebt das massige Tier seinen schwarzen Kopf, als es Bewegung am Weidezaun wahrnimmt. Die Hörner sind imposant. Nach außen gebogen sind sie und mächtig. Günther heißt die Trägerin des Gehörns. Die Kuh mit dem ungewöhnlichen Namen ist ein Auerochse und gehört dem Biobauern Michael Volm aus Söhre. Der ist gerade mit seiner Freundin Rayana Keil zur Weide am Ortsrand von Barienrode gefahren. Im Kofferraum haben sie ganze Brotlaibe, die werden sie gleich an die Herde verteilen. Doch zunächst steht Volm am Weidezaun, die Hände tief in den Taschen vergraben, die blaue Wollmütze bis über die Augenbrauen ins Gesicht gezogen und schaut zu seinen Tieren.

Die Sonne scheint frühlingshaft an diesem Morgen. Von der Weide aus ist der Ausblick herrlich. Im Süden viel Natur, man kann den Tosmarberg und Söhre sehen. Dreht man sich um, fällt der Blick auf Hildesheim. Die 30 Tiere der Herde stehen oder liegen in der Nähe des Zaunes auf der satten schwarzen Erde, ihrem Futterplatz. Leitkuh Günther ist gerne dort, wo es Futter gibt, erklärt Keil, die seit vier Jahren die Lebensgefährtin von Volm ist. Günther ist kein echter Auerochse, denn die sind ausgestorben. Wie die Tiere einmal genau ausgesehen haben, ist nicht ganz gewiss. Lediglich anhand von Skelettfunden haben Wissenschaftler Zeichnungen dieser Rinder angefertigt. „Der wildlebende Auerochse wurde im 16. Jahrhundert ausgerottet“, sagt Volm. Zunächst sind die Tiere wegen ihres Fleisches gejagt worden. Vor 9000 Jahren begannen die Menschen, diese Rinder zu domestizieren. Die wilden und wehrhaften Artgenossen verschwanden zunehmend aus der Landschaft, weil Menschen ihnen den Lebensraum nahmen. Zudem wurden die Tiere Opfer von Wilderern. 1470 ist der letzte wilde Auerochse im Neuburger Wald in Bayern erschossen worden.

Rasse trägt den Namen Auerochse

Doch wie kann es sein, dass Nachfahren der Rasse, die auch als Ur bezeichnet wurde, putzmunter auf einer Weide bei Barienrode grasen? Weil sie wie die meisten Rinder Abkömmlinge des Auerochsen sind und die Rasse heute als Auerochse bezeichnet wird.

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte. Günther und ihre Artgenossen sind sogenannte Heckrinder. Die wurden von Brüdern Heinz und Lutz Heck anhand von Zeichnungen gezüchtet. Die Brüder, beide Tierforscher und Zoodirektoren, Lutz in Berlin und Heinz in München, kreuzten in den 1920er Jahren mehrere europäische Rinderrassen in der Hoffnung, durch Zuchtwahl ein Abbild des ausgerotteten Auerochsen zu erhalten.

Die Zoologen wollten mit lebenden Tieren einen Eindruck vom Aussehen der Auerochsen vermitteln. „Ein anderer Grund lag in dem Gedanken, wenn der Mensch schon nicht daran zu hindern ist, gegen sich selbst und alle Kreaturen so irrsinnig zu wüten und die Tiere serienweise auszurotten, dass es dann eine sehr erfreuliche Sache ist, wenn wenigstens eine Tierart, die er bereits ausgerottet hat […] wieder zu neuem Leben aufersteht“, so Heinz Heck 1980, zwei Jahre vor seinem Tod.

Da passt es doch schön in die Geschichte, dass Bauer Volms Auerochsen Günther, Liese und Lotte, nun ihrerseits zu Schützern seltener Arten geworden sind. Die Rindviecher sind nämlich Bewahrer der seltenen Apfelrose im Naturschutzgebiet Schwarze Heide. Sie sorgen dafür, dass die Pflanze gedeihen kann und die Flächen nicht zuwuchern. Die Tiere schaffen Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere. Volm hat das Areal von der Paul-Feindt-Stiftung gepachtet.

Es war klar, dass ich etwas mit Rindern machen wollte

Michael Volm, Bio-Landwirt

Der heute 50-Jährige lernte die Rinderart bei seiner Ausbildung in Brandenburg kennen und schätzen. Als er vor 20 Jahren in die Heimat zurückkehrte, aktivierte er die elterliche Hofstelle in Söhre. „Es war klar, dass ich etwas mit Rindern machen wollte“, erinnert er sich. Er nahm Kontakt mit der Paul-Feindt-Stiftung auf und bewirtschaftete zunächst fünf Hektar bei Groß Düngen. Mittlerweile hat er auch Land gekauft, zudem vom Land Niedersachsen und der Gemeinde Diekholzen gepachtet. „Mit dem Kauf ist es ja nicht getan“, sagt Volm. Das Land muss bewirtschaftet werden.

Mischlinge aus zwei Rassen

Dafür hat Volm seine Rinder. Drei Auerochsen, Galloways und Mischlinge aus beiden Rassen. Sie sind mit 400 bis 500 Kilogramm nicht so schwer wie Schwarz-Bunte, die es auf bis zu 1100 Kilo bringen. Die Wiederkäuer leben das ganze Jahr draußen, fressen sogar die Wurzeln der Herkulesstaude, dessen Blüten bei Menschen allergische Reaktionen hervorrufen können. Die ersten Rinder auf der Volmschen Weide waren die Heckrinder. „Dann bekam ich die Möglichkeit Galloway dazu zunehmen. So ist die gemischte Herde entstanden“, erzählt er.

Keil öffnet die Kofferraumklappe und holt ein paar Laibe Brot heraus: „Löckchen, Bienchen, Valentin!“, ruft sie und einige Tiere setzen sich in Bewegung. Nur Günther bleibt noch stehen und checkt die Lage. Tatsächlich seien die Erben des Urs noch recht wild, erklärt Volm. Der Schutzinstinkt sei bei diesen Tieren besonders ausgeprägt. Sie passen sehr gut auf ihren Nachwuchs auf. „Besser als Galloway“, sagt der Landwirt. Die Kühe bildeten einen Kindergarten mit einer Aufpasserin, die die Kälber im Blick behält, während die anderen Muttertiere grasen. „Die würden ihre Kälber nie allein lassen, um zu fressen“, ergänzt Keil. Außerdem sind die Auerochsen sehr wehrhaft. Würde ein Wolf die Herde angreifen – Günther würde ihm die Stirn bieten. „So lange kein Rudel Wölfe hier etabliert ist, haben wir kein Problem“, sagt Volm. Wohl aber, wenn es so wäre, denn mit Weideschutzzäunen ist es so eine Sache im Naturschutzgebiet.

Ich denke, dass die Tiere das schätzen

Michael Volm

Bienchen Maja, ein weiß-braun gestreiftes Tier, buckt sich bei Rayana an und lässt sich mit halb geschlossenen Augen kraulen. Volm, eine Hand in der Hosentasche, die andere auf einem Rinderrücken, schaut sich die Szene zufrieden an. „Bienchen Maja ist möglicherweise so zahm, weil wir ihr bei ihrer ersten Geburt geholfen haben. Vorher war sie sehr zickig, jetzt genießt sie es, mit uns zusammen zu sein“, sagt Volm. Wer weiß, ob das Rind, eine Mischung aus Auerochse und Galloway, die Geburt ohne Hilfe überlebt hätte. „Ich denke, dass die Tiere das schätzen“, sagt Volm ernst. Denn normalerweise sind die Rinder bei der Geburt auf der Weide auf sich gestellt. Alles passiert draußen, auch die Paarung. Künstliche Besamung ist kein Thema. Der schwarze Zuchtbulle Löckchen, der seinen Namen völlig zu Recht trägt, sorgt für den Nachwuchs

Volm ist kein Dampfplauderer. Er redet mit Bedacht. Der hauptberufliche Landwirt, der einige Flächen mit Grünland bewirtschaftet und Hühner auf seinem Biohof hält, kommt nur ins Schwärmen, wenn er von seinen Rindern erzählt. „Meine wichtigste Aufgabe ist, die Herde zahm zuhalten“, sagt Volm. Er kennt jedes Tier, jede Eigenart, jede Vorliebe und jede Abneigung. „Man muss wissen, wen man sich besser etwas auf Abstand hält“, erklärt Volm. Immerhin haben die Tiere noch etwas von ihren wilden Ur-Ur-Ur-Ahnen. Ob die Liese tragend ist? „Keine Ahnung, wir werden sehen“.

Warum hat Kuh Günther einen Männernamen?

Liese ist mit 16 Jahren die älteste in der Herde, sie kann bis zu 30 Jahre alt werden. Die Muttertiere bleiben ihr Leben lang auf der Weide – bis sie sterben. Die anderen kommen mit zwei bis drei Jahren zum Schlachter, die Bullen leben meist ein Jahr länger. Auf ihrem letzten Weg begleitet Volm seine Tiere in die Gemeinde Freden, er soll so stressfrei wie möglich sein. Das Fleisch vermarktet der Bio-Bauer selbst, verkauft zehn bis 25 Kilogramm-Pakete ab Hof. Vom Suppenfleisch bis zum Filet ist alles enthalten. Es gehört zu seiner Philosophie, dass das Tier ganz verwertet wird. Auf dem Neustädter Markt bietet er sonnabends Eier von seinem Hof, Gemüse und Kartoffeln aus Kemme an. „Die Regionalität ist mir wichtig“, erklärt der 50-Jährige.

Nun ist es aber Zeit für das Brot. Mit seiner feuchten schwarzen Nase stupst Löckchen ungeduldig den Bauern an. Der streichelt dem Bullen den Kopf und hält ihm ein halbes Brot hin. Löckchen lässt es sich schmatzend schmecken. Die Rinder scharen sich um Volm und Keil. Auch Günther ist dabei, sie hat ihren Wachposten mal eben aufgegeben. Wenn der Bauer auf der Weide ist, wird schon keine Gefahr drohen. Da kann sie sich ganz beruhigt einen halben Brotlaib sichern. Wie Günther zu ihrem Namen kam? Bis vor vier Jahren nannte Volm alle Tiere Liese. „Das lässt sich gut rufen“, sagt er. Erst als Rayana Keil in sein Leben trat, bekamen die Rinder ihre Namen, auch die Kuh Günther: „Ich fand, sie sieht einfach aus wie einer.“

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