Hildesheim - Es war eine Szene aus seiner Kindheit, an die Altverleger Dr. Bruno Gerstenberg anlässlich seines 80. Geburtstags erinnerte. Der Ort: die Setzerei des Familienbetriebs. Der Handelnde: Dr. Albert Gerstenberg, der seinen fünfjährigen Enkelsohn Bruno mit beiden Händen auf einen Setztisch hob und der versammelten Belegschaft zurief: „Dieser wird euer nächster Chef.“ Ihm sei dabei „nicht besonders behaglich zumute gewesen“, schrieb Dr. Bruno Gerstenberg 75 Jahre später mit dem ihm eigenen Hang für feine Ironie, doch es kam genau so, wie sein Großvater es 1937 vorhergesagt hatte. Dr. Gerstenberg führte das Medienhaus nach Jahrhunderte alter Familientradition in sechster Generation, machte sich als Unternehmer, Verleger und Förderer der Kultur nicht nur um die Firma und ihre Mitarbeiter, sondern auch um seine Heimatstadt Hildesheim verdient. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.
„Das Wichtigste für meinen Vater war seine Familie, der er viel Zeit widmete. Daneben hatte er vielfältige naturkundliche und kulturelle Interessen. Seiner Heimatstadt Hildesheim und ihrer Geschichte war er emotional in besonderer Weise verbunden. Eine zentrale Rolle in seinem Leben spielte die Musik, in der er Ruhe und Kraft fand. Wir verlieren einen charakterstarken, geistvollen und sehr lieben Menschen“, sagte sein Sohn Daniel, der das Unternehmen seit 1997 in siebter Generation leitet, in einer ersten Reaktion.
Volontariat, Studium und Promotion
Bruno Gerstenberg kam am 15. November 1932 als Sohn des Buch- und Zeitungsverlegers Dr. Hans-Albert Gerstenberg und dessen Frau Hertha auf die Welt. Er wuchs mit zwei jüngeren Schwestern auf, besuchte die Grundschule auf dem Moritzberg, ab 1942 unter Kriegsbedingungen das Gymnasium Andreanum, an dem einst schon Firmengründer Johann Daniel Gerstenberg unterrichtet worden war. Die „Firma“ – sie spielte bei Tischgesprächen der Familie oft eine zentrale Rolle, und der jugendliche Bruno Gerstenberg bekam aus nächster Nähe mit, welche immense Aufgabe sein Vater mit dem Wiederaufbau des beim Luftangriff komplett zerstörten Unternehmens im Stadtzentrum schulterte. 1949, nach sechsjähriger Zwangspause, erschien endlich wieder die HAZ. Und Gerstenberg junior machte sich nach seinem Abitur 1954 daran, alles zu lernen, was er brauchte, um den inzwischen wieder florierenden Verlag einmal führen zu können: Volontariat bei der Wilhelmshavener Zeitung und der Münsterschen Zeitung, Studium der Wirtschaftswissenschaften in Mannheim, Prüfung zum Diplom-Kaufmann, Promotionsstudium in Saarbrücken und Köln. Im Juli 1970 wurde Bruno Gerstenberg zum Dr. rer. pol. promoviert, der Titel seiner Doktorarbeit lautete: „Die Hildesheimer Zeitungsunternehmen und die Spiegelung der städtischen Wirtschaft in den Zeitungen von 1705 bis 1866“.
Dr. Bruno Gerstenberg lenkte zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Jahre lang Buch- und Zeitungsverlag, Buchhandlung und Druckerei. Zunächst gemeinsam mit seinem Vater Dr. Hans Albert Gerstenberg, und nachdem sich dieser 1975 aus dem Unternehmen zurückzog, allein. Stand das Wirken seines Vaters noch ganz im Zeichen von Wiederaufbau und Wachstum, widmete sich Dr. Bruno Gerstenberg der Neuausrichtung des Unternehmens. 1974 wurde die letzte HAZ in Hildesheim gedruckt, aber die Entscheidung, die Zeitung künftig im Druckzentrum Kirchrode herstellen zu lassen, erwies sich als Glücksgriff. Dr. Gerstenberg vertiefte die guten Beziehungen zum Verlagshaus Madsack durch eine Beteiligung und wie sehr seine Expertise auch in Hannover geschätzt wurde, zeigt sich dadurch, dass er viele Jahre als Mitglied im Aufsichtsrat wirkte. In Hildesheim reagierte er auf die großen technischen Umbrüche, der Bleisatz war nach Jahrhunderten in der Zeitungsproduktion Geschichte, Fotosatz und Digitaltechnik hielten Einzug bei Deutschlands ältester Tageszeitung. Bei aller Offenheit für das Moderne war Dr. Gerstenberg aber auch ein großer Bewahrer. In den Kellergewölben des Tempelhauses, dessen Erhalt ihm sehr am Herzen lag, richtete er die Druck-Offizin als hauseigenes Museum der „schwarzen Kunst“ ein.
Alle Freiheiten für eine kritische Berichterstattung
Oft wurde Gerstenberg als „Verleger vom alten Schlag“ tituliert – Generationen von Redakteurinnen und Redakteuren haben ihn als einen erlebt, der ihnen Freiheiten ließ und sie dadurch zur kritischen Recherche und Berichterstattung anspornte. „Ich habe mich nie eingemischt, der Redaktion viel freie Hand gelassen und nie gesagt, da geht es lang“, brachte er einst seine Maxime auf den Punkt. Der gelegentliche Versuch, unliebsame Veröffentlichungen durch einen Anruf oder einen Brief an den Verleger zu verhindern, schlug deshalb immer fehl.
Dr. Bruno Gerstenberg war es auch, der den Buchverlag aus der Nische führte und zum modernen Publikumsverlag umgestaltete. Lag der Schwerpunkt bislang bei wissenschaftlichen Reprints, erschienen unter dem Namen Gerstenberg nun zum Bespiel Kinderbuchklassiker wie „Die kleine Raupe Nimmersatt“ von Eric Carle und verschafften dem Verlag großes Ansehen.
In die Öffentlichkeit drängte Dr. Bruno Gerstenberg gleichwohl nie. Wenn er schon selbst in seinem Blatt auftauchte, dann nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Etwa, als 1980 mit Bundespräsident Karl Carstens das 275-jährige oder 2005 im Beisein des Bundeskanzlers Gerhard Schröder das 300-jährige Bestehen der Zeitung gefeiert wurde. Oder 1999, als er für seine vielfältigen Verdienste um die Förderung der Kultur das Bundesverdienstkreuz erhielt.
Zwei Jahrzehnte lang war Dr. Gerstenberg Vorsitzender, später Ehrenvorsitzender des Kulturrings, und um diesen dauerhaft in sichere Fahrwasser zu bringen, rief er als Förderer 1997 die Stiftung Kulturring ins Leben. „Ich habe weder Jagd noch Yacht. Mein Herz schlägt für die Musik!“, pflegte er zu sagen, und sein Engagement hörte bei der Ernsten Musik nicht auf. Kellerkino, Musikschule, Dombauverein, Gelber Turm, Heimat- und Geschichtsverein, Paul-Feindt-Stiftung, als Förderer war er stets ansprechbar, half in der ihm eigenen Art diskret und lösungsorientiert. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang fungierte er zudem als ehrenamtlicher Handelsrichter am Landgericht Hildesheim.
Bis ins hohe Alter kam er regelmäßig in sein Büro
Dr. Gerstenberg war leidenschaftlicher Tennisspieler, seit 2017 auch Ehrenmitglied in „seinem“ HTV. Er begeisterte sich zudem für die Natur, und das mit einem breiten Spektrum von Aquaristik bis Ornithologie, seine Naturfotografien entwickelte er zunächst noch selbst, später baute auch er auf die Vorzüge der Digitalfotografie.
Bis ins hohe Alter war Dr. Bruno Gerstenberg seiner Zeitung verbunden, deren Herausgeber er bis 2013 war. Erst im Alter von 90 Jahren legte er sein Mandat als Geschäftsführer nieder, und fast bis zu dieser Zeit kam er regelmäßig in sein Büro in der Rathausstraße, wo er etwa die Firmengeschichte aufarbeitete, Fotos sichtete und mit Rat und Tat zur Seite stand. 2009 starb seine Ehefrau Waltraut, 2011 seine Tochter Amelie, schwere Schicksalsschläge, nach denen der Kontakt zur Firma seinem Leben „einen gewissen Halt und Sinn“ gegeben habe, wie er selbst resümierte. Diese „Firma“ und alle, die mit ihr zu tun hatten und haben, sind Dr. Bruno Gerstenberg zu großem Dank verpflichtet. Als Unternehmer, Verleger und Förderer der Kultur hat er die Stadt geprägt. Sein Vermächtnis wird weiterleben.
