Kreis Hildesheim - Am 13. Juli 2022 hat ein Unternehmen aus dem Landkreis einen Antrag auf Corona-Verdienstausfall für einen seiner Mitarbeiter gestellt. Das war vor ziemlich genau einem Jahr. Es geht nur um einen mittleren dreistelligen Betrag. Keinesfalls existenzgefährdend für die Firma. Aber die Geschäftsführerin, die immer wieder beim Gesundheitsamt nachgefragt hat, ärgert sich trotzdem über die extrem lange Bearbeitungszeit: „Wir sind mit Sicherheit nicht die einzigen.“
3000 Anträge stapeln sich
Das bestätigt Kreissprecherin Birgit Wilken. Die Anträge stauten sich bis zum 3. Mai 2022 zurück. 3000 Anträge stapeln sich derzeit auf den Schreibtischen, deren Bearbeitung noch nicht oder „nur sichtend“ begonnen hat. Die Gründe dafür sind laut Wilken „vielschichtig“. Es habe mehrere Änderungen „fachlicher Vorgaben“ gegeben. Außerdem hatte das Sozialministerium wegen einer Gerichtsentscheidung zwischenzeitlich einen Bearbeitungsstopp verhängt. Und es gab technische Probleme. Aber auch unbesetzte Stellen sorgten für den langen Antragsstau. „Eine seriöse Prognose, bis wann alle Anträge bearbeitet sind, ist deshalb nicht möglich – zumal auch weiterhin Anträge eingehen.“
Und insofern steht der Fall auch symptomatisch für ein großes Problem in der Hildesheimer Kreisverwaltung: Der Fachkräftemangel schlägt immer weiter zu – und sorgt dafür, dass etliche Leistungen nur noch mit großer Verzögerung angeboten werden können. Jede zehnte der derzeit 1140 Stellen im Kreishaus sind nach Angaben von Kreissprecherin Birgit Wilken unbesetzt. Damit hat sich das Problem noch weiter zugespitzt. Anfang 2021 waren noch sieben Prozent der damals 975 Stellen vakant.
Probleme im IT-Bereich
Die Personalprobleme sind nicht in allen Abteilungen der Kreisverwaltung gleich groß. Besonders schlimm ist die Lage unter anderem im IT-Bereich. Weder 2021 noch 2022 konnten offene Stellen für IT-Fachleute besetzt werden. Allein sechs Ausschreibungen hat es im vergangenen Jahr gegeben – sämtlich erfolglos. Die Verantwortlichen haben jetzt schon die Anforderungen gesenkt, um überhaupt an Personal zu kommen. Genommen werden nun auch Menschen, die zwar nicht über das eigentlich geforderte Studium verfügen, dafür aber über gleichwertige Fähigkeiten und einschlägige Berufserfahrung.
Am größten sind die Personalprobleme bei den Ärzten. „Oft liegen gar keine Bewerbungen vor, in anderen Verfahren werden die einzelnen Bewerbungen sogar im Laufe des Verfahrens wieder zurückgezogen, weil die Bewerbenden ein anderes, lukrativeres Angebot erhalten haben“, berichtet die Kreissprecherin. Zwar kann der Landkreis Zulagen anbieten, damit aber laut Wilken trotzdem nicht mit den Gehältern der freien Wirtschaft konkurrieren. Derzeit sind insgesamt 4,5 Arztstellen unbesetzt.
Aber auch in anderen Bereichen gibt es Personalprobleme. Und die führen zu großen Einschränkungen für Bürgerinnen und Bürger. So muss man etwa derzeit in der Erziehungsberatungsstelle etwa sechs Wochen auf einen Termin warten. In der Elterngeldstelle, in der es in der Vergangenheit wegen fehlenden Personals, zu Schwierigkeiten kam, wurden neue Mitarbeitende eingestellt. „Inzwischen bestehen jedoch leider unter anderem wegen der langfristigen Erkrankung von zwei Mitarbeiterinnen wieder längere Bearbeitungszeiten“, erklärt Wilken.
Große Terminschwierigkeiten
Noch schlimmer ist die Situation in der Ausländerbehörde. Im Bereich Asyl dauert es in Einzelfällen bis zu ein halbes Jahr, bis man einen Termin bekommt. Allerdings bezieht sich dies nicht auf die Stellung eines Asylantrags, sondern auf weitere Behördengänge im Zusammenhang mit dem Asylverfahren. Bei anderen ausländerrechtlichen Angelegenheiten, also wenn es nicht um Asyl- und Flüchtlingsangelegenheiten geht, dauert es immerhin bis zu acht Wochen. Will man als Ausländer in Deutschland eingebürgert werden, muss man hingegen teilweise mehr als ein Jahr auf die Bearbeitung des Antrags warten.
Auch bei Baugenehmigungen kommt es weiterhin zu größeren Verzögerungen, wie Wilken mitteilt. Speziell für diesen Bereich hat Landrat Bernd Lynack ein externes Büro mit einer Organisationsuntersuchnug beauftragt.
Das Problem ist inzwischen so tiefgreifend, dass Stellen teilweise allein deswegen nicht mehr ausgeschrieben werden können, weil auch dazu schlicht das Personal fehlt. Diesem Trend wollen die Verantwortlichen mit einer Aufstockung des Verwaltungspersonals begegnen. So werden die Ausbildungszahlen erhöht. Außerdem hofft man auf mehr Übernahmen nach Abschluss der Ausbildung, indem die Azubis intensiver betreut werden als derzeit. Eine weitere Strategie des Landkreises besteht darin, Quereinsteigerinnnen und -einsteiger einzustellen, etwa aus kaufmännischen Berufen.
Und was macht die Kreisverwaltung, um sich angesichts zunehmender Konkurrenz um Arbeitskräfte attraktiv zu machen? Eingeführt werden sollen sogenannte Benefits, also Mitarbeitervorteile, wie es sie in anderen Unternehmen schon lange gibt. Also Jobticket, Fahrrad-Leasing oder Firmen-Fitness-Angebote. Die Kreisverwaltung musste dazu erst Hürden überwinden, die durch das Tarifrecht entstehen. „Hier sind aber bereits neue Regelungen getroffen worden beziehungsweise sind in Vorbereitung, um diese Leistungen einführen zu können.“ Schon jetzt gebe es im Kreishaus einen weit gefassten Zeitrahmen, in dem die wöchentliche Arbeitszeit – unter Berücksichtigung der dienstlichen Anforderungen – frei eingeteilt werden können, berichtet Wilken. So solle eine ausgewogenere „Work-Life-Balance“ sowie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht werden.
Es droht Verrentungswelle
In den nächsten Jahren könnten sich die Personalprobleme noch durch eine Verrentungswelle verschärfen. Dem will der Landkreis begegnen, indem mehr Auszubildende eingestellt werden. So sind 2024 allein 20 zusätzliche Ausbildungsplätze für Verwaltungsfachangestellte vorgesehen, außerdem zehn Weiterbildungsplätze für extern einzustellendes Personal. Die Strategie wird aber nur dann aufgehen, wenn diese Stellen auch tatsächlich besetzt werden können.
