Hildesheim - Beate Sperling strahlt den Neuankömmling fröhlich an: „Warum siehst du denn so widerlich aus?“, begrüßt sie den Freund – um ihm dann lachend um den Hals zu fallen. Der Mann trägt einfach nur eine kurze Jeans und einen Kapuzenpullover. Damit ist er hier klar in der Minderheit – Beate Sperling und viele andere Besucher des Mittelaltermarktes am Hohnsensee tragen Gewänder, wie man sie so oder ähnlich vielleicht im neunten Jahrhundert trug. Klar, „widerlich“ – das war nur Spaß. Und die Szene ist irgendwie symbolkräftig: Hier darf jeder herumlaufen, wie er will. Er muss nur einen Spaß vertragen können.
Ruhe und Einfachheit
Einmal mehr hat der Mittelaltermarkt Tausende von Besuchern angelockt, viele davon teils aufwendig kostümiert. Auch wenn mancher Ritter noch in Jeans und T-Shirt an der Lucienvörder Allee aus dem Auto steigt und dann schnell auf dem Gehweg in Wams und Lederhose wechselt, sich das Schwert umgürtet und den Helm aufsetzt. Doch was fasziniert die Menschen hier an jener Epoche, die in der Geschichte eher als dunkle Epoche gilt – voller Kriege, Seuchen, Rechtlosigkeit und sozialer Ungleichheit?
„Manches, was dazugehört, mochten wir immer schon“, sagt Michael Sperling, Beates Mann. „Am Lagerfeuer sitzen, die Einfachheit genießen ... und dann ist das hier eine unglaublich friedliche Veranstaltung, es gibt keine grölenden Betrunkenen, die Kinder können auf dem Gelände überall herumlaufen.“ Besonders schön sei, dass der Hildesheimer Mittelaltermarkt bis 22 Uhr geöffnet sei und damit deutlich länger als vergleichbare Veranstaltungen: „Abends, wenn überall die Lagerfeuer brennen, ist das nochmal eine ganz besondere Atmosphäre.
Gemeinschaft ganz wichtig
In Szene gekommen sind die Sperlings, die in Bettrum wohnen, vor einigen Jahren durch ein Familientreffen. „Das sind bei uns immer Mottopartys“, erzählt Beate Sperling. „Und weil das Mittelalter uns schon immer interessiert, haben wir gedacht, wir machen eine Mittelalterparty.“ Um Ideen zu sammeln, besuchten sie mehrere Mittelaltermärkte und lernten dabei Jürgen Gnörich kennen. Der Mann aus Hambühren bei Celle bietet auf solchen Festen „Kinder-Kurzweyl“ an, wie er das nennt, bringt Jungen und Mädchen bei aus Specksteinen Kunstwerke zu schnitzen oder ihre Namen in Lederbänder zu punzieren. Kurzerhand engagierten die Sperlings Gnörich für ihre Feier. „Und das war ein riesiger Erfolg“, erinnert sich Beate Sperling. „Unsere beste Party überhaupt.“
Fortan besuchten sie Gnörich auf Märkten, halfen bei der Betreuung seiner Kinder-Kurzweyl aus, lernten immer mehr Leute kennen. „Das ist einfach eine unheimlich angenehme Gemeinschaft, man freut sich jedes Mal, sich wiederzusehen“, sagt Beate Sperling. Ihr Mann Michael schätzt zudem den praktischen Gemeinsinn: „Der eine baut einen Tisch, der andere Stühle, der dritte hat ein großes Zelt – und bei solchen Treffen können wir alles gemeinsam nutzen.“ Und wer morgens zuerst aufwacht, macht Feuer unter der Metallschale und macht das Wasser für den Kaffee heiß.
Es heißt nicht „Kettenhemd“!
Nicht alles ist mittelalterlich original. Der Kaffee nicht und auch nicht Feldbetten im Schlafzelt von Michael Sperling und seinem 15-jährigen Sohn Falk – und schon gar nicht der kleine Camper, den Beate Sperling an solchen Wochenenden zum Übernachten dem Zelt vorzieht. Aber alles nicht so ernst zu nehmen, gehört zum Wesenskern der Szene. Warum Michael Sperling eine kleine Axt am Gürtel hat? „Ein Schwert würde bei meiner Körpergröße immer auf dem Boden schleifen“, erklärt der eher klein gebaute Bettrumer, während gerade eine Gruppe wahrer Hünen mit Wikingerhelmen und Langschwertern in klirrenden Kettenhemden vorbeimarschiert.
Wobei, Kettenhemden? „Das ist ein Begriff aus dem Fernsehen“, sagt Folk Heri verächtlich. Das ist nicht sein bürgerlicher Name, aber hier auf dem Mittelaltermarkt nennt er sich so. Und er muss das wissen mit den Kettenhemden. Denn er stellt die Schutzkleidung her. Sie besteht aus winzigen Ringen, die miteinander verwoben sind. Hunderte, vielleicht Tausende pro „Hemd“. Jeden Ring biegt Folk Heri mit einer Zange auf, hakt ihn in den vorherigen Ring ein und klemmt ihn mit der Zange wieder zu. „Ringpanzer heißt das, es gibt gar keine Ketten“, erklärt er. Bis einer fertig ist, könne es schon mal zwei Monate dauern. „Das konnten sich nur Reiche leisten, so ein Ding war umgerechnet so teuer wie heute ein Lamborghini“, ist der Handwerker überzeugt.
Handwerk ohne Strom
Falk Sperling schaut aufmerksam. Der 15-Jährige teilt das Hobby seiner Eltern. Während sein zwei Jahre jüngerer Bruder sich nicht mehr dafür begeistern kann und in „Zivilkleidung“ etwas missmutig abseits hockt, ist Falk in seinem Element: „Meine Schulfreunde finden das eher komisch, aber dafür habe ich hier andere Freunde“, erzählt er. Und als in der Schule das Mittelalter drankam, habe er richtig glänzen können: „Da wusste ich Sachen, die wusste sonst keiner.“
Dass die Kinder Spaß haben und dabei auch noch etwas lernen, das ist auch den Sperlings und ihrem Freund Jürgen Gnörich wichtig. „Sie lernen spielerisch handwerkliche Dinge – und sie lernen, wie es ist, dabei ohne Strom auszukommen, zum Beispiel.“
Entschleunigung pur
Und sie lernen, sich zu entspannen. Ein Begriff, der im Gespräch immer wieder fällt und der wahrscheinlich einen wesentlichen Teil des Mittelalter-Zaubers ausmacht: Entschleunigung. „Wir haben alle anstrengende Jobs, sagt Jürgen Gnörich. „Aber hier drängt einen keiner, hier blinkt nicht ständig etwas, hier kann man einfach eine schöne Zeit mit Freunden genießen.
Sogar, wenn sie widerlich gekleidet sind.
Der Mittelaltermarkt ist am Samstag bis 22 Uhr und am Sonntag wieder ab 11 Uhr geöffnet. Sonntag kann das Fest bis 18 Uhr besucht werden. Zugang über den Eingang des Jo-Bades. Alle Infos.



