Hildesheim - Im Normalfall bleibt die Arbeit der Stadtentwässerung (SEHi) im Untergrund verborgen – denn dort verlaufen die Kanäle. Doch das zum Teil mehr als 100 Jahre alte Netz des Unternehmens wird immer dann zum Thema, wenn ein Teil erneuert werden muss: Dann werden Straßen gesperrt, Autofahrer müssen zum Teil erhebliche Umwege in Kauf nehmen. „Von uns hören Sie häufig etwas in der Presse. Und meist ist es negativ“, sagte SEHi-Vorstand Erwin Voß zum Auftakt einer neuen Veranstaltungsreihe seines Unternehmens im Kulturzentrum PULS am Angoulêmeplatz.
Voß möchte bei den monatlichen Terminen über die SEHi und das Kanalnetz informieren, um bei den Bürgern Verständnis für die Arbeit der Stadtentwässerer zu wecken. Das Programm reicht bis zum Jahresende; der Auftakt am Donnerstag gelang: Es kamen 25 Zuhörer.
Die erfuhren, dass das Kanalnetz der SEHi mehr als 700 Kilometer umfasst; noch einmal genauso lang ist die Strecke zu den Hausanschlüssen. Die erste Hildesheimer Abwasserleitung wurde im Jahr 1860 gebaut, sie führte das Abwasser aus der Innenstadt nach Norden in Richtung Innerste. An eine Reinigung der Abwässer hat damals noch niemand gedacht. „Die ersten Leitungen wurden wegen Problemen mit Cholera und Typhus gelegt“, sagt Voß.
Bis zur Jahrhundertwende wurde das Netz auf 27 Kilometer erweitert. Mehr als die Hälfte der Kanäle ist mehr als 50 Jahre alt. „Das ist auch der Grund für die vielen Baustellen“, sagte Voß. Und von denen werde es auch künftig etliche geben.
Das Grundwasser steht gerade hoch – deshalb ist der Zulauf in die Kanäle derzeit höher als sonst
Im Durchschnitt nimmt das Kanalnetz 1000 Kubikmeter Wasser in der Stunde auf, maximal sind 5000 Kubikmeter/Stunde möglich. „Aktuell ist der Zulauf höher als normal, weil der Grundwasserspiegel sehr hoch ist“, erklärte Voß. Etwa ein Viertel des Netzes besteht aus Mischwasserkanälen, die sowohl Regenwasser als auch Schmutzwasser abführen. Diese Kanäle bieten Vorteile, weil sie durch den Regen ausreichend mit Wasser gespült werden. Bei Starkregen fließt damit aber auch zu viel Wasser in die Kläranlage am Hildesheimer Hafen. Die SEHi reagiert darauf mit einer dynamischen Steuerung des Wassers.
Nach den anerkannten Regeln der Technik müsste die SEHi ihre Kanäle alle 20 Jahre überprüfen und gegebenenfalls reparieren oder erneuern. „Das schaffen wir nicht ganz“, räumte Voß ein: Der Kamerawagen, mit dem das Unternehmen den Zustand der Leitung untersuche, schaffe etwa 30 Kilometer im Jahr.
Nach einer Kamerafahrt werde der jeweilige Kanal in sechs Stufen eingeteilt, nach denen die Dringlichkeit für Arbeiten festgelegt werde. Doch für eine angemessene Kontrolle der Kanäle reichten die Kapazitäten aktuell nicht aus. SEHi-Vorstand Voß: „Eigentlich benötigen wir ein zweites Fahrzeug.“
Umwandlung in neue Rechtsform ist für SEHI-Chef Voß ein Erfolg
Die SEHi war bis 2009 ein Regiebetrieb der Stadt Hildesheim, sie wurde dann in eine Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) umgewandelt. „Das ist ein Erfolgsmodell“, findet Erwin Voß. So könne die SEHi schneller auf neue Entwicklungen beim Investitionsbedarf reagieren. Der Unternehmenschef wies auf ein Paradoxon hin. So seien nicht etwa die ältesten Kanäle im schlechtesten Zustand, sondern die Kanäle aus den späten 1940er und 1950er Jahren. Etwa 15 Prozent der heute genutzten Kanäle seien noch vor 1940 gebaut worden.
Der nächste Vortrag der SEHi beginnt am Donnerstag, 23. Mai, um 16 Uhr im Puls, Angoulêmeplatz, es geht um das Sanierungskonzept des Unternehmens für das Kanalnetz.
