Adenstedt - Ein Feldversuch in der Gemeinde Sibbesse lässt in Zeiten des Klimawandels Wissenschaftler hoffen: Die nehmen sich Regenwürmer zum Vorbild. Die Fachleute vom Thünen Institut für Agrarklimaschutz in Braunschweig haben dünne Löcher in verdichtete Böden gestochen. Der Grund: Sie wollten herausfinden, ob dadurch eine tiefere Durchwurzelung des Bodens möglich wird. Erste Ergebnisse zeigen, dass der Plan aufgeht. „Das hat uns völlig umgehauen“, so Professor Axel Don vom Thünen Institut. Ziel ist, auf Dauer die Landwirtschaft zu unterstützen.
Die Klimaveränderungen stellen die Landwirtschaft den Experten zufolge vor immer größere Herausforderungen: „Nach etlichen Trockensommern haben wir es in den letzten Monaten mit extrem viel Wasser auf und in den Böden zu tun.“ Die heißen Tage lassen aber vermuten: Die nächste Dürreperiode kann schon bald folgen. Landwirte müssen sich darauf einstellen. Bisher gibt es dazu nach Angaben der Wissenschaftler nur begrenzte Möglichkeiten. Ein Problem ist, dass das Wasser im Boden für Pflanzen durch Wurzeln oft nicht erreichbar ist.
Mehr als die Hälfe des Bodenwassers befindet sich unterhalb von 30 Zentimetern Tiefe und damit in Bereichen, die oft nicht mehr durchwurzelbar sind. 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Böden in Deutschland haben Hindernisse im Boden, die eine Durchwurzelung bis ein Meter Tiefe und tiefer verhindern.
Meist sind Böden in der Tiefe verdichtet, so dass keine Wurzeln mehr hindurch kommen. Im Raum Hildesheim gibt es überwiegend lehmige, schwere Böden, die besonders empfindlich für Verdichtungen sind. Besonders Wurzeln von Ackerkulturen haben es schwer, weil sie nur wenige Monate Zeit haben sich im Boden auszubreiten.
Die Autobahn für Wurzeln
Nun wurde die neue Idee am Thünen-Institut entwickelt, um Wurzeln zu ermöglichen, in die Tiefe zu kommen, nämlich durch künstlich angelegte Gänge. Bodenwissenschaftler und Versuchsleiter Don erklärt: „Wir haben uns Regenwurmgänge zum Vorbild genommen, die wie eine Autobahn für Wurzeln funktionieren“.
Tiefgrabende Regenwürmer legen im Boden vertikal verlaufende Gänge an, die oft über Jahrzehnte bestehen bleiben. Statt sich durch den verdichteten Boden zu zwängen, wachsen dann auch die Wurzeln durch diese Gänge in die Tiefe. Aber auch Regenwürmer kommen irgendwann nicht mehr weiter, wenn der Boden zu dicht wird. In dem Feldversuch in Adenstedt (Gemeinde Sibbesse) haben die Wissenschaftler erstmals getestet, ob es möglich ist, Regenwurmgänge künstlich in Ackerböden anzulegen. Dazu haben sie angespitzte Metallstangen von knapp neun Millimetern Durchmesser 80 Zentimeter tief in den Boden gedrückt.
9000 künstliche Gänge
Auf dem Versuchsfeld sind so rund 9000 künstliche Regenwurmgänge auf wenigen Quadratmetern gestochen worden. Auf der gleichen Fläche hatten die Regenwürmer nur rund 4000 Gänge angelegt. Don und sein Doktorand Elron Wiedermann waren überrascht: „Fast in jedem künstlichen Regenwurmgang waren eine oder mehrere Wurzeln von den Weizenpflanzen zu finden. Der Weizen kommt jetzt an Wasser und Nährstoffe aus tiefen Bodenbereichen“, erklärt Don.
Mit großem technischem Aufwand wurde vor Jahrzehnten damit begonnen, durch Tieflockerung die Bodenverdichtungen zu durchbrechen. Oft mit wenig Erfolg, weil der Untergrund sich schnell wieder setzte und wieder verdichtet. Die künstlichen Regenwurmgänge hingegen scheinen ziemlich stabil zu sein.
Dieses Jahr ist überall im Boden genügend Wasser vorhanden. Der viele Niederschlag der letzten Wochen war außergewöhnlich. Für das Pflanzenwachstum und die Weizenerträge könnten die künstlichen Poren in Adenstedt dieses Jahr also nicht entscheidend sein. Im Juli werden die Wissenschaftler trotzdem genau beproben, wie sich die neuen Gänge im Boden auf die Erträge auswirken.
Zugang zum Bodenwasser in tieferen Bereichen
Don ist aber zuversichtlich: „Die langfristigen Erträge werden stabiler werden, wenn Ackerkulturen auch Zugang zum Bodenwasser in tieferen Bereichen haben“. Nur sieben Prozent der Ackerflächen in Deutschland können beregnet werden. Die Landwirtschaft der Zukunft muss sich mehr um den Boden kümmern und dabei sollte das Potenzial tieferer Bodenbereiche, wie etwa Wasser- und Nährstoffreserven, genutzt und nicht weiter übersehen werden, so Don.
Zusätzlich sind ihm zufolge Regenwurmgänge und auch die künstlichen Löcher wichtig, wenn es zu Starkregenereignissen kommt. Die Böden rund um Hildesheim sind anfällig für Erosion, wenn Wasser die fruchtbaren obersten Zentimeter davonschwemmt. Wenn der Regen in den Löchern schnell versickern kann, ist auch die Gefahr für Bodenabtrag gebannt. Obendrein scheinen auch die Regenwürmer selber von den künstlichen Gängen zu profitieren. In einigen der neuen Löcher hatten sich bereits jetzt einige angesiedelt.
Wie der Landvolk-Chef die Aktion einschätzt
Als nächsten Schritt soll diese ungewöhnliche Methode auch an anderen Standorten getestet werden. Einen weiteren Versuch gibt es bereits in der Nähe von Schwerin. Danach und wenn die Ergebnisse weiterhin positiv sind, muss über die technische Umsetzung nachgedacht werden, fordern die Experten. Aber: Um Millionen von Löchern in verdichtete Böden zu bohren, braucht es einiges an Kraft und auch noch etwas Ingenieurskunst. „Wir haben gute Ingenieure in Deutschland“, meint Don.
Landvolk-Chef Konrad Westphale zeigt sich von der Aktion der Forscher angetan. Der erfahrene Landwirt sieht aber auch die Frage der Umsetzung. „Das hört sich sehr gut an. Es ist eine tolle Idee. Aber man muss sehen, ob dies im großen Stil praktikabel ist“, so Westphale. Auf jeden Fall sei es sinnvoll, das Thema weiterzuverfolgen.


