Defizit durch Corona

Hildesheimer Volkshochschule droht Insolvenz im September

Hildesheim - Die Geschäftsführerin der Volkshochschule malt ein dramatisches Bild, die Kreisverwaltung wiegelt ab – einig sind sich beide Seiten nur in ihrer Wut auf die Stadt Hildesheim.

Die Zentrale der Hildesheimer Volkshochschule am Pfaffenstieg: Wie geht es mit der Bildungseinrichtung weiter? Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Wenn die Volkshochschule (VHS) Hildesheim nicht schnell frisches Geld von Landkreis oder Stadt bekommt, muss sie Mitte September Insolvenz anmelden. Das hat Geschäftsführerin Margitta Rudolph am Dienstagnachmittag im Finanzausschuss des Kreistages angekündigt. Die Kreisverwaltung sieht die Situation weniger dramatisch: Es reiche, das Thema im Herbst anzugehen. Einig waren sich die VHS-Chefin und die Verwaltung nur in ihrer Kritik an der Stadt.

Durch die Corona-Krise seien bislang 1,8 Millionen Euro an Kursusgebühren weggefallen, sagte Rudolph. Ein großer Teil der Kosten laufe jedoch weiter – Gehälter, Mieten und weitere Ausgaben summierten sich pro Monat auf 450 000 Euro. Im September drohe daher die Zahlungsunfähigkeit.

Kredit gefordert

Die Geschäftsführerin forderte einen Kredit von einer halben Million Euro, um digitale Seminare als neues Standbein aufzubauen und diese bundesweit anzubieten. „Wir müssten das jetzt tun, dann können wir schnell einen Teil der ausfälle kompensieren und langfristig auch für die Zeit nach Corona eine zusätzliche, wirtschaftlich erfolgreiche Säule einzubauen.“ Es gehe ihr um ein Darlehen, das die VHS natürlich auch zurückzahlen wolle.

Kreis-Finanzdezernent Klaus Rosemann bewertete die Lage anders. Eine Insolvenz drohe frühestens Ende Oktober. Es reiche deshalb, dem Kreistag im Oktober einen Vorschlag für das weitere Vorgehen vorzulegen. Aktuell sehe er keinen Anlass, „einseitig“ die VHS zu stützen. Zudem könne es Förderprogramme von Bund und Land geben.

Stichtag im Juli

„Das verstehe ich einfach nicht“, zischte Rudolph leise. Und betonte laut: „Natürlich müsste ich bei einer absehbaren Insolvenz schon vorher Maßnahmen ergreifen.“ Stichtag sei der 15. Juli. Für den Fall, dass sich bis dann nichts tut, nannte sie das Ende des Zweiten Bildungsweges, die Aufgabe der Außenstellen in Sarstedt, Alfeld und Elze sowie Entlassungen von Mitarbeitern.


VHS: Stadt und Landkreis blamieren sich – ein Kommentar von HAZ-Redakteur Tarek Abu Ajamieh


„Undenkbar“ fand das nicht nur Linken-Vertreter Joachim Sturm. „Ohne Zweiten Bildungsweg können wir im Prinzip die ganze Volkshochschule dichtmachen.“ Holger Schütte (Grüne) sekundierte.

Unverständnis für Stadt

Scharfe Kritik übten Rudolph, Rosemann und mehrere Abgeordnete an der Stadt Hildesheim. Hintergrund ist das Trägerkonstrukt: Der Kreis ist über seine Holding zu 50 Prozent Gesellschafter, die andere Hälfte der Anteile hält der Hildesheimer Volkshochschul-Verein. Pro Jahr zahlt die Kreis-Holding 800.000 Euro an die VHS, doch der Verein reicht lediglich 300.000 Euro von der Stadt an die Einrichtung weiter.

Aktuell hat die Stadt laut Rosemann erklärt, sie sei kein Gesellschafter und könne deshalb nicht mehr Geld beisteuern. Der Verein wiederum argumentiert, er habe nicht mehr zur Verfügung. Schlussfolgerung der Kreisverwaltung: Die Trägerstruktur müsse auf den Prüfstand. „Darüber reden wir allerdings seit acht Jahren“, räumte Rosemann ein. Das Verhalten der Stadt sei „nicht akzeptabel“.

„Zahlen abgleichen“

Zumindest darauf konnten sich die Diskutanten verständigen. „Ich verstehe die Stadt nicht“, bemerkte VHS-Chefin Rudolph. Sie habe von der Volkshochschule „den größten Mehrwert“. Christian Berndt (CDU) hielt dagegen: Die Stadt zahle ja bereits für die VHS, alle anderen Städte und Gemeinden täten dies nicht. Eine Verpflichtung bestehe nicht, das sei eher „Tradition“. Mit dieser Meinung blieb er allerdings allein.

Der Finanzausschuss-Vorsitzende Bernhard Evers (CDU) forderte von VHS und Kreisverwaltung „deckungsgleiche Zahlen“ für die weitere Bewertung. Und betonte: „Wir können auf die VHS nicht verzichten.“ Einen Beschluss gab es nicht, Margitta Rudolph verließ den Saal mit versteinerter Miene.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.