Hildesheim - Der nachfolgende Text handelt von Depressionen, selbstverletzendem Verhalten und suizidalen Gedanken. Sollten Sie Probleme mit diesen Themen haben, raten wir Ihnen von der Lektüre ab.
Du bist nicht gut genug, nur eine Last. Wenn du nicht mehr da wärst, ginge es allen besser.“ Kein Tag vergeht, an dem Lisa Trams nicht einer dieser Sätze durch den Kopf geht. Manchmal, wenn sie Auto fährt, nur ein kurzer Moment, eine Erkenntnis: Wenn du da jetzt gegenfährst, dann war’s das, endlich, zum Glück. „Wenn so ein Gedanke laut wird, nehme ich ihn zur Kenntnis, und sage: Ok, Tschüß“, erzählt die 27-jährige Hildesheimerin.
Radikale Akzeptanz nennt sie das. Die Gedanken, mittlerweile nur noch ein Hintergrundrauschen. Jahre sind vergangen, seit sie ihr das letzte Mal Angst gemacht haben. „Heute weiß ich, wie ich damit umgehen muss“, sagt sie. „2020 wusste ich das nicht.“
Der Wunsch, sich normal zu fühlen
Es passiert im August, an einem Montag, als ihr mühsam aufgebautes Kartenhäuschen in sich zusammenbricht. Die ersten Monate des Jahres 2020 – genau genommen, 16 Wochen – verbringt die junge Frau im Klinikum Wahrendorff, einem psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachkrankenhaus in Sehnde. Im Juni startet sie mit der Wiedereingliederung, kehrt an ihren Arbeitsplatz in einem Krankenhaus zurück; dorthin, wo sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester gemacht hat. Sie will nur eines: Normal sein, sich normal fühlen.
An diesem Montag im August, an dem sie Spätdienst und deshalb den Vormittag über frei hat, fühlt sie sich aber nur schrecklich. Sie liegt im abgedunkelten Schlafzimmer, allein, ihr Freund, mit dem sie Wohnung und Leben teilt, arbeitet. Aufstehen ist keine Option, sie schaffft es einfach nicht. Die grundlegenden Dinge, über die man im Alltag kaum einen Gedanken verliert – essen, trinken, aufs Klo gehen –, zu nichts kann sie sich aufraffen. Als hätte jegliche Kraft ihren Körper verlassen, nur noch eine Hülle zurückgelassen, und, ja, Schmerz, Verzweiflung. Schwer vorzustellen für jene, die so etwas noch nie am eigenen Leib erfahren haben.
Futter für die Angst
Irgendwann schafft sie es, ihrer besten Freundin zu schreiben, die beiden, die seit der Grundschule eng verbunden sind, telefonieren schließlich. „Ich weiß nicht, ob sie den Ernst der Lage damals begriffen hat“, sagt Trams heute, „weil ich es sehr heruntergespielt habe.“ Auch ihrem Mann schickt sie Nachrichten, die normal klingen. „Mach dir keine Gedanken“, zum Beispiel, und: „Alles gut.“
Tatsächlich nimmt Trams aber eine Beruhigungstablette nach der anderen, wartet verzweifelt darauf, dass sie wirken, dass das schreckliche Gefühl in ihr ein Ende findet. Schließlich schafft sie es, zum Hörer zu greifen, sich bei der Arbeit krankzumelden; sagt, sie weiß nicht, ob sie am nächsten Tag wiederkommen kann. Gefundenes Fressen für ihre Angst: War’s das jetzt mit der Wiedereingliederung? Mit dem Wunsch, normal zu sein?
Der Gedanke ans Ende
Ein Gedanke jagt den nächsten, die Angst schnürt ihr immer mehr die Luft ab. Stunden fühlen sich wie Minuten an, bis zum Abend hin verlässt Trams ihr Bett nicht. Dann, irgendwann, es ist nur ein Gedanke, ein kurzer Moment: Sie muss nicht mehr kämpfen. Sie könnte allem ein Ende bereiten. Sich, ihrem Leben. Dann wäre alles vorbei, der Schmerz, die Verzweiflung, dann wäre alles gut.
Wenn die 27-Jährige sich an diesen Tag erinnert, darüber spricht, was in ihr vorgegangen ist, bricht sie nicht in Tränen aus oder verzweifelt an den Gedanken, die ihr damals durch den Kopf gingen. Sie ist rational und klar. Da ist keine Scham, keine Spur von dem Bedürfnis, sich selbst zu rechtfertigen, sich von der Person distanzieren zu wollen, die damals am Rande der Verzweiflung gewesen ist.
9,5 Millionen Menschen leiden an Depressionen
Allein ist die junge Frau mit ihrem Leid nicht. In Deutschland leiden schätzungsweise 9,5 Millionen Menschen an Depressionen. Über 10.000 Personen beendeten im Jahr 2023 ihr Leben. Weil sie anderen Menschen zeigen will, dass es auch in schlimmen Zeiten Hoffnung gibt, teilt Trams ihre Erfahrungen auf Instagram. „Ich bin der Mensch, der darüber bestimmt, ob ich weiterleben möchte“, sagt sie. „Und ich weiß heute: Das Leben ist viel zu schön, um aufzugeben.“
Ich bin der Mensch, der darüber bestimmt, ob ich weiterleben möchte – und ich weiß heute: Das Leben ist viel zu schön, um aufzugeben
Auch damals im August ist es ein rationaler Gedanke, der Trams aus dem Abgrund zieht. Es ist die Vorstellung, wie ihr Mann nach der Arbeit heimkommen, sie auffinden würde. Etwas in ihr widersteht dem verlockendem Gedanken ans Ende. Ihren „klitzekleinen Überlebensinstinkt“ nennt Trams das.
Ihre rationale Art rettet sie
Du musst sofort kommen
Und plötzlich ist das Bedürfnis, sich das Leben zu nehmen, nicht mehr ein alles Ergreifendes. Sie ruft ihren Mann an, sagt: „Du musst sofort kommen.“ Gemeinsam fahren sie ins Klinikum, dorthin, wo Trams sich normalerweise zu diesem Zeitpunkt um andere Menschen gekümmert hätte. Nun aber muss sie erst einmal sich selbst retten.
Der Bereitschaftsarzt vom Kassenärztlichen Notdienst braucht nicht lange, um den Zustand seiner Patientin zu erkennen. „Ich sehe, sie leiden gerade richtig doll“, habe er gesagt. Er überweist sie ins Ameos-Klinikum. „Ich musste mich nicht rechtfertigen“, sagt Trams. „Das war unfassbar erleichternd.“
Wieder Klinik
Eine Woche bleibt sie im Ameos, ehe sie wieder Zuhause ist. Ein psychiatrischer Pflegedienst kommt in den folgenden Monaten einmal die Woche zu Besuch, arbeitet mit ihr, erledigt Alltagssachen und schaut nach dem Rechten. Trams steht zu diesem Zeitpunkt auf mehreren Wartelisten für Therapieplätze, entscheidet sich schließlich im Herbst, wieder ins Ameos zu gehen – „das Beste, was ich je gemacht habe“, wie sie sagt.
Wieder fünf, sechs Wochen in der Klinik. Im November 2020 wird sie entlassen. Stabiler. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass Trams kein Problem mit der dunklen Jahreszeit hat. Über 20 Wochen war sie in diesem Jahr stationär in Behandlung. Nun kann sie zur Ruhe kommen. Und doch: Das Gefühl, noch nicht fertig zu sein, bleibt.
Viel durchgemacht: Paar heiratet 2021
684 Tage, nachdem Trams und ihr Partner den Abend im Krankenhaus verbracht haben, gibt sich das Paar das Ja-Wort. Bei ihrer Trauung wird auch ein Zitat aus Titanic verlesen, in dem die Hauptfigur Rose DeWittBukater, von Kate Winslet gespielt, sagt, dass Jack Dawson (Leonardo DiCaprio) sie gerettet hat – „in jeder Weise, wie ein Mensch nur von einem anderen gerettet werden kann“.
Es ist für alle im Umkreis traumatisierend
Trams findet sich wieder in diesen Worten, in ihrer Beziehung zu dem Mann, den sie 2015 kennengelernt hat. Nach dem Tag im August dauert es lange, bis ihr Mann sie in der Wohnung alleine lassen kann, ohne sich Sorgen zu machen. „Für ihn ist das auch alles traumatisierend gewesen“, sagt sie. „Es ist für alle im Umkreis traumatisierend.“
Nach der Hochzeit geht es wieder bergab
Nach der standesamtlichen Hochzeit im Sommer 2021 fällt die junge Frau erneut in ein Loch. „Die Depressionen haben mich eingeholt“, sagt sie. Sie findet zwar einen Therapieplatz, aber das reicht nicht. „Ich habe gemerkt, ich brauche noch viel Unterstützung, aber das kann man ambulant nicht umsetzen.“ Also: wieder Klinik. Diesmal, Anfang 2022, Liebenburg. Klinik Dr. Fontheim, zuständig für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik.
Ich habe gemerkt, ich brauche noch viel Unterstützung
Wieder Kofferpacken, das Lieblingskuscheltier – ein Esel, den ihr Mann ihr vor Jahren geschenkt hat – muss mit, außerdem eigene Handtücher, Bettwäsche, sogar Waschmittel. Damit es im Klinikzimmer nach Zuhause riecht, sich nach Zuhause anfühlt. Wieder neun Wochen woanders leben.
Wie eine offene Wunde – und jeder piekst rein
Bei jedem Klinikaufenthalt fängt die Hildesheimerin bei Null an. Man kennt sich untereinander nicht, muss sich mit den klinikeigenen Strukturen vertraut machen. Wann gibt es Mittagessen, wann Abendbrot? Welche Therapien finden wo statt? Findet man sich in diesem System erstmal zurecht, wird es nicht einfacher.
Einzelsitzungen, Gruppensitzungen, sich permanent mit Themen auseinandersetzen, die man eigentlich lieber verdrängen würde. Als würde man wochenlang mit einer offenen Wunde durch das Klinikgebäude laufen – und jeder piekst noch einmal rein. Es ist anstrengend.
Traumatherapie wühlt vieles nochmal auf
Aber: Es hat auch schöne Seiten. Zusammenhalt, Zeit mit Menschen, die Ähnliches durchmachen, einen verstehen. Filmabende, gegenseitiges Fingernägel-Lackieren, Kochrunden. „Wie eine große Familie“, sagt Trams. Mit einigen ihrer Mitpatienten und -patientinnen pflegt sie bis heute Kontakt.
Meine Mutter würde sagen, ich bin ein schwieriges Kind gewesen – ich war nur ein krankes Kind
Es ist nicht der letzte Klinikaufenthalt für die 27-Jährige. Im Herbst 2022 kehrt sie nach Liebenburg zurück, diesmal für eine Traumatherapie. Wieder mit dem Damals beschäftigen, nur intensiver. „Meine Mutter würde sagen, ich bin ein schwieriges Kind gewesen“, sagt Trams. „Heute weiß ich, ich war nur ein krankes Kind.“
Mobbing und Selbsthass in der Jugend
Ihre Kindheit und Jugend ist von Trauer durchzogen, von dem Gefühl, falsch zu sein. Es fällt ihr, die erst im Erwachsenenalter mit ADHS diagnostiziert wird, schwer, sich auf die Schule zu konzentrieren. Hausaufgaben sind immer ein Kampf.
Ich hatte kein Ventil, um meinen Schmerz rauszulassen
Der Wechsel aufs Gymnasium macht alles nur schlimmer, ihre Noten rutschen ab. Mit zwölf Jahren erleidet sie, wie sie heute weiß, ihre erste depressive Episode, wird von Mitschülern gemobbt, beginnt, sich selbst zu verletzen. Erst oberflächlich, dann tiefer. „Ich konnte einfach nicht mit mir und meinen Emotionen umgehen“, sagt sie, spricht von emotionaler Vernachlässigung; davon, dass sie Zuhause kein Verständnis bekommen habe. „Ich hatte kein Ventil, um meinen Schmerz rauszulassen.“
Tattoos verdecken Narben
Heute verdecken Tattoos einen Großteil ihrer Narben. Schmetterlinge, aber auch Erinnerungen: „You are good enough“, „Du bist gut genug“, „Beauty in the Storm“ – das Schöne im Sturm. Auf ihrem Rücken das Wort „Warr;or“, Kämpfer, das Semikolon ein Zeichen für Überlebende suizidaler Gedanken. Ein Zeichen dafür, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist, weitergeht. Auch Trams’ Geschichte geht weiter.
Fünf Jahre nach ihrer ersten Krankschreibung hat sie den Brief der Rentenkasse in den Händen, ihr Antrag wurde angenommen, sie darf trotz Frühverentung wieder arbeiten. Ihr Beratungsgespräch ist im Februar.
Mit positivem Blick in die Zukunft
Der Gedanke an die Wiedereingliederung macht ihr Angst, klar, immerhin ist sie dabei schon einmal gescheitert. „Aber ich kenne mich jetzt viel besser“, sagt sie. „Ich bin sehr positiv.“ Es fühlt sich so an, als hätte sie in den vergangenen Jahren mehr Zeit in Kliniken verbracht, als in ihrem Zuhause. „Ich hatte andere Pläne für mein Leben“, sagt sie. Natürlich.
Ich hatte andere Pläne für mein Leben
Aber, auch das gehört zur radikalen Akzeptanz: So ist es nunmal. Ebenso wie mit den Gedanken, den schlimmen, den dunklen – sie sind immer noch da, ein Hintergrundrauschen, werden vielleicht niemals weggehen. Aber zu ihnen haben sich andere gesellt. Gedanken daran, was Trams alles nicht erlebt hätte, wenn sie sich damals im August anders entschieden hätte. Ihre eigene Hochzeit, die ihrer besten Freundin, wie eine andere Freundin Mutter geworden ist. Und die Gedanken an all das Schöne, was noch vor ihr liegt.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter den Telefonnummern (08 00) 111 0 111 oder (08 00) 111 0 222 erreichbar. Für Jugendliche ist das Kinder- und Jugendtelefon Nummer gegen Kummer montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 116 111 erreichbar. Der Sozialpsychiatrische Dienst der Region ist unter Telefon (0511) 616-43284 erreichbar, allerdings nicht rund um die Uhr. In Notfällen können Betroffene den Rettungsdienst unter der 112 anrufen.

