Solidarische Landwirtschaft

Vom Hörsaal raus aufs Feld – und nun will eine Gemüsegärtnerei aus Nordstemmen noch mehr Menschen erreichen

Nordstemmen/Hildesheim - Thorben Heuer betreibt die Gemüsegärtnerei Immergruen in Nordstemmen, dabei hat er eigentlich Produktdesign studiert. Nun will er noch mehr Menschen aus Hildesheim für das Projekt begeistern.

Nordstemmen/Hildesheim - „Das sorgt immer für Lacher: Was hast du studiert? Produktdesign. Und was machst du jetzt damit? Gemüse anbauen!“ Arian Obornik steht vor dem Gewächshaus, lacht. Hier, in Nordstemmen, oder auf dem Feld in Mahlerten verbringt der 26-Jährige viel Zeit. Dort mietet die solidarische Landwirtschaft Immergruen 3200 Quadratmeter Ackerfläche von Bio-Bauer Jan Wittenberg an.

Gemeinsam mit Henrike Monninger arbeitet Obornik als landwirtschaftliche Hilfskraft für die Gemüsegärtnerei Immergruen. Thorben Heuer, Mitgründer und seit 2021 Eigentümer von Immergruen, hat die beiden im Produktdesign-Studium an der HAWK kennengelernt – und sie mit seiner Begeisterung für den Gemüseanbau angesteckt.

Tomaten, Gurken, Auberginen – und Süßkartoffeln, wenn’s klappt

Tomaten, Gurken, Auberginen, Zwiebeln, im Herbst auch Kürbisse und, wenn’s klappt, Süßkartoffeln. Ob’s klappt, das ist immer so eine Sache, erzählt Heuer. Das Motto lautet: ausprobieren. Und dann hoffen, dass das Wetter mitspielt. Der tägliche Blick auf die Wetter-App ist für Heuer da natürlich ein Muss. Vor drei Wochen hat er mit seinen beiden Mitarbeitern Pak Choi angepflanzt, „da wäre es gut, wenn’s jetzt mal kälter wird“, sagt Heuer.

Da sind wir schon ein bisschen stolz drauf

Henrike Monninger über die Wassermelonen-Ernte

Aber: Sie sind divers aufgestellt, sodass es immer was zu ernten gibt. So gibt es beispielsweise vier verschiedene Sorten Karotten – einige brauchen mehr Sonne als andere. Die Pflanzen ziehen sie selbst hoch, alles ohne Pestizide. Diesen Sommer gibt es sogar einige Wassermelonen. „Da sind wir schon ein bisschen stolz drauf“, sagt Monninger.

Wissen zum Anbau aus Büchern – und von YouTube

Heuer hat sein Wissen über den Gemüseanbau aus Büchern und von YouTube. Und dann lernt man eben viel aus dem Ausprobieren, Experimentieren. Jetzt, im dritten Jahr, weiß er: Möhren und Zwiebeln nebeneinander, das funktioniert am besten. Angefangen hat alles mit dem eigenen Garten, damals in Groß Escherde, gemeinsam mit seiner Exfreundin.

Ich war immer interessiert in Richtung Selbstversorgung, Nachhaltigkeit, Biodiversität

Thorben Heuer, Inhaber von Immergruen

„Ich war immer interessiert in Richtung Selbstversorgung, Nachhaltigkeit, Biodiversität“, erzählt Heuer. „Im eigenen Garten konnte ich mich etwas ausprobieren – und habe Blut geleckt.“ Ein Zurück hat es für den 32-Jährigen dann nicht mehr gegeben. Einmal mit selbstangebautem Gemüse gekocht, war die Auswahl im Laden um die Ecke für ihn nicht mehr genug.

„Man kennt das Standardsortiment aus dem Supermarkt, und die geschmackliche Qualität ist – wenn man mal selbst Tomaten, Gurken, Karotten angebaut hat – eher dürftig“, sagt er. Beim eigenen, kleinen Garten ist es aber nicht geblieben.

Solidarische Landwirtschaft: So funktioniert’s

Solidarische Landwirtschaft, das heißt: Man teilt sich die anfallenden Kosten und die Ernte. Die drei Hildesheimer von Immergruen kümmern sich um die Felder und ernten das Gemüse. Das wird dann unter den Mitgliedern aufgeteilt, 38 Personen sind das aktuell.

Wer sich beteiligen will, hat drei Varianten zur Auswahl: Halber Anteil, ganzer Anteil und Familienanteil. Für 62,50 Euro pro Monat kann der eigene wöchentliche Gemüsebedarf abgedeckt werden; für 125 Euro können zwei Personen essen – und dann, je nach Bedarf, kann noch aufgestockt werden. Die Mitgliedschaft läuft über eine Saison, sprich ein Jahr. Einmal die Woche holen sich die Mitglieder ihre Gemüsekisten beim Depot in Groß Escherde abholen.

Angebot soll noch mehr Leute aus Hildesheim erreichen

Dort gibt es auch einen Kräutergarten, in dem sich Mitglieder bedienen dürfen, und einen Hühnerstall mit 45 Tieren; Eier kosten aber extra. Die Mitglieder, die auch angehalten sind, selbst auf den Feldern zu helfen, sind überwiegend Frauen, die meisten um die 50 Jahre alt.

Der Großteil kommt aus Mahlerten, Nordstemmen und Burgstemmen; etwa ein Drittel aus Hildesheim. Um noch mehr Leute im Stadtgebiet für ihr Projekt zu gewinnen, planen die Drei eine Abholstelle in Hildesheim. Hierzu sind sie im Gespräch mit der Godehard-Gemeinde. „Wir sind zuversichtlich, dass das klappt“, sagt Obornik.

Plan: Immergruen als Nebentätigkeit

Ein bisschen verrückt muss man aber schon sein, um so etwas auf die Beine zu stellen – oder? „Zumindest idealistisch“, sagt Heuer und lacht. 40 Stunden die Woche verbringt er im Sommer mit der solidarischen Landwirtschaft; betreibt außerdem eine Porzellanwerkstatt in Burgstemmen.

Auch Obornik ist im Porzellanbereich tätig, Monninger steht dagegen kurz vor der Bachelorarbeit. Das große Ziel für alle drei ist es, selbstständig im Bereich Produktdesign zu arbeiten – und das Projekt Immergruen als Nebentätigkeit zu betreiben. Damit das klappt, braucht es aber noch mehr Leute, die bei der solidarischen Landwirtschaft mitziehen.

Übriges Gemüse landet nicht in der Tonne

„Aktuell haben wir so viel Ernte, wir könnten noch 20 Leute mehr versorgen“, sagt Heuer. Überschüssiges Gemüse landet aber natürlich nicht in der Tonne, sondern beispielsweise bei der Tafel in Hildesheim; die konnte sich in dieser Saison schon mehrere Male über frisches Bio-Gemüse freuen.

Heuer kann sich auch eine Zusammenarbeit mit Restaurants oder Läden vorstellen, die das Bio-Gemüse abkaufen – oder für die das Unternehmen gezielt Gemüse anbaut.

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