Hildesheim - Mehr Aufträge, mehr Beschäftigte, mehr Investitionen – und weniger Energieverbrauch: Knapp vier Jahre nach seiner Insolvenz setzt der Hildesheimer Automobil-Zulieferer KSM Castings seinen Aufschwung fort. Die Probleme der Automobilindustrie oder gar die Debatte um eine drohende Deindustrialisierung Deutschlands gehen an dem Unternehmen derzeit völlig vorbei. Vielmehr verbuchte es im vergangenen Jahr die beste Bilanz seit langem, auch wenn die „schwarze Null“ fast verpasst wurde – und rechnet in diesem Jahr erstmals seit vielen Jahren wieder mit einem Gewinn.
Jede Menge Energie eingespart
Bereits im Vorjahr hatte KSM in erheblichem Maße investiert – vor allem in größere Druckguss-Pressen und moderne, energieeffizientere Schmelzöfen. Letztere haben alle Erwartungen erfüllt, betont Detmar Kampmann aus der Geschäftsführung. Rund 10 Millionen Kilowattstunden Strom und Gas habe das Unternehmen – der bei weitem größte einzelne Gasverbraucher in Hildesheim – mit den neuen Öfen gegenüber den alten Modellen eingespart. „Das entspricht ungefähr dem Jahresverbrauch von 650 Vier-Personen-Haushalten“, rechnet Kampmann vor und stellt fest: „Das verbessert unsere CO2-Bilanz, und es wirkt sich auch wirtschaftlich aus.“
Neue Produktionslinie
Einer von mehreren Aspekten, die dazu führen, dass KSM Castings es offenbar aus eigener Kraft aus den roten Zahlen herausschafft, immer weniger auf Geldspritzen des chinesischen Eigentümerkonzerns Citic Dicastal angewiesen ist. Zudem hatte KSM im Vorjahr zwei neue Pressen erworben, die beide größer waren als die bislang größte Anlage in Hildesheim. „Sie erweitern unsere Möglichkeiten deutlich und sind gut ausgelastet“, sagt Kampmann.
Mit Investitionen soll es auch dieses Jahr weitergehen. KSM Castings hat einen Großauftrag gewonnen – für „ein Bauteil, dass jedes Elektroauto braucht“, wie Detmar Kampmann erklärt. Detaillierter will sich das Unternehmen noch nicht äußern, auch nicht den Hersteller nennen, der die Teile in Hildesheim ordert. „Aber es ist ein Einstieg in dieses Segment, wir können zeigen, dass wir das produzieren können“, so Kampmann. Dafür wird ein Teilbereich auf dem Firmengelände umgebaut und eine neue Produktionslinie installiert. Das Produkt soll KSM in den nächsten sieben bis zehn Jahren beschäftigen.
Belegschaft wächst
Der Einbruch bei der E-Mobilität, den andere Automobil-Zulieferer angesichts des Förderstopps des Bundes fürchten, droht KSM nach Einschätzung von Fischer und Kampmann nicht: „Wir sind breiter aufgestellt, viele unserer Bauteile sind auch unabhängig vom Antriebsstrang zu sehen“, sagt Kampmann. Und Fischer sieht den Standort Hildesheim „bis mindestens Ende 2025 ausgelastet, die Auftragsbücher sind voll.“
Wenn es ein Problem gebe, dann, dass KSM nach wie vor nicht genug Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe, um die ganze Arbeit zu bewältigen. „Unsere Leute spüren die vollen Auftragsbücher an den Überstunden“, formuliert Fischer. Gegenüber dem Vorjahr hat das Unternehmen die Belegschaft von 908 auf 937 vergrößert. „Wir stellen aber weiter ein“, betont Sprecherin Sandra Dichter. „Wir suchen in verschiedenen Bereichen dringend qualifiziertes Personal, bilden auch selbst intensiv aus und fort.“
Rückendeckung aus China
Die Firmenspitze hofft, dass die positive Entwicklung seit dem Insolvenzverfahren noch mehr Fachkräfte für KSM begeistert. Dass viele, die im Zuge der Insolvenz gegangen waren, zurückgekehrt sind, stimme ihn positiv sagt Fischer. „Ich denke auch, dass unsere Belegschaft inzwischen wieder nach außen deutlich macht, dass es bei uns wieder gut läuft, dass es auch ein neues Wir-Gefühl zwischen Geschäftsführung und Belegschaft gibt.“ Der Kurswechsel des Eigentümerkonzerns Citic Dicastal, an der KSM-Spitze auf deutschsprachige Manager und auf personelle Kontinuität zu setzen, trage Früchte.
Lob vom Betriebsrat
Das sieht der Betriebsratsvorsitzende Manuel Duarte genauso. Die Arbeitnehmer-Vertretung hatte schon vor Jahren eine stärker aus einheimischen Managern gebildete Führung gefordert und sieht sich nun bestätigt: „Wir ziehen hier wieder an einem Strang, vieles wird jetzt viel schneller und im Konsens umgesetzt.“ Das gelte zum Beispiel für Extras für die Belegschaft – vom Grillfest bis zum Jobrad – die es gab oder die kommen sollen. „Wir müssen heute als Arbeitgeber viel mehr machen, um attraktiv zu sein“, sagt Duarte, der auch lobt, dass befristet Beschäftigte oder Leiharbeiter inzwischen deutlich öfter und schneller unbefristete Arbeitsverträge angeboten bekommen. „Wir haben noch viel zu meistern, aber der Weg stimmt inzwischen“, lautet Duartes Fazit.
Zugleich spüre man nach wie vor die Rückendeckung des Eigners, betont KSM-Chef Fischer, der zusammen mit Kampmann erst vor kurzem von einer Strategiesitzung in China zurückgekehrt ist. Das sei sicher auch ein Vorteil gegenüber anderen Unternehmen in der Gießerei-Branche in Deutschland, die es derzeit alles andere als leicht haben. Banken können sich derzeit nur mäßig dafür begeistern, Betrieben in diesem Industriebereich Darlehen zu gewähren.
Aufsehen auf der Euroguss
Dass bei KSM wieder Stabilität eingekehrt ist, stärke auch das Vertrauen der Großkunden. „Die Unsicherheit durch die Insolvenz hat sich gelegt“, ist Fischer überzeugt. Das habe sich auch kürzlich auf der Messe Euroguss gezeigt. Das ist die für KSM bei weitem wichtigste Industrieschau, sie findet alle zwei Jahre statt. 2022 hatte KSM gefehlt. „Dass wir nun wieder dabei waren, wurde sehr aufmerksam registriert, wir hatten viel Besuch am Stand und viele gute Gespräche“, berichtet Fischer.
