Hildesheim - Meine Beine sehen furchtbar aus. Dieser Gedanke durchzuckt mich vor wenigen Tagen, als ich gerade in einer Umkleidekabine in der Arneken Galerie stehe. Da hatte ich soeben eine sportliche Höchstleistung vollbracht: mich aus zahlreichen Kleidungsschichten befreit und einen Badeanzug anprobiert. Als wäre es nicht schon anstrengend genug, sich auszuklatern und da reinzuquetschen, folgte dann die psychische Herausforderung. Denn als ich mich im Spiegel ansah, prallte grelles, weißes Licht erbarmungslos von oben auf meinen Körper, der schon lange keine Sonne mehr gesehen hat – und ließ mich überhaupt nicht gut dastehen. Vielleicht sollte man auch einfach keine Badesachen anprobieren, wenn es draußen schneit, und die Freibadsaison, genau wie der nächste Sommerurlaub, noch Monate weg sind. Aber es heißt doch so schön: besser haben als brauchen. Im Fall des blöden Badeanzugs jedoch nicht. Er landete wieder auf der Stange, ich ging verstört nach Hause.
Dort sah ich auf dem Sofa ein Video, in dem eine Instagrammerin mit Konfektionsgröße 36 versucht, sich in ein Kleid in Größe L zu quetschen. Vergeblich, es passte hinten und vorne nicht. Liebe Julia, wieso hasst die Modeindustrie uns Frauen so sehr? Schon oft schlugen mir Leidensgenossinnen vor, mal darüber zu schreiben, wie schwer es ist, eine Hose zu kaufen. Darüber, wie viel Verzweiflung und Selbsthass bei jeder Jeans aufkommt, bei der man den Knopf nicht zubekommt. Offensichtlich haben wir alle dieselben Probleme, egal wie groß, klein, schmal oder kurvig. Ich verstehe das nicht: Eigentlich wollen doch jede Modefirma und jedes Geschäft ihre Kleidung verkaufen. Wieso machen sie es den Kundinnen dann so schwer? Es wäre doch eine Win-win-Situation, wenn Kleidergrößen erstens den Maßen entsprechen würden, und man in der Umkleidekabine keinen Heulkrampf bekäme, weil man zweitens über alle Maßen unvorteilhaft angestrahlt wird und sich unwohl fühlt. Ich erinnere mich zum Beispiel nur an zwei, drei Umkleidekabinen, in denen man das Licht selbst einstellen und regulieren konnte – und ich habe sicher schon Hunderte gesehen. In Sachen Wohlbefinden hat das einen gewaltigen Unterschied gemacht. Warum nicht immer so?
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.
