Mastektomie

Vom Wunsch, ohne Brüste zu leben: Non-Binäre Lilo aus Hildesheim entscheidet sich für Operation

Hildesheim - Die 28-jährige Lilo wusste schon früh, dass sich irgendwas anders, nicht richtig anfühlt. Nun, nach einem langen Leidensweg, spricht die gebürtige Hildesheimerin offen über ihr Leben als nicht-binäre Person.

Hildesheim - Als Lilo in die erste, zweite Klasse geht, trägt sie noch Mädchenklamotten – aber nur ungern. So ungern, dass sie sich auf dem Klo umzieht, in heimlich mitgebrachte Jungenkleidung schlüpft. Damals heißt Lilo noch Viviane. Später dann, ab der dritten Klasse, zieht sie die Jungenklamotten gleich Zuhause an. Und wird dafür gemobbt, kassiert sogar Schläge. „Die Diskriminierung zieht sich wirklich durch das ganze Leben“, sagt die 28-Jährige heute.

Die gebürtige Hildesheimerin Lilo Berkmann ist nicht-binär, das heißt, sie fühlt sich weder komplett männlich, noch komplett weiblich. Pronomen sind ihr egal; man kann sie als „sie“ oder „er“ ansprechen, vor allem ist sie aber eins: Lilo eben, Mensch. Auf Tiktok, wo Lilo über 8000 Menschen folgen, spricht sie über das Leben als nicht-binäre Person, will anderen Mut machen, selbst offen zu sich zu stehen. Und sie redet über ihre anstehende Mastektomie, denn: Lilos Brüste haben sich für sie immer schon falsch angefühlt. Dass Lilo so offen über ihr Leben und ihre Erfahrungen sprechen kann, war nicht immer so – im Gegenteil.

Vom Gefühl, nicht normal zu sein

Das Gefühl, nicht normal zu sein, ist in ihrer Jugend Lilos ständiger Begleiter. Damals hat sie noch einen anderen Namen, als Jugendliche fangen ihre Freunde an, sie Lilo zu nennen. Und sie merkt: Irgendwie fühlt sich das gut an. Nicht ganz weiblich, aber auch nicht ganz männlich. Einfacher wird es für Lilo trotzdem nicht. Ein befreundeter Transmann wirft die Frage auf, ob sie nicht auch transgeschlechtlich sein könnte.

Lilo, auf der Suche nach sich selbst, versucht diesen Weg – lebt etwas über ein halbes Jahr als Linus, nutzt die Herrentoilette, die Pronomen „er/sein“. Aber merkt: Das ist es auch nicht so richtig. In ihrer Suche danach, wer sie ist, steigt die Verzweiflung – weil nichts zu passen scheint; weder ganz Frau-, noch ganz Mann-Sein.

Lilo leidet unter psychischen Problemen

Ich war psychisch extrem kaputt

Lilo Berkmann

Das Gefühl, nicht richtig zu sein, wie sie ist, belastet sie schwer. Sie leidet unter psychischen Problemen, ist eigentlich ihr ganzes Leben in psychischer Betreuung; sie nimmt Drogen, verletzt sich selbst – versucht immer und immer wieder, sich das Leben zu nehmen. „Ich war psychisch extrem kaputt“, sagt Lilo heute. „Ob Freunde oder Familie, viele sind gegangen.“ Sie blickt zu Jenny Müller, der Frau, mit der sie seit eineinhalb Jahren zusammen ist. „Damals hättest du es nicht lange mit mir ausgehalten“, sagt Lilo. Jenny winkt ab. „Ach, das hätte ich auch irgendwie geschafft.“

Vor einem Jahr stößt Lilo schließlich im Internet auf den Begriff „non-binär“. Sieht auf Tiktok Videos von Menschen, die wie sie sind – sich weder männlich noch weiblich fühlen. Sie werden zu Vorbildern, helfen Lilo dabei, selbst offen damit umzugehen. Dann wird der Wunsch, sich die Brüste abnehmen zu lassen, immer größer – und Lilo startet einen Spendenanruf an ihre Follower. Denn, das erfährt Lilo schnell, auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse kann sie nicht hoffen.

Urteil vom LSG: Keine Kostenübernahme

Während die Kostenübernahme für dieselbe Operation bei Transmenschen möglich ist, sofern Gutachten die Notwendigkeit überzeugend darlegen, ist das bei nicht-binären Menschen nicht der Fall. Voriges Jahr klagte eine nicht-binäre Person, weil sie ihre Operation selbst bezahlen musste – und bekam vor dem Sozialgericht recht, weil die Rechtsprechung für transgeschlechtliche Menschen auch für nicht-binäre gelten müsse, wie es aus dem Urteil heißt.

Das Landessozialgericht Baden-Württemberg hob das Urteil später allerdings auf und wies die Klage der Person ab. Mit folgender Begründung: Bei Transmenschen geht es bei geschlechtsangleichenden Operationen darum, dem anderen Geschlecht, also jenem, mit dem man sich identifiziert, auch optisch näherzukommen. Dahingegen gebe es für nicht-binäre kein typisches Erscheinungsbild, dem man sich anpassen könnte.

Im Sommer trägt Lilo lange nur Pullis

Nachvollziehen kann Lilo das nicht. Immerhin leidet sie genauso unter ihren Brüsten, auch wenn sie sich nicht als Mann identifiziert. Es ist der erste Sommer, in dem sie ihre Oberweite nicht unter einem dicken Pulli versteckt, sondern sich an weite Shirts herangetraut hat. So unwohl fühlt sie sich in ihrer Haut. Mithilfe eines Kredits will sie sich nun trotzdem ihren Traum von der Mastektomie verwirklichen. Auf Spenden hofft sie dennoch weiterhin, als Krankenpflegerin fällt das Gehalt eben auch nicht so üppig aus. Ein weiteres Problem: Viele Kliniken verlangen trotz Selbstzahlung bei Mastektomien bei nicht-binären Menschen dennoch ein Indikationsschreiben, sagt Lilo.

Nicht-binäre Personen mit dem Wunsch nach einer Mastektomie wurden bei uns noch nicht operiert

Jutta John, ärztliche Leitung des Brustzentrums der Helios-Klinik

Tatsächlich ist dies auch in Hildesheim der Fall. „Bei uns erfolgen keine nicht medizinisch indizierten Eingriffe“, erklärt Judith Seiffert, Sprecherin des St. Bernward Krankenhauses. „Um die medizinische Indikation nachzuweisen, wären vorab entsprechende Gutachten nötig.“ Das BK selbst nimmt keine geschlechtsangleichenden Operationen vor und würde Patienten und Patientinnen in diesem Fall an andere Kliniken überweisen, etwa an das St.-Adold-Stift in Hamburg-Reinbek. Das Helios Klinikum führt zwar Mastektomien als Teil einer geschlechtsangleichenden Operation bei transgeschlechtlichen Menschen durch, wie Jutta John, ärztliche Leitung des Brustzentrums, erklärt. Aber: „Nicht-binäre Personen mit dem Wunsch nach einer Mastektomie wurden bei uns noch nicht operiert.“

Operationstermin Ende August

Lilo, die mittlerweile in Bodenwerder im Kreis Holzminden lebt, hat keine Klinik in der Nähe gefunden, die nicht auf ein Gutachten besteht. Das heißt, sie müsste, obwohl sie die Operation selbst bezahlt, einen möglicherweise langwierigen Prozess durchlaufen, Psychotherapeuten hinzuziehen, viele Unterlagen einreichen. „Das hätte auch wieder ewig gedauert“, sagt Lilos Freundin Jenny. Lilo ist über Tiktok aber auf eine Klinik in Düsseldorf gestoßen, die ohne die Gutachten operiert.

Mir hat der Mut gefehlt

Lilo Berkmann

Überhaupt eine Mastektomie in Betracht zu ziehen fiel ihr schwer, wie sie sagt: „Mir hat der Mut gefehlt.“ Auch hier half allerdings Tiktok: Als sie gesehen hat, wie selbstbewusst andere aus der Community damit umgehen, hat sie das inspiriert. Ende August steht der Operationstermin an. Noch hält sich die Aufregung in Grenzen, aber Lilo glaubt, das kommt noch. Und sie weiß auch, dass sicher nicht alles auf einen Schlag besser wird; sie wird sich erst an den neuen Oberkörper gewöhnen müssen. Aber dann, irgendwann, will sie einmal oben ohne auf dem Christopher-Street-Day mitlaufen. Ein großer Traum.

Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.