Hildesheim - In Hildesheim gibt es nicht nur die älteste, heute noch erscheinende Tageszeitung Deutschlands, die Stadt ist immer auch Sitz vieler Verlage, Buchhandlungen und Antiquariate gewesen. Doch der Verlust von immer mehr inhabergeführten Einzelhandelsgeschäften hat auch vor der Buchhandelsbranche nicht halt gemacht. Gab es früher in der Stadt noch evangelische und katholische, wissenschaftlich oder politisch ausgerichtete Buchhandlungen, kämpfen heute wenige Allrounder gegen die Marktmacht der Internet-Versender.
Geschäft hat sich konzentriert
Mit dem Rückzug von Decius übernimmt der Branchenriese Thalia, zu dem mehr als 340 Buchhandlungen in Deutschland und Österreich gehören, zum 1. Februar die Geschäfte im Lindemann-Haus am Hohen Weg und in der Arneken Galerie. Um die Gunst der Kunden wirbt auch Ameis Buchecke, die vor über 40 Jahren in der Goschenstraße begann.
Heute ist sie zudem in der Andreas-Passage vertreten, bietet bei „Seitenwechsel“ in der Goschenstraße antiquarische Titel. Am Marienburger Platz behauptet sich seit 2014 der Leseladen von Heike Altmann-Hürter. Und im Kloster Marienrode gibt es einen Buchshop mit Schwerpunkt religiöse Literatur.
Bücher aus dem Tempelhaus
Die vielleicht schönste Buchhandlung war lange Zeit die Gerstenbergsche Buchhandlung im Tempelhaus am Marktplatz. Nachdem die Bernward-Buchhandlung 1991 ins Tessner-Haus in der Fußgängerzone gezogen war – zuvor hatte sie ihren Sitz in der Schuhstraße –, vergrößerte sich auch Gerstenberg 1993 um ein zweites Geschäft im Hohen Weg 10, neben der ehemaligen Kreissparkasse.
Ein paar Jahre später schlossen sich die beiden großen Wettbewerber zusammen, gründeten 1999 die Firma „Gerstenberg + Bernward“ mit nunmehr drei Standorten sowie der Bahnhofsbuchhandlung im Hauptbahnhof. 2003 wurde das Tessner-Haus aufgegeben. 2008 zogen ins Tempelhaus die Tourist-Info und die Stadtbücherei, die schon seit 1995 die Räume zwischen Scheelen- und Judenstraße nutzte.
Decius seit 2004
2004 übernahm dann Decius „Gerstenberg + Bernward“ am Hohen Weg, eröffnete wenig später einen zweiten Standort im Lindemann-Haus, das bis dato Haushaltswarengeschäft war. Mit der Einweihung der Arneken Galerie 2012 kam eine weitere Filiale dazu – während der Laden Hoher Weg 10 wieder von der Bildfläche verschwand. „Thalia“ wird daher nur noch am Lindemann-Haus und in der Arneken Galerie stehen.
Der Schwund zeigte sich auch in Hildesheim
Viele kleine Buchhandlungen aber sind mehr oder weniger sang- und klanglos verschwunden. Früher gab es in der Schuhstraße (und am Marienburger Platz) die Buchhandlung Scholz, ein paar Schritte weiter die Evangelische Buchhandlung. In der Dammstraße folgte die Buchhandlung Olms.
In der Almsstraße bot die Roland-Buchhandlung ihre Waren an, in der Friesenstraße saß die Finke’sche Buchhandlung, in der Scheelenstraße hieß die Adresse für Bücher Lax. Nach Eröffnung der Einkaufspassage Ratsbauhof wurden auch hier Bücher, gern von finnischen Autoren, verkauft.
Die lokalen Läden kämpfen weiter ums Überleben
In der Scheelenstraße betrieb derweil der Buchclub Bertelsmann eine Filiale: Mitglieder des Leserings konnten hier ihre Buchkontingente auswählen. Und in der Amsstraße saß mit Weltbild ein Anbieter, der auf Best-of-Titel und Deko-Artikel setzte. Bücher, speziell Schulbücher, wurden vor allem in den Ortsteilen lange Zeit gern auch in Gemischtwarenläden verkauft, deren übriges Sortiment aus Schreibwaren, Bastelbedarf oder Haushaltswaren bestand. Doch auch das ist heute fast überall Geschichte.
Nach Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels wird heutzutage jedes zweite Buch in einer Sortimentsbuchhandlung gekauft, jedes fünfte Buch über den Internetbuchhandel erworben, zu dem aber auch das Online-Geschäft des stationären Handels gezählt wird. Ein Fünftel des Umsatzes entfällt auf den Direktverkauf der Verlage, der Rest sind Umsätze in Warenhäusern, Buchgemeinschaften, Supermärkten.
