Hildesheim - Vor ein paar Monaten bin ich in die Falle getappt, liebe Julia. Es war eine Instagram-Story, die mit dem Lied unterlegt war – ein souliges Cover von Rihannas „Umbrella“. Mir hat die Version richtig gut gefallen, ich fügte das Lied meiner Lieblings-Spotify-Playlist hinzu. Doch nach einigen Tagen war es verschwunden. Als ich das Lied schon gar nicht mehr im Sinn hatte, ploppte es Wochen später plötzlich wieder in einer Story auf – diesmal gekennzeichnet als KI. Uff, der Schock saß tief, Julia. Ich? Reingefallen auf KI-Musik? Schlimm. Und das sollte nicht das letzte Mal sein. Kürzlich sah ich ein Reel mit einem deutschen Hip-Hop-Song, dessen Text mir gefiel. Es gab sogar ein Video dazu – das sah auch echt aus, so, als wäre es auf einem Konzert entstanden. Doch diesmal hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Eine kurze Recherche zeigte: Auch das war KI.
Mir macht das Sorge, Julia: Kann man doch mittlerweile auf den ersten und zweiten Blick wirklich nicht mehr feststellen, was menschengemacht ist und was nicht. Eindeutig künstlich generiert waren dagegen die Bilder auf einer Dating-App, die ich neulich zu Gesicht bekam. Während viele Männer nicht gerade über ein brauchbares Repertoire an Selbstporträts zu verfügen scheinen – entweder sie stellen verwackelte Badezimmer-Selfies, Suchbilder mit fünf anderen Typen drauf oder ein Foto ein, auf dem sie ihre Ex abschneiden –, fiel das Profil eines Nutzers mit mehreren Bildern mit 1a-Belichtung, 1a-Bildausschnitt und 1a-Hintergrund aus dem Raster. Dumm nur: Der Gesichtsausdruck des Mannes sah auf Malle, im Wald und vor seinem BMW verdächtig identisch aus. Das Original-Foto entstand vermutlich doch wieder vorm Klo.
Noch schlimmer sind die Flyer
Hm, noch schlimmer als gefakte Selfies finde ich eigentlich nur die grausamen KI-Speisekarten, -Plakate und -Flyer, die gefühlt alle Restaurants und Kosmetiksalons inzwischen verteilen und die alle gleich aussehen. Bitte, bitte, lasst uns alle wieder mehr Mut zur Realität, Persönlichkeit und Echtheit zeigen und ChatGPT geschlossen lassen. Dafür nehme ich auch gerne ein paar schiefe Töne, verwackelte Fotos oder Rechtschreibfehler in Kauf.
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.

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