Kleinkinderbetreuung

Von wegen Lückenbüßer: Das leistet die Hildesheimer Kindertagespflege

Hildesheim - Verbandssprecherin Diana Klimpel und ihre Kollegin Petra Widdel, die seit 1992 Kleinkinder betreut, erklären, warum ihr Angebot eine professionelle Alternative zu Kitas leistet.

Diana Klimpel und Petra Widdel wollen sich für die Belange von Tagespflegepersonen einsetzen. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Fast jeden Tag schiebt Petra Widdel den Kleinkindertransporter im Moritzberg vor sich her, zu einem der Spielplätze, wo sie dann Station macht und ihre fünf Schützlinge auspackt, Mädchen und Jungen, die alle unter drei Jahren sind. Widdel ist eine der 149 sogenannten Tagespflegepersonen in Stadt und Landkreis Hildesheim. Sie zählen zum Kinderbetreuungsangebot der Kommunen genauso wie Krippen und Kitas. Was Widdel ärgert: „Wir werden oft als Lückenbüßer abqualifiziert. Dabei leisten wir genauso unsere professionelle Arbeit.“

Das sieht auch Diana Klimpel so, selbst auch Tagespflegeperson und außerdem stellvertretende Regionalgruppensprecherin der Bundesvereinigung der Kindertagespflegepersonen: „Wir sind auf uns allein gestellt und werden häufig beim Thema Betreuung als Ergänzung betrachtet. Dabei bieten wir ein eigenständiges Angebot.“

Angefangen als „Tagesmutter“

Widdel hatte 1992 angefangen, damals hieß es noch „Tagesmutter“, weil vor allem Frauen diese Aufgabe übernommen haben. Und das hat sich bis heute nicht verändert. Wie in ihrem Fall ist das leicht erklärt: quasi Hilfe zur Selbsthilfe. 1992 gab es bei weitem nicht so viele Plätze in Kitas, geschweige denn in Krippen. Einen Rechtsanspruch gab es erst recht nicht.

Widdel war damals als Verwaltungsangestellte beschäftigt, als sie schwanger wurde. Als sie Mutter wurde, löste sie das Thema pragmatisch. Zu ihrem Kind kamen zwei Nachbarschaftskinder plus ein kleiner Neffe dazu, das reichte ihr, um beim Landkreis den Antrag zu stellen, als Tagesmutter zu arbeiten.

Betreuung in der eigenen Wohnung

Was sie bis heute macht. Maximal fünf Kinder im Alter bis zu drei Jahren betreut sie in ihrer Wohnung. Das ist die Regel. Großtagespflegen mit zwei qualifizierten Betreuern können bis zu zehn Kinder aufnehmen, das ist bislang aber eher die Ausnahme. Auch, dass Kinder über drei Jahren weiterbetreut werden können, wenn sie keinen Kindergartenplatz finden.

Ina Funk-Flügel ist froh, dass es dieses Angebot gibt. Sie ist eine der rund 600 Elternpaare oder Alleinerziehenden, die sich für eine Tagespflegeperson entschieden haben. Sie hatte ihren Oskar schon früh bei Diana Klimpel angemeldet, weil sie wieder zurück in ihren Beruf wollte.

Was ist mit der Eingewöhnung?

Bereut hat sie es nicht: „Oskar hat sich ganz schnell eingewöhnt und hat das Leben in der Kleinfamilie genossen.“ Meistens, erzählt sie, kommt auch der Mann von Klimpel zum gemeinsamen Essen hinzu oder trinkt einen Kaffee in der Runde. „Mein Sohn hat sich prima in der Gruppe entwickelt.“ Und war kaum krank, setzt sie noch hinzu.

Eine Beobachtung, die Widdel und Klimpel bestätigen können: „Es hat schon seine Vorteile, wenn man in einem kleineren Rahmen seine Kinder aufwachsen lässt.“ Der tägliche Ablauf ist häufig ritualisierter, die Kinder gewöhnen sich schnell an die Abfolgen inklusive der gemeinsamen Mahlzeiten, der Ruhephasen. Und sie warten geduldig ab, wenn die Kleineren noch gewickelt werden müssen.

Feste Tagesrituale erleichtern die Arbeit

Längst müssen diejenigen, die Tagespflege anbieten wollen, einen Qualifizierungskursus absolvieren, jährliche Weiterbildungen zählen verpflichtend dazu. Außerdem bietet der Landkreis immer wieder Gruppentermine zum gemeinsamen Austausch an. Derzeit online.

Eigentlich alles rosig, oder? Diana Klimpel schüttelt den Kopf. „Wir sind Betreuer, Ansprechpartner für Eltern, Leiter unserer eigenen Einrichtung, Unternehmerinnen auf eigene Kasse und bekommen dafür so etwas wie einen Mindestlohn“, listet sie auf.

Unternehmerin auf Mindeslohnbasis

30 Tage Urlaubsanspruch können sie geltend machen, jeder Tag Krankheit werde davon abgezogen. Eltern hätten zwar einen Anspruch auf Ersatzbetreuung, doch wer sorgt dafür, dass es jemanden gibt? Alles Dinge, für die Klimpel sich politisch in ihrem Verein einsetzt. Ehrenamtlich. „Wir haben zwar schon viel erreicht, aber unsere Vergütung ist noch lange nicht angemessen“, sagt sie. Von der fehlenden Altersvorsorge ganz zu schweigen. Und Kranksein: „Das können wir uns gar nicht leisten, das ist reiner Verdienstausfall.“

Klimpel sieht ihren Berufsstand als zweitrangig bewertet. Wer über Homepage der Stadt Hildesheim eine Kinderbetreuung sucht, stößt auf das Kita-Anmeldeportal – ohne eine Liste der Kindertagespflegestellen. Also hat Klimpel dafür gesorgt, dass es mit www.kindertagespflege-finden.de ein eigenes Angebot gibt, dass mittlerweile bundesweit vernetzt ist.

Individuelle Betreuung

Ihre berufliche Entscheidung bereuen beide Frauen aus zwei Generationen nicht. „Wir bieten eine liebevolle und familiennahe Betreuung für Kleinstkinder“, sagt Klimpel, „und das ganz professionell. Jedes Kind ist anders und braucht eine individuelle Begleitung.“

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