Analyse

Hildesheim will Sportstadt sein – doch es gibt kein echtes Zugpferd

Hildesheim - Außerdem fehlt es in Hildesheim an einer modernen Fußball-Arena und an Beispielen, gemeinsam etwas voranzubringen. Aber Frank Meyer ist immer für eine Überraschung gut: „Stadion-Pläne sind noch nicht vom Tisch.“ Eine Analyse.

Hildesheim - Obwohl es Achim Balkhoff wahrscheinlich gar nicht so bewusst gewesen ist, spiegelt seine Aussage eine bittere Realität wider. „Unsere neue Mannschaft soll frisch, sympathisch und hungrig rüberkommen“, hat der Vorsitzende des VfV Borussia 06 Hildesheim am Montag gegenüber dieser Zeitung gesagt. Der VfV 06 ist bekanntlich aus der Fußball-Regionalliga abgestiegen. Viele Leistungsträger und auch Trainer Markus Unger wandern nach dem Misserfolg ab. Nun muss ein neues Team geformt werden.

Das Ziel des Vereins ist nicht der direkte Wiederaufstieg

VfV-06-Vorsitzender Achim Balkhoff

„Frisch, sympathisch und hungrig“ solle der neue VfV 06 werden, das Wort „erfolgreich“ fehlt in der Aufzählung des Vorsitzenden: „Das Ziel des Vereins ist nicht der direkte Wiederaufstieg.“ Es bleibt die Erkenntnis, dass es in der 100 000-Einwohner-Stadt Hildesheim nicht möglich ist, langfristig zumindest semi-professionellen Fußball anzubieten.

Nach langer Durststrecke war der VfV 06 im Sommer 2015 endlich in die Viertklassigkeit zurückgekehrt. 2018 stieg das Team wieder ab, 2020 folgte der neuerliche Sprung in die Regionalliga – und jetzt geht es wieder abwärts in die Oberliga. „Fahrstuhl-Mannschaft“ wird das in der Szene genannt.

Das ist in Hildesheim aber kein Fußball-spezifisches Problem, sondern ein grundlegendes. Gern sprechen unter anderem Oberbürgermeister Ingo Meyer und Kreissportbund-Chef Frank Wodsack von der „Sportstadt Hildesheim“. Es stimmt, dass hier viele Menschen Sport treiben. Aber um sich Sportstadt zu nennen, fehlt eine wirklich relevante Mannschaft, die den Ort weit über die Region hinaus bekannt macht.

Früher ein relevantes Team

Eintracht Hildesheim war zwischen 2005 und 2013 so ein Team, spielte zwischenzeitlich in Liga eins. Doch das ist lange her. 2018 sind die Einträchtler dann auch aus der 2. Liga abstiegen und seither drittklassig.

Der Hildesheimer Unternehmer Delf Neumann sponsert die Handballer schon seit Jahrzehnten, seit Juli 2020 ist er der größte Investor der HC-Eintracht-GmbH. Doch es springen einfach zu wenige weitere Geldgeber mit auf den Zug – obwohl eine Chance bestand, langfristig eine wirkliche Rolle im deutschen Handball zu spielen: Eine adäquate Halle ist vorhanden, auch ein Handball-Internat. Potenziell gibt es ein großes Handball-Publikum in der Region. Aber um erfolgreich zu spielen, braucht es im Profi-Sport Geld.

Das fehlt auch beim VfV 06. Immer mal wieder plant der Verein, eine Flutlicht-Anlage zu installieren. Auch, weil es der Norddeutsche Fußball-Verband von den Regionalligisten verlangt. Nach dem neuerlichen Abstieg habe das Flutlicht nicht mehr die oberste Priorität, sagt Klubchef Balkhoff.

Hildesheims ewige Flutlicht-Arie

Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass die Flutlicht-Finanzierung durch Sponsoren, Fördermittel und Eigenanteile gesichert sei. Kostenpunkt: rund 250000 Euro. „Der Bauantrag ist gestellt worden“, so Vorsitzender Balkhoff. Das Ganze liegt nun bei der Verwaltung der Stadt. „Zu solchen Fragen dürfen wir als Genehmigungsbehörde grundsätzlich keine Auskünfte geben. Allgemein gilt: Ein Bauantrag ist nur dann genehmigungsfähig, wenn alle erforderlichen Unterlagen vorliegen“, erklärt Stadtsprecher Helge Miethe auf HAZ-Anfrage. Offenbar fehlen noch Schriftstücke, um das Verfahren abzuschließen.

Vielleicht werden die Pläne seitens des Vereins ohnehin wieder auf Eis gelegt – eben weil es in der Oberliga nicht zwingend Flutlicht bedarf. Die Crux: Bei einem eventuellen Wieder-Aufstieg beginnt das ganze Prozedere von vorn.

Wo ist das Gesamtkonzept

Es fehlt nach wie vor ein Gesamtkonzept, was den Leistungssport in Hildesheim betrifft – sowie am Willen von Vereinen, Stadt und Wirtschaft, gemeinsam etwas voranzubringen. Der Gesamtverein Eintracht Hildesheim steht beispielsweise gut da, hat sich aber weniger den Leistungssport auf die Fahnen geschrieben, sondern sich modern mit Gesundheits- und Präventionssport aufgestellt. Obendrein hat der Hildesheimer Unternehmer und Eintracht-Freund Gerhard Bürger dem Breitensport-Klub eine nagelneue Halle bezahlt, dazu gibt es das vielseitig nutzbare Bewegungszentrum Balance.

Nebenan sieht es anders aus. Da modert der alte Borussia-06-Platz vor sich hin – und das ebenfalls benachbarte Ebert-Stadion ist eher ein Fußball-Denkmal als eine moderne Spielstätte. Hier und da wurden ein paar neue Nägel eingeschlagen, für die Fußball-Oberliga reicht es noch aus. Lukrative Pokalspiele im Herbst oder Frühjahr, wie zuletzt gegen Eintracht Braunschweig oder den VfL Osnabrück, können unter der Woche nur nachmittags ausgetragen werden. Weil eben das Flutlicht fehlt.

Ein anderer Eintracht-Nachbar investiert derzeit ebenfalls in seinen Platz. Auf dem Homefield der Invaders-Footballer wurde die Tribüne erweitert, dazu ein Container-Dorf aufgestellt – für die Spieler-Kabinen, Duschen, Toiletten, das Catering oder den Regieraum für Live-Übertragungen. Investitionsvolumen: gut 500.000 Euro.

Hildesheimer Klein-Klein

Zudem haben die Invaders fünf Kilometer nordöstlich an der Zeppelinstraße ein Trainingsgelände, das sie in Eigenarbeit herrichten. Auch dafür wurde ein Kredit aufgenommen. Alles mühsam, alles kleinteilig.

Hier 250.000 Euro, da 500.000 – es sind nicht gerade kleine Beträge, aber auch kein großer Wurf.

Frank Meyer, Hildesheimer Unternehmer und ehemaliger Investor der Invaders, ging vor rund drei Jahren mit einem wagemutigen Konzept an die Öffentlichkeit. Er plant ein Stadion, mehr noch: einen Sportcampus mit einer Fläche von 15 Hektar – mit einer Arena für 6500 Zuschauer und zusätzlichen Kunstrasenplätzen, einer Geschäftsstelle und einem Parkhaus. Kostenpunkt: 40 Millionen Euro.

Die haben mich damals ganz gut wie eine Sau durchs Dorf getrieben

Hildesheimer Unternehmer Frank Meyer

Meyer wolle, sagte er damals, das Geld aus seinen Unternehmen selbst aufbringen. Gedacht sei das Objekt aber nicht nur für die Footballer. Insbesondere auch die Fußballer in Hildesheim und Umgebung könnten es nutzen. Dazu sind Räume für große Tagungen, Veranstaltungen und Konzerte vorgesehen.

Um die Pläne ist es ruhig geworden. Ein Grund: Frank Meyer wendete sich im Herbst 2020 überraschend von den Invaders ab und stieg aus dem Team-Sponsoring aus. Außerdem wurde sein Stadionprojekt offenbar nicht richtig ernst genommen – Kommunikationsfehler inklusive.

„Die haben mich damals ganz gut wie eine Sau durchs Dorf getrieben“, so Frank Meyer heute, um dann eines überraschend nachzuschieben: „Vom Tisch sind die Stadionpläne noch nicht. Die Idee halte ich nach wie vor für gut und realisierbar.“

Kann Hildesheim groß denken?

Da er aber vor drei Jahren ordentlich Spott einstecken musste und wenig Unterstützung bekam, habe er das Ganze erst einmal auf Eis gelegt. Dazu kamen die Corona-Pandemie und die Energiekrise. „Ich hatte andere Sorgen in meinen Unternehmen.“ Er sei aber weiterhin in Gesprächen, was das Stadion angehe. Ist man in Hildesheim in der Lage, ganz groß zu denken?

2020 hatten sich Politik und Verwaltung vage wohlwollend bis zurückhaltend gegenüber dem Stadion-Konzept geäußert. „Das ist eine großartige Initiative, wenn ein Privater sagt, ich will für den Sport eine Heimstatt schaffen, damit der sich weiterentwickeln kann – und dafür kein Geld von der Stadt haben will“, so etwa Baudezernentin Andrea Döring. Allerdings seien 15 Hektar schon ein ordentlicher Schluck aus der Pulle: „Wir sollten flächensparend denken.“

OB Ingo Meyer bezeichnete die Pläne als „eine echte Bereicherung für die Sportstadt.“ Einige Politiker meinten, das Projekt lasse sich nur realisieren, wenn Hildesheim aufgrund befürchteter erhöhter Verkehrsbelastung einen dritten Autobahn-Anschluss erhalte.

Grizzlys machen vieles richtig

In anderen Städten läuft es anders: Wenn eine Kommune solch eine Arena wirklich will, schafft es die Rahmenbedingungen dafür – sorgt beispielsweise für ein Grundstück, auf dem der Investor bauen kann. Und selbst das möchte Frank Meyer nicht geschenkt: Er wolle dafür den ortsüblichen Quadratmeterpreis zahlen.

Auch der Präsident des höchstklassigen hiesigen Fußballvereins gab sich 2020 eher zugeknöpft in Sachen Meyers Stadion. „Ich kann dazu eigentlich nichts sagen. Weil ich die Pläne nicht kenne“, so Michael Salge vom VfV 06.

Die ganze Wahrheit

Wer derzeit vieles richtig macht, sind die Helios Grizzlys Giesen. Sie haben sich in der 1. Volleyball-Bundesliga etabliert und zuletzt ihre bisher erfolgreichste Saison mit Playoff-Viertelfinale und Pokal-Halbfinale abgeschlossen. Auch die Zuschauer-Zahlen steigen stetig an.

Mit dem Helios-Klinikum haben die Grizzlys einen starken Partner an der Seite. Der Hildesheimer Helios-Geschäftsführer Sascha Kucera ist zugleich auch Manager der Volleyballer. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Volleyball eine weniger populärer Sportart ist als Fußball und Handball. Mit einem Etat von knapp 700 000 Euro können die Grizzlys in der 1. Liga gut mitmischen. Um beim Handball eine ordentliche Rolle in der 2. Bundesliga zu spielen, braucht es mindesten dreimal soviel Geld. Und in der 3. Fußball-Bundesliga liegt der Etat der Klubs durchschnittlich bei rund fünf Millionen Euro.

Das Beispiel 1. FC Heidenheim

Heidenheim hat 50 000 Einwohner. Die Fußballer sind gerade in die 1. Liga aufgestiegen. Der Etat wird von 40 auf 60 Millionen erhöht. Hauptsponsor ist die Management- und IT-Beratungsfirma MHP, die unter anderem mit Porsche zusammenarbeitet. Aber fast alle anderen in dem Städtchen unterstützen den 1. FCH ebenfalls. Davon ist man in Hildesheim noch weit entfernt.

Von Ulrich Hempen und Thorsten Berner

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