Zeitreise

Vor 50 Jahren wurde der Hohnsensee eingeweiht – wie Hildesheim zu seinem Strandbad kam

Hildesheim - Segelregatta, Erbsensuppe und eine Flitzerin: Vor 50 Jahren wurde der Hildesheimer Hohnsensee eingeweiht. Zuletzt hatte ein Umweltskandal die Feier verzögert. Ein Rückblick.

Man könnte meinen, hier soll der Lago Maggiore entstehen. So stellen sich die Planer Hans-Friedrich Werkmeister und Martin Heimer den neuen Badesee Hohnsen 1964 vor. Foto: Verlagsarchiv

Hildesheim - Hautreizungen, Atemstörungen, Verletzung der Augen, innere Vergiftungen und Verätzungen“, wer hier an die Warnhinweise des Gesundheitsamtes vor den im Hohnsensee immer häufiger zu beobachtenden Blaualgen denkt, ist auf dem Holzweg. Die Aufzählung stammt aus dem Mai 1973, als einige besonders clevere Autofahrer den frisch aufgeschütteten Sandstrand am Nordufer für den Ölwechsel an ihren Kfz genutzt hatten. Die Täter blieben unentdeckt, die umweltgerechte Entsorgung kostete die Stadt Zigtausende, die geplante Eröffnung musste um ein Jahr verschoben werden. Wieder einmal, die Planungen liefen schon fast vierzig Jahre.

Denn schon 1937 hatte die Verwaltung daran gedacht, in den Wiesen an der Straße nach Ochtersum ein Hochwasser-Ausgleichbecken aufzustauen. Die Partei wollte die Sportanlagen vor Überflutungen schützen, auch sollte an der Jowiese ein Heim für die Hitlerjugend entstehen, um dessen Schutz man vorsorglich bemüht war. Widerstand kam überraschend aus der Landwirtschaft, ein Blut-und-Boden-Romantiker protestierte beim Regierungspräsidenten, wertvolle „deutsche Erde“ dürfe nicht preisgegeben werden, der RP gab die Eingabe zu den Akten. Kurt Illge, später Professor an der heutigen HAWK, nahm die Idee in seine Vision zur Stadtentwicklung auf, mit einem Ringstraßensystem wäre das Zentrum zur Ruhezone geworden, die Altstadt saniert, Hildesheim hätte sich zur Fremdenverkehrsattraktion entwickelt, „Großer und kleiner Innerste-See“ schon inklusive. Die wie üblich klammen kommunalen Kassen und der Zweite Weltkrieg kassierten alle Ambitionen, die Müllerwiese am Hohnsen wurde weiterhin beackert, auf fast 15 Hektar Rüben und Weizen angebaut.

Rotary bringt die Sache in Schwung

Die Landschaftsarchitekten Hans-Friedrich Werkmeister und Martin Heimer holten die alten Pläne 1964 wieder aus der Schublade, mit Unterstützung des Rotary-Club konnte eine Ideenskizze für einen etwa 500 Meter langen und 250 Meter breiten See mit Café und Bootssteg präsentiert werden. Der Clou dabei: Der See sollte nicht aufgestaut, sondern ausgehoben werden, quasi als Nebenprodukt des Kiesabbaus entstehen. Weiterer unschlagbarer Vorteil dieser Variante: sauberes Grund- statt kontaminiertem Innerstewasser, Baden also erlaubt. Diese Win-win-Situation ließ sich der Rat nicht entgehen und stimmte dem Kiesausbeutungsvertrag mit den Firmen Kanngießer Dosier-Kies GmbH & Co und Mölders für die Verwertung zu.

Erster Spatenstich mit einer Laderaupe

Stadtbaudirektor Bernhard Haagen ließ es sich nicht nehmen, für den ersten Spatenstich im Januar 1966 persönlich in der Fahrerkabine der Laderaupe Platz zu nehmen, schon beim dritten Aushub brachte die Schaufel Kies und Wasser nach oben, die anwesende Lokalprominenz zeigte sich tief beeindruckt. Bis zur Einweihung des nebenbei entstehenden Badesees sollten acht Jahre vergehen, rund 770.000 Tonnen des begehrten Baustoffes wurden zu Tage gefördert. Die Stadt war mit einer Mark pro Tonne beteiligt, die sie zweckbestimmt in Uferbepflanzung und Grünanlagen investierte, das Freizeitparadies mit gut 100.000 Quadratmetern neuer Wasserfläche entstand zum Nulltarif, der Kämmerer hatte nicht einen Pfennig dazu bezahlt.

Großer Andrang bei der Einweihung

Und die derart beschenkten Steuerzahler folgten Ende Mai 1974 der Einladung zur Einweihung des an die Jowiese angrenzenden Strandbades in Scharen, auch wenn Petrus die Feierlaune etwas trübte. An die 30.000 Hildesheimerinnen und Hildesheimer setzten sich in Bewegung, fast ein Drittel der Stadtbevölkerung brach zu den neuen Ufern auf. Von diesem Andrang wurden die Verantwortlichen überrollt, die Feldküchen der Polizei gaben „nur“ 1200 Portionen her, großes Gedränge und teils erbittert geführte Kämpfe um die an dem nasskalten Tag besonders heißbegehrte Erbsensuppe folgten.

Eine Flitzerin als Attraktion

Die Vorführungen des Hildesheimer-Ruder-Clubs, der Kanu- und Segelgilde sowie der Wasserballer von Hellas 99 begeisterten dann aber wieder alle Schaulustigen. Für besondere Beachtung beim Publikum sorgte auch der vermutlich erste dokumentierte Auftritt einer Flitzerin in der Hildesheimer Stadtgeschichte: Eine junge, nicht ganz schlanke Frau befreite sich auf dem Weg von der Wiese zur Badebucht „mit lässiger Gebärde“ und „einem Singsang auf den Lippen“ von einem Kleidungsstück nach dem anderen, bis sie schließlich splitternackt in das 15 Grad kalte Wasser „platschte“. Das Gejohle um sie herum war riesig, aber auch ohne diesen ungeplanten Programmpunkt zeigte sich der städtische Bäderchef Frankenfeld hochzufrieden mit der Bilanz des Eröffnungstages: „Eine runde Sache.“

Wunder brauchen etwas länger

Was noch fehlte, war das geplante Restaurant am Südufer. Architekt Günter Schukat hatte einen 9.000 Kubikmeter großen Baukörper mit drei Veranstaltungsräumen und einer Bierbar entworfen, die Terrasse sollte an eine Spielfläche und Minigolfanlage anschließen, die Eröffnung war für Mai 1976 vorgesehen. Auch hier war beim Publikum wieder viel Geduld gefragt, das „Noah“, mittlerweile „Ahoi“, ließ ein geschlagenes Vierteljahrhundert auf sich warten. Auch vom Bootssteg fehlt 50 Jahre nach der Einweihung des Sees jede Spur, hier will Matthias Jung, Vorsitzender des Vereins Hildesheim blüht auf, endlich Abhilfe schaffen. Privates Engagement hat schon in den sechziger Jahren guten Ideen zum Durchbruch verholfen, das wird hoffentlich auch in Zukunft so bleiben. Und so könnte die nächste Generation einmal an den Ufern des legendären „Südsees“ flanieren, der sollte tatsächlich so groß werden wie der hannoversche Maschsee. Kiesabbau gilt hier allerdings bislang als unrentabel. Aber, wer weiß? Vielleicht ist der Pochsand der Innerste für eine Überraschung gut. Man muss nur lang genug warten können.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.