Hildesheim/Elversberg - „Wir wollen zu einem tollen Fußballfest in Hildesheim beitragen“, sagt Horst Steffen, Trainer des Zweitligisten SV Elversberg, vor dem DFB-Pokalspiel am Sonntag. Welchen Gefallen er dem VfV Borussia 06 nicht tun will, erzählt er im HAZ-Interview.
Hallo, Herr Steffen. Was haben Sie gedacht, als Elversberg der VfV 06 Hildesheim im DFB-Pokal zugelost wurde?
Es ist ein interessantes Los. Ich war noch nie in Hildesheim und freue mich auf das Spiel, das Stadion und die Zuschauer.
Kennen Sie Spieler aus der Hildesheimer Mannschaft? Haben Sie den VfV 06 beobachtet?
Nein, aber wir werden gut vorbereitet sein. Wir werden unsere Kontakte in der Fußballszene nutzen, um so viel wie möglich über die Hildesheimer Mannschaft zu erfahren.
Um keine böse Überraschung zu erleben?
Genau, und deshalb wird die Vorbereitung genauso intensiv sein wie vor jedem anderen Spiel. So viel ich weiß, spielen beim VfV 06 einige Akteure mit Regionalliga-Erfahrung. Es besteht für uns also überhaupt kein Grund, den Gegner auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir reisen auch schon am Samstag an, um ausgeruht in die Partie zu gehen.
Vor drei Jahren hat der SV Elversberg selbst noch in der Regionalliga gespielt. Dann stieg man in die 3. Liga auf – und ein Jahr später in die 2. Liga. Das klingt nach einem kleinen Fußballmärchen.
Ich würde sogar sagen, es ist ein großes Märchen. Ich habe den Job hier 2018 übernommen. Der Gedanke, den Aufstieg in die 3. Liga zu schaffen, war schon vorhanden. 2022 hat es endlich geklappt. Unser Ziel war es, den Klassenerhalt zu schaffen. Dass wir dann gleich in die 2. Liga durchmarschiert sind, war unfassbar, ein Wunder.
Und ein riesiger Sprung.
Ja, wir haben gedacht: Zweite Liga? Okay! Schauen wir mal, was uns da erwartet.
Es folgte das nächste Wunder. Ihre Mannschaft hat sich auf Anhieb akklimatisiert, verschaffte sich Respekt und wurde am Ende Elfter. Was ist das Erfolgsgeheimnis?
Da muss ich etwas weiter ausholen.
Nur zu.
Es klingt vielleicht etwas abgedroschen, aber es ist vor allem das Gemeinschaftsgefühl, das uns getragen hat und trägt, ein unbändiger Teamgeist. 70 Prozent des Kaders bestehen aus Spielern, die schon in der Regionalliga in Elversberg waren. Sie haben gesehen, dass sie auch in der 3. Liga eine gute Rolle spielen können. Dann haben sie gemerkt: „Oh, wir können sogar in der 2. Liga mithalten.“ So etwas schweißt zusammen. Jungs wie Nicolas Kristof, Maurice Neubauer, Semih Sahin, Robin Fellhauer, Luca Schnellbacher und Manuel Feil haben sich enorm entwickelt und stehen nun auch in der 2. Liga ihren Mann. Aber am wichtigsten ist das Team. Star-Allüren gibt es bei uns nicht. Wer bei uns nach einem Torerfolg mit den Daumen auf den Trikot-Rücken zeigt, bekommt eine Abmahnung.
Also Teamgeist und Kampf bis zum Umfallen?
Teamgeist ja, aber Kampf bis zum Umfallen? Ein klares Nein! Das habe ich während meiner aktiven Karriere oft genug gemacht: Immer laufen und verbissen kämpfen. Die Quittung waren viele Verletzungen und Operationen. Sicher ist Fußball auch ein Laufspiel und es ist vorteilhaft, wenn man Zweikämpfe gewinnt. Aber das steht bei mir nicht an erster Stelle. Ich versuche, den Spielern zu vermitteln, dass sie auf dem Platz gemeinsam nach Lösungen suchen sollen, um Erfolg zu haben.
Was offenbar sehr gut klappt.
Wir sind Elversberg und gehen unseren eigenen Weg. Wir haben nicht die Mittel wie einige so genannte Traditionsvereine. Wir stehen mit unserem Etat ganz weit unten in der 2. Liga …
… mit dem Pharma-Unternehmen Ursapharm gibt es aber durchaus einen zahlungskräftigen Sponsor.
Unser Sponsor unterstützt uns gut, steckt aber keine riesigen Summen in die Mannschaft. Wenn das so wäre, hätte uns ein Spieler wie Jannik Rochelt nicht in Richtung Hannover 96 verlassen.
Sie haben von „so genannten Traditionsvereinen“ gesprochen. Warum?
Uns wird oft nachgesagt, wir seien kein Traditionsverein. Was nicht stimmt. Die SV Elversberg wurde 1907 gegründet und hat eine Geschichte. Die ist vielleicht nicht so spektakulär wie bei Borussia Dortmund oder beim Hamburger SV. Aber ist man nur dann ein Traditionsverein, wenn man in der Vergangenheit ein paar Mal Deutscher Meister geworden ist?
Liegt es vielleicht auch an der Fankultur, die einen Verein zum Traditionsklub macht?
Wir pflegen in Elversberg eine ganz hervorragende Fankultur. Ich habe mich in unser Publikum regelrecht verliebt, weil die Spiele in unserem Stadion immer auch ein großes Familienfest sind. Die Mannschaft wird begeistert unterstützt, aber es gibt keine Randale, keine Aggressionen. Bei uns muss man keine Angst haben, mit Kindern ins Stadion zu kommen. Unsere Anhänger sind mir tausendmal lieber als die so genannten Fans großer Klubs, die Hasstiraden anstimmen, Böller zünden und friedliche Zuschauer in Gefahr bringen. Nach unserem letzten Heimspiel wurde ich von einem Kölner „Fan“ bespuckt. Da fehlen mir die Worte, aber mit solchen Leuten lege ich mich nicht an.
Apropos Vergangenheit: Sie haben früher bei Gladbach, in Duisburg und in Uerdingen gespielt. Erinnern Sie sich gern an diese Zeit zurück?
Vor allem die Zeit in Uerdingen war gut. Ich bin in Krefeld geboren. Mit meinem Heimatverein in der 1. Liga zu spielen, war etwas Besonderes. Ansonsten schaue ich kaum zurück. Ich lebe nicht gern in der Vergangenheit, sondern blicke nach vorn.
Dann blicken wir nach vorn. Können Sie verstehen, dass man in Hildesheim lieber gegen Schalke 04 oder den HSV gespielt hätte?
Natürlich kann ich das verstehen, aber wir wollen unseren Teil dazu beitragen, dass Hildesheim einen stimmungsvollen Fußballtag erlebt. Wie viele Zuschauer werden denn kommen?
Man rechnet mit rund 5000.
Sehr schön.
Bei einem Erfolg des VfV 06 wäre die Stimmung bestimmt super.
Ja, das kann ich mir vorstellen, aber diesen Gefallen wollen wir euch natürlich nicht tun. Ein Spiel gegen Bayern oder Dortmund wäre auch für uns ein Traumlos in der zweiten Runde.
