Hildesheim - Den skrupellosen Charakter mancher Menschen erkennt man schon beim Brettspielen, Katharina – jedenfalls kam mir der Gedanke, als ich „Careless People“ von der ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin Sarah Wynn-Williams las. Careless, sprich verantwortungslos, achtlos. Der Titel trifft es ziemlich genau.
Was mich am meisten am Büroalltag von Mark Zuckerbergs Firma, den sie schildert, bestürzt hat? Vielleicht, dass die Autorin des Buches trotz Schwangerschaft in ein Hochrisikogebiet für den Zika-Virus geschickt wurde.
Feedbackgespräch nach Mutterschutz – why not?!
Vielleicht, dass sie nach dem in den USA sowieso eher kurzen Mutterschutz direkt zum Feedbackgespräch zitiert worden ist – und man ihr vorwarf, während ihrer Abwesenheit schlecht erreichbar gewesen zu sein. Dass Wynn-Williams bei der Geburt fast gestorben und anschließend im Koma gelegen hat? Eine Nebensache.
Vielleicht auch, dass bei der Präsidentschaftswahl 2016 Donald Trump laut der Autorin nicht nur ganz hervorragende Möglichkeiten hatte, datenbasierte Werbung auf Facebook, zugeschnitten auf den jeweiligen Nutzer und die jeweilige Nutzerin, zu platzieren. Sondern auch, dass dieser Umstand Zuckerberg zum Größenwahn brachte: Warum nicht selbst antreten, wenn ich das Instrument für einen siegreichen Wahlkampf sowieso besitze?
Werbeanzeigen nach emotionaler Verfassung
Apropos zugeschnittene Werbung: Vielleicht hat es mich auch am meisten schockiert, dass Facebook Anzeigen nach Emotionen platziert. Heißt: Wenn etwa eine junge Frau ein Selfie von sich postet und dies kurz darauf wieder löscht, geht man bei Facebook davon aus, dass die Nutzerin in einem vulnerablen Zustand ist, vielleicht gerade in diesem Augenblick mit Selbstzweifeln kämpft. Und was passiert dann? Genau: Sie bekommt gezielt Werbung für Abnehm- und Beautyprodukte.
Wer die Enthüllungen von Wynn-Williams liest, kommt aus dem Kopfschütteln eigentlich kaum mehr heraus – selbst diejenigen, die lapidar sagen, na, eigentlich wussten wir das doch längst.
Schlechter Verlierer
Überrascht hat mich dann aber auch ein eher kleiner Nebenaspekt: Zuckerbergs Unfähigkeit, zu verlieren. Die Autorin schreibt von Spieleabenden, bei denen er jedes Spiel gewinnt – weil seine Mitarbeitenden ihn brav gewinnen lassen. Als sie selbst keine Lust darauf hatte und Zuckerberg bei einer Partie „Die Siedler von Catan“ besiegte, soll der ihr Betrug vorgeworfen haben.
Ha! Vielleicht sollten wir künftig mit allen Menschen, die irgendwie in unserem Leben eine Rolle spielen, erst einmal Mensch-ärgere-Dich-nicht spielen. Nur um auszuloten, ob uns da ein Wahnsinniger gegenübersitzt. Mit mir hätte Zuckerberg übrigens seine Freude gehabt, zumindest als Kind – da gab es eine Phase, wo ich die Erwachsenen immer gewinnen lassen wollte, damit sie nicht traurig sind. Was das wohl über mich aussagt?! Wir können aus alten Brettspielen also auch psychoanalytisch so einiges rausholen, Katharina. Deshalb: Augen auf beim nächsten Spieleabend, die moralische Verwahrlosung sitzt vielleicht mit am Tisch.
In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.
