Bettrum

Waghalsige Piloten brettern bei Rennen im Kreis Hildesheim mit hölzernen Seifenkisten ins Ziel

Bettrum - In Bettrum wagen sich 36 Fahrer und Fahrerinnen auf die 320 Meter lange Seifenkistenstrecke. Am Start sind Jungen und Mädchen, aber auch die Feuerwehr und ein 83-Jähriger. (mit Video)

Mit Karacho von der Kirchstraße ins Ziel. Der Automobilclub stellte fünf Seifenkisten zur Verfügung. Auch Gefährte Marke Eigenbau waren am Start. Foto: Clemens Heidrich

Bettrum - Paul starrt konzentriert geradeaus. Er holt tief Luft und stößt sie wieder aus. „Ich bin ein bisschen aufgeregt“, sagt der Elfjährige als erster Starter kurz vor dem Testlauf. Von der zehn Meter langen Startrampe rollt er über ein Gefälle von sechs Prozent auf die Strecke. 320 Meter, Kurven, 1,2 Prozent Gefälle, dann der Zieleinlauf von der Kirchstraße auf die Straße Am Thie. Paul hält das Steuer seiner Seifenkiste mit beiden Händen fest. Los! Das zweite Seifenkistenrennen in Bettrum, dem einzigen Rennen dieser Art im Landkreis Hildesheim, ist eröffnet. 36 Fahrer und Fahrerinnen aus dem Ostkreis und Hildesheim treten an.

Die Vorbereitungen für das Rennen haben schon nach der Premiere im vergangenen Jahr begonnen, berichtet Irma Plünnecke. Ihr Mann Karl-Heinz, Geschäftsführer des Hildesheimer Automobilclubs (Hildesheimer AC), hat das Rennen im Heimatort auf die Beine gestellt. Mit allem Drum und Dran, Helferteam, Zeitmesssystem, fünf Seifenkisten vom Club, zwei davon sind für Kinder unter sechs Jahren bestimmt. Aber nicht nur Nachwuchs hat sich angemeldet. Werner Braun ist mit 83 Jahren der älteste Teilnehmer. Er tritt mit seiner selbstgebauten Kiste an, ebenso vier Männer von der Freiwilligen Feuerwehr. Und überhaupt: Waren im vergangenen Jahr nur zwei Eigenbauten am Start, sind es am Sonnabend immerhin schon zehn. Neben dem von Werner Braun, mit Holzlenkrad und Sicherheitsgurt aus einem Ledergürtel, haben sich auch Tobias Wolter (stellvertretender Ortsbrandmeister), Dietmar Berking (Ortsbrandmeister), Dirk Zinsmeyer (Gerätewart) und Gemeindebrandmeister Stefan Krüger ans Werk gemacht.

Grisu als Kühlerfigur

50 Stunden haben die Feuerwehrmänner in einer Garage gesägt und geschraubt. Als Anleitung zogen sie YouTube-Videos für stabile Gefährte zu Rate, schließlich muss ihre Kiste bis zu 130 Kilogramm Gewicht tragen bei einem Eigengewicht von 117,5 Kilogramm. Das Grisu-Fahrzeug ist mit Kühlerfigur, einem Plüschdrachen, Blaulicht, Sirene und Nummernschild ausgestattet. Die Fahrer tragen später Team-T-Shirts.

Paul ist längst im Ziel angekommen und gut gelaunt. In der Kurve habe er im Trainingslauf etwas abgebremst. Aber ansonsten hat er die Karre rollen lassen. Seinem kleinen Bruder Johann (8) habe er vor dessen Start ein paar Tipps gegeben. „Aber der ist bestimmt wieder zu hibbelig, um daran zu denken“, glaubt Paul.

Lukas (8) ist mit Florian Ulbricht aus Himmelsthür mit eigener Seifenkiste angereist. „Das ist ein echter Oldtimer, wir haben den nur restauriert“, erklärt Ulbricht. Und dem Fahrzeug ein schickes Design gegeben. Es sieht beinahe so aus wie das Rennauto von Florian Ulbricht, ein Porsche (na klar, mit echtem Motor). Das schwarz-weiße motorlose Geschoss hat eine Plexiglashaube, die über dem Piloten geschlossen wird, und hydraulische Trommelbremsen. Pfeilschnell rollt Lukas von der Rampe.

Am Zieleinlauf wird bei jeder Seifenkiste geklatscht und gejohlt. Hinter der Boxengasse mit den Fahrzeugen der Getränkestand, von der Junggesellschaft und den Bettrumer-Mädels betrieben. Mitglieder des SV-Bettrum grillen Würstchen, es gibt auch Kaffee und Kuchen – ein Dorffest mit Rennfahrer-Atmosphäre. Rüdiger Heinert, genannt Wurzel, ist der Platzwart des SV Bettrum und an diesem Tag einer der wichtigsten Männer. Denn mit seinem Mini-John-Deere-Trecker zieht er die mit Ketten verbundenen Seifenkisten vom Ziel- in den Startbereich.

Drei Klassen am Start

„Jeder fährt drei Mal“, erklärt Plünnecke. Es gibt die Gruppen Junioren (sechs bis elf Jahre), Senioren (12 bis 16) und die Freie Klasse (sechs bis 99 Jahre). Nach dem Trainingslauf folgen zwei Zeitläufe. Ziel soll sein, dass ein Fahrer bei den Zielläufen möglichst gleich schnell unterwegs ist. Keine einfache Sache. „So langsam spielt es sich ein“, sagt Plünnecke zufrieden, als Mathilda durch das Ziel brettert, vorbei an Rainer Wittig, der Buch über die gefahrenen Zeiten führt. Einen eigenen Helm hat Mathilda schon, vielleicht startet sie im kommenden Jahr mit einer selbstgebauten Seifenkiste. Das möchte der elfjährige Paul besser nicht riskieren. „Wenn Papa die baut, kracht die auseinander“, sagt er und schaut lachend seinen Vater an. Da rollt sein kleiner Bruder Johann ins Ziel. „Ich war eher schnell“, unterteilt er über sich selbst. „Mittelaufgeregt“ startet er zum Zeitfahren.

Preise für jeden Teilnehmer

Sponsoren haben dafür gesorgt, dass jeder Teilnehmer einen Preis bekommt. Außerdem gibt es Pokale und Geschenke für die Sieger. Und die Gewissheit: Im nächsten Jahr gibt es in Bettrum wieder ein Rennen.

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