Brandschutz

„Alter, geht das schnell!“: Wie sich Flächenbrände ausbreiten – und die Feuerwehr im Hildesheimer Ostkreis das Löschen übt

Nettlingen/Bettrum - In einer groß angelegten Übung haben Dutzende Brandschützer den Umgang mit Flächenbränden geübt. Der Kopf dahinter: Ein Hildesheimer, der bundesweit als Experte für Waldbrände gefragt ist. (mit Video)

Nettlingen/Bettrum - Etwas unmotiviert züngeln die kleinen Flammen auf dem Stoppelfeld vor sich hin. Dann plötzlich ein Windstoß – und auf einen Schlag bedeckt das Feuer mehrere Quadratmeter, springt förmlich mit dem Wind über den Acker ostwärts. Es knistert so laut, dass fast untergeht, wie einer der umstehenden Feuerwehrmänner sagt: „Alter, geht das schnell!“

Fachleute legen Brände

Mehrere Dutzend Feuerwehrleute aus der Gemeinde Söhlde sind am Samstagnachmittag in der Feldmark zwischen Nettlingen und Bettrum zu einer besonderen Übung zusammengekommen. Sie sollen lernen, wie man Flächenbrände etwa auf Stoppelfeldern am besten löscht. Den ganzen Vormittag haben sie bereits mit Theorie-Stunden zu dem Thema verbracht. Jetzt geht es an die Realität. Lukas Oelve und Jörg Pardey legen auf dem Stoppelfeld echte Brände, und diese sollen die Brandschützer löschen.

Oelve kommt aus Nettlingen, ist Berufsfeuerwehrmann in Hildesheim, wohnt in Nettlingen. Wie Pardey ist er eins von knapp 100 Mitgliedern des bundesweiten Vereins „Waldbrandteam“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Erkenntnisse über Wald- und Feldbrände und deren Bekämpfung zu sammeln. Oelve ist regelmäßig in Portugal, aber auch in anderen südeuropäischen Ländern unterwegs – und gibt als Fachberater bei Großbränden wie im Vorjahr am Brocken und in der Sächsischen Schweiz sein Wissen weiter.

Alter, geht das schnell!

Ein Feuerwehrmann über die Ausbreitung der Flammen

Am Samstag tut er das in seinem Heimatdorf. Und seine Kameraden bekommen einen Einblick in das, was ihr Mitstreiter – in der Freiwilligen Feuerwehr Nettlingen ist er auch – hauptberuflich so macht. Für Pressesprecher Dennis Rüther ein Geschenk: „Es ist schon etwas Besonderes, jemanden mit dieser Kompetenz vor Ort zu haben.“

Für die Übung hat das landwirtschaftliche Unternehmen Vornkahl Felder zur Verfügung gestellt. Ein Mitarbeiter hat insgesamt elf rund 3000 Quadratmeter große Flächen abgeteilt, indem er jeweils außen herum einen breiten Streifen gegrubbert hat. Dort, das demonstrieren Oelve und Pardey zu Beginn, kommt das Feuer nicht weiter, weil es kein Material mehr findet, da das Stroh untergepflügt ist.

Feuer trotz Feuchtigkeit

Überhaupt sind die Bedingungen für Brände mäßig. Es hat am Tag zuvor geregnet und auch noch einmal kurz am Morgen. Das Feld ist oberflächlich abgetrocknet, doch die untere Strohschicht ist noch feucht und brennt gar nicht mit ab. Dennoch breiten sich von Oelve und Pardey gelegten Feuer immer wieder schnell aus. „Ihr könnt euch ja vorstellen, wie das bei absoluter Trockenheit läuft“, sagt Oelve. „Und natürlich dauert es im Ernstfall auch länger, bis die Brandbekämpfung beginnt.“

Für die gibt es verschiedene Instrumente. Auf große, schwere Schläuche setzt Oelve bei seiner Ausbildung erst einmal nicht. Sondern auf etwas urtümlich wirkende Geräte: Feuerpatschen mit eisernen Lamellen und sogenannte Schlauchpatschen, an deren Ende mehrere Schlauchstücke befestigt sind. Schlägt man damit kräftig auf das Feuer, lässt es sich sehr gut ersticken. Zudem sind Feuerwehrleute mit 20-Liter-Wassertanks auf dem Rücken unterwegs. „Erstaunlich, wie viel man mit so wenig Wasser erreicht“, freut sich Brandschützer Thomas Bruns, weiß aber auch: „Das ist jetzt hier natürlich eine sehr kleine Fläche.“

Vegetationsbrände, gerade in der freien Fläche, sind besonders gefährlich – vor allem, wenn man sie nicht einschätzen kann.

Lukas Oelve

Das große Ganze hat unterdessen Leon Schaub im Blick. Er steuert eine Drohne, an der eine Wärmebildkamera befestigt ist, über das Feld. Und kann jederzeit genau sehen, wo welche Temperatur herrscht, wo tatsächlich die heißesten Brände lodern. Bis zu 220 Grad heiß wird es dort. Und Schaub entdeckt damit auch wieder aufflammende Feuer in Bereichen, die die Brandschützer für sich eigentlich schon als gelöscht abgehakt hatten. „Die heutige Drohnen- und Kameratechnik ist im Einsatz wirklich eine enorme Hilfe“, bestätigt auch Oelve.

Dann legt er das nächste Feuer. Die Brände werden immer größer. Zunächst sollen sich die Feuerwehrmänner damit vertraut machen, wie sich ein Feuer – etwa aus einer weggeworfenen Zigarettenkippe – überhaupt entwickelt, welchen Einfluss der Wind und das Bodenmaterial haben. Dann geht es an erste Löschversuche in Kleingruppen, schließlich um das koordinierte Vorgehen gegen ein großflächiges Feuer. Für Oelve ein wichtiges Thema: „Vegetationsbrände, gerade in der freien Fläche, sind besonders gefährlich – vor allem, wenn man sie nicht einschätzen kann.“ Das können seine Mitstreiter seit Samstag deutlich besser.

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