Kreis Hildesheim - Die Folgen der Dürre sind in diesen Tagen förmlich greifbar. Wer etwa über den staubigen Rübenacker von Kreislandwirt Konrad Westphale am Ortseingang von Ottbergen geht, kann die Spuren der monatelangen Trockenheit sehen – und spüren. Riss um Riss zieht sich dort durch den Boden. „Man kann einen Finger hineinstecken und kommt etwa zehn Zentimeter tief hinein“, sagt Westphale und langt in die Scholle. Die Situation klar vor Augen zu führen, das ist sein Ding. Eine kleine Weinanbaufläche gleich neben dem Acker strotzt dagegen sichtlich vor Gesundheit. „Der Wein kann tief genug wurzeln“, erklärt Westphale.
Schon seit einem Vierteljahrhundert führt der 54-Jährige seinen Familienbetrieb in Ottbergen und beackert rund 100 Hektar Land. Westphale, einer von etwa 850 Landwirten und Landwirtinnen in der Region Hildesheim, muss mit einem weiteren Dürrejahr rechnen. Ähnlich wie 2018, als auch die Argrarbetriebe unter dem Hitzesommer ächzten – und die Ernteerträge um rund 20 Prozent gesunken waren. Bereits jetzt lautet die Prognose des Kreislandwirts für 2023: „Unterdurchschnittlich.“
Zehn bis 20 Prozent Einbußen
Wenn die Trockenheit andauert, seien Einbußen in Höhe von zehn bis 20 Prozent durchaus möglich, schätzt Westphale. Um Alfeld oder Bockenem könnten die Verluste wegen der Beschaffenheit der Böden sogar noch empfindlicher sein.
Aber: „Ein Landregen könnte für uns noch vieles retten.“ Doch der ist im Moment nicht in Sicht. Und genau dies ist das Problem. Seit Jahresbeginn fielen insgesamt nur 245 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter – dies hat Westphale in Ottbergen mit seiner eigenen Wetterstation gemessen. Er arbeitet schon seit Jahren mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) in Hamburg zusammen und hat die Daten darum stets vor Augen. „Ein gutes, nasses Jahr hat in den ersten sechs Monaten zwischen 350 und 400 Millimeter Regen“, erläutert Westphale.
Bedenkliche Situation
Diese bedenkliche Situation betrifft dem Kreislandwirt zufolge insgesamt 68 000 Hektar Land in der Region mit Anbauflächen für Getreide, Rüben, Raps oder auch Mais. Normalerweise fahren die Bauern im Kreis Hildesheim zum Beispiel 60 bis 100 Dezitonnen – eine Dezitonne entspricht 100 Kilo – Winterweizen pro Jahr auf rund 35 000 Hektar ein. Doch ob sie diesen Ertrag auch 2023 erzielen werden, ist sehr ungewiss. Daraus macht Westphale keinen Hehl.
Und die Bauern können kaum etwas unternehmen, um die Lage deutlich zu verbessern. Brunnen zu bauen wäre für das Gros von ihnen einfach zu aufwendig und kostspielig. Dies kommt laut Westphale auch nur für einzelne Betriebe im Umland infrage. Außerdem drohen Konflikte wie etwa in Clauen, weil Unternehmen nicht ohne weiteres das Grundwasser anzapfen dürfen.
Und was bleibt dann noch? Der Kreislandwirt plädiert auch mit Blick auf kommende Ernten dafür, aus wirtschaftlichen Gründen Pflanzenschutzmittel dosiert einzusetzen, damit Landwirte ausreichend Getreide vom Feld zur Nahrungsmittelproduktion ernten können. „Ganz ohne Pflanzenschutzmittel geht es nicht.“ Mechanik statt Chemie sei das Gebot, doch auf solche Hilfsmittel ganz und gar zu verzichten, ist für Westphale nicht sinnvoll.
„Niederschlag kaum nennenswert“
Unterdessen blickt neben den heimischen Bauern das Landvolk Niedersachsen auf die Entwicklung. „Die vielen Niederschläge im März und April ließen hoffen, dass sich die Böden gut erholt haben und das Defizit der vergangenen letzten Trockenjahre etwas aufgehoben wird. Aber die anhaltende Periode mit kaum nennenswertem Niederschlag stimmt mich sehr nachdenklich“, so der Vorsitzende vom Ausschuss „Pflanze“ des Landvolks Niedersachsen, Karl-Friedrich Meyer.
Und ja, es hat sogar etwas geregnet in den vergangenen Tagen, auch im Landkreis Hildesheim. Wie in Ottbergen, als Kreislandwirt Westphale den Niederschlag auf seinem Hof fast schon genießerisch beobachtete. Aber der erfahrene Bauer bleibt realistisch. „Das bisschen Regen, den wir zuletzt hatten, war wie ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt der 54-Jährige. „Der Boden hat keine Reserven.“
Trügerisches Frühjahr
Seit Ende Mai wachsen nun die Sorgen der Landwirte. Das zuvor kühle und feuchte Frühjahr war trügerisch, nun müssen sie mit erheblichen Verlusten rechnen. Ob und wie sich dies auf die Verbraucherpreise auswirken könnte, ist laut Westphale derzeit noch völlig offen.
Sein Fazit? Die Bauern sind eben dem Wetter ausgeliefert: „Lang anhaltender Regen wäre nun wie ein Sechser im Lotto für uns“, sagt der Ottbergener. Der hofft darauf, dass das Hildesheimer Land ähnlich wie im vergangenen Jahr doch noch „mit einem blauen Auge davon kommt“.
Höchste Dürre-Kategorie
Der Boden im Landkreis Hildesheim wird derzeit immer trockener. Das geht aus aktuellen Daten des Helmholtz-Instituts für Umweltforschung hervor. Die Werte für Montag dieser Woche wiesen fast überall „moderate Dürre“, in einigen Bereichen auch schon „schwere Dürre“ im Oberboden bis 25 Zentimetern Tiefe aus. Das sind die zweite und die dritte von insgesamt fünf Dürre-Kategorien. Eine Woche vorher herrschte noch „ungewöhnliche Trockenheit“ – die erste Kategorie.
Bezogen auf den Gesamtboden bis zu einer Tiefe von 1,80 Metern hat sich die Situation ebenfalls verschärft. In nennenswerten Teilen des Nordkreises stellt das Helmholtz-Institut inzwischen „außergewöhnliche Dürre“ fest, das ist die höchste Kategorie. Zunehmend verbreitet ist auch die zweithöchste Stufe „extreme Dürre“, ansonsten herrscht überall mindestens Kategorie 2. Generell ist der Südosten Niedersachsens deutlich stärker betroffen als andere Regionen des Bundeslandes. Die höchste Dürrekategorie herrscht fast im gesamten Harz, der ohnehin mit großem Baumsterben und steigender Waldbrandgefahr zu kämpfen hat.
Talsperren noch recht voll
Die Talsperren im Harz sind größtenteils noch sehr gut gefüllt – vor allem die große, für die Trinkwasserversorgung bedeutsame Grane-Talsperre mit einem Füllgrad von 89,2 Prozent. Die Innerste-Talsperre liegt inzwischen nur noch bei 59,3 Prozent – dort wird zur Stabilisierung des Flusspegels seit Wochen fast durchgehend mehr Wasser abgegeben, als gleichzeitig hineinläuft. Zudem geht durch Verdunstung Wasser verloren.
Der Pegelstand der Innerste bei Heinde hat sich in den vergangenen Tagen bei 2,05 Metern eingependelt, ein eher niedriger Wert für Mitte Juni. Der Wasserstand der Leine am Pegel Poppenburg bei Burgstemmen beträgt aktuell 79 Zentimeter, auch das ist eher wenig, aber kein Minusrekord.
Mit Tarek Abu Ajamieh


