Springe - Um kurz nach halb 12 schwingt sich Matthias Vogelsang auf sein Fahrrad. In dem Korb auf seinem Gepäckträger liegen zwei Fleischwürste, in Scheiben geschnitten. Die sind nicht etwa sein Snack für zwischendurch, sondern für die sieben Polarwölfe, die er gleich vor Publikum füttern wird. Matthias Vogelsang ist Wolfsberater und betreut seit Mai 2010 seine Timberwölfe im Wisentgehege Springe. 2012 kamen Polarwölfe dazu, insgesamt leben dort 14 Tiere unter seiner Obhut. Erwartungsfroh stehen die ersten Gäste schon am Zaun und warten auf die Fütterung. Auch die Wölfe sind bereits ungeduldig. Endlich ist wieder etwas los im Park. Denn während des Lockdowns haben auch sie die Besucher vermisst.
„So wie die Tiere für Menschen Unterhaltung sind, sind es auch die Menschen für diese Wölfe“, erklärt Vogelsang. Dementsprechend langweilig sei es den Tieren gewesen, als der Park wegen des Lockdowns geschlossen war. Heikel wurde es dann in der Paarungszeit im Winter. Das äußerte sich darin, dass die Rangeleien unter den Wölfen zunahmen und es Mobbing im Rudel gab. Vogelsang beobachtete das und und schritt ein. Er zog zu seinen Wölfen in eine Bude auf dem Gelände und sorgte für Unterhaltung.
„Ich habe ihnen eine Wilddecke ins Gehege gelegt, an der sie zerren und sich austoben konnten“, berichtet er. Außerdem habe er eine Schubkarre mit Wurst und Fleisch präpariert, so dass die Tiere sich anstrengen mussten, um an die Leckereien zu kommen. Mitunter reichte es auch aus, wenn er ein paar Schneebälle nach den Tieren warf. „Der Lockdown war aber für alle Tiere hier im Park eine harte Zeit“, sagt der Wolfsexperte.
Gegen die Angst
Als Ende März die ersten angemeldeten Besucher ins Wisentgehege kamen, hatte die junge Wölfin Noja regelrechte Panik vor den Gestalten auf der anderen Seite des Zauns. Noja war wie ihre Schwester Yari und die Rüden Wapi und Jaki vor einem Jahr im Alter von drei Monaten ins Gehege eingezogen. Fünf Monate wuchs sie ohne Zaungäste auf. „Da brauchte es ganz viel Geduld, um Zeit, um ihre Angst in den Griff zu bekommen“, sagt Vogelsang. Davon berichtet er auch dem Publikum, nachdem er dem Rudel einen Eimer Fleisch verabreicht hat. Beim Erzählen streichelt er das zierliche weiße Weibchen.
Das Projekt im Wisentgehege dient dem Kennen- und schätzen lernen des Wildtieres, das seit etwa 20 Jahren wieder in deutschen Wäldern heimisch ist. „Dabei verklären wir den Wolf aber nicht“, sagt Vogelsang. Geduldig beantwortet er immer wieder Fragen, etwa „Was tue ich, wenn ich einem Wolf begegne?“ „Oder wie kann man als Nutztierhalter seine Tiere schützen? auch „Warum tötet ein Wolf mitunter eine ganze Schafherde?“ Das Raubtier gerate dabei nicht etwa in einen Blutrausch. „Das ist ganz einfach der Beutetrieb“, sagt Vogelsang. Ist ein Tier gerissen, rennen die anderen weg. Das Wegrennen löst den Jagdtrieb des Wolfes aus. „Würden die Schafe still stehen bleiben, blieben sie wahrscheinlich am Leben“, sagt der Experte. Doch das ist wohl keinem Schaf zu vermitteln. Ähnlich sehe es aus, wenn ein Fuchs in den Hühnerstall eindringt. Der hört auch erst auf zu beißen, wenn sich nichts mehr bewegt. Nutztier- und Wolfsschutz sind nach Ansicht des 59-Jährigen daher untrennbar verbunden.
Ob die Verbundenheit des weißen Wolfsrudels noch lange anhält, ist fraglich. Die vier Jungtiere kommen im nächsten Jahr in die Geschlechtsreife. Gut möglich, dass sie dann die alte Wölfin Lumasi mobben. „Wölfe vergessen nicht“, sagt Vogelsang. Und so werden sie in Erinnerung behalten, dass Lumasi ihnen eine sehr strenge Ziehmutter war. Es kann sein, dass Vogelsang die neunjährige Lumasi dann aus dem Rudel nehmen muss.
Gegen die Mär vom bösen Wolf
Matthias und Birgit Vogelsang haben ihre Herzen an die Wölfe verloren. Ihr Ziel ist es, dass die Mär vom bösen Wolf der sachlichen Information weicht. „Ich bin Mitglied im Wildgehegeverband, der unsere Interessen vertritt und den Spagat zur Politik herstellt“, erklärt Vogelsang. Dieser Verband zeichnete das Projekt im Wisentgehege 2018 mit dem Bildungssiegel aus.
Fleischwurst?
Das Fleisch ist aufgefressen, Vogelsang verlässt das Gehege. Da ruft eine Frau aus dem Publikum: „Sie haben die Fleischwurst vergessen!“ Wenn Wölfe dankbar sein können, dieser Dame wären sie es bestimmt. In Nullkommanichts ist der Snack verputzt.




