Abschied in Farbe

Warum Freitag in Drispenstedt ein letztes Mal ein Licht an der alten Ladenzeile aufgeht

Drispenstedt - Am Montag beginnt der Abriss der Drispenstedter Ladenzeile. Doch vorher rückt sie ein Künstlerduo nochmal ins richtige Licht.

Lito Bürmann schleppt am Donnerstag einen Strahler ins leere Gebäude. Allein die Wohnungen werden nach Einbruch der Dunkelheit von 20 Exemplaren erhellt. Foto: Christian Harborth

Drispenstedt - Lito Bürmann ist wohl einer der Letzten, der die Drispenstedter Ladenzeile noch einmal nahezu intakt zu Gesicht bekommt – zumindest von innen. Der 48-jährige Lichtkünstler wuchtet am Donnerstag gemeinsam mit Helfern schwere Scheinwerfer in die leeren Wohnungen über den ebenso leeren Geschäften. Die Mieter sind längst ausgezogen. Mehrere Geschäfte und Praxen ins Ausweichquartier neben dem Stadtteilzentrum gewechselt. „Am Montag beginnt der Abriss“, sagt gbg-Sprecher Frank Satow. Dann ist das alte Einkaufszentrum an der Ehrlicherstraße Geschichte.

Doch vorher wollen Bürmann und seine Partnerin Lucy Schreiber vom Atelier Licht.n.Stein es am Freitag noch einmal auf besondere Weise in Szene setzen. Von 16 Uhr an feiert der Hausherr gbg Wohnungsbaugesellschaft Hildesheim AG seinen „Abgesang“ auf das in die Jahre gekommene Zentrum. Ortsrat und Feuerwehr haben sich angekündigt. Es gibt Musik, Spiele, Essen und Trinken. Und wenn es dunkel wird, illuminieren Bürmann und Schreiber die nackten Gebäude ein letztes Mal. Allein 20 Scheinwerfer sollen die leeren Wohnungen weithin sichtbar in ein besonderes Licht tauchen. Insgesamt kommen rund 50 Scheinwerfer im Umfeld des Areals zum Einsatz.

Während Bürmann in den leeren Wohnungen wirbelt, holt Schreiber weitere Strahler aus dem Atelier im Rathauskeller. Sämtliche Technik von dort wird vorübergehend nach Drispenstedt geschafft. Unter dem gläsernen Unterstand bauen Tim Wittenberg und Mike Dietrich am Donnerstag eine Bühne auf. Hier spielen am Freitagabend die hannoversche Gruppe Me & Ms Jacobs und die Drispenstedter Band Target. Der Eintritt ist frei. „Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele Menschen mitfeiern“, sagt Satow.

Während Bürmann und seine Helfer nach und nach einen halben Kilometer Kabel verlegen, wagen auch Menschen aus der Umgebung einen letzten Spaziergang über die Baustelle. „Bekommen Mieter, die seit 50 Jahren hier wohnen jetzt einen Blumenstrauß?“, fragt eine Rentnerin im Vorbeigehen gbg-Sozialarbeiter Alexander Hornburg. „Dann müssen wir uns vorher noch darüber unterhalten, ob für die 50 Jahre oder weil wir Ihnen jetzt mit der Baustelle für drei Jahre ein wenig Ärger machen“, antwortet dieser schlagfertig. Die gbg plant einen Neubau bis 2026. Rund 42 Millionen Euro soll alles kosten – Tiefgarage und zusätzliche Sozialwohnungen inklusive.

Für Bürmann ist der Auftrag an der Ladenzeile auch eine kleine Reise in die eigene Kindheit. Er sei mit seiner Oma früher oft zum Einkaufen in der Ladenzeile gewesen. „In dem Areal bekam sie fast alles. Nur das Mehl für den Strudel musste von Aldi sein“, sagt Bürmann. Seine Oma habe jede Verkäuferin und jeden Verkäufer gekannt. „Wir müssen noch zum türkischen Händler, da gibt es das beste Gemüse“, sei ein oft gefallener Satz gewesen. „Und beim Supermarkt hat sie immer sehr lange mit der Verkäuferin geredet ... langweilig.“ Wegen der eigenen Erinnerungen sei es für ihn auch etwas Besonderes, die Abschiedszeremonie am Freitag mit zu gestalten.

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