Kreis Hildesheim - Eigentlich sollte der Ausbau des Hildesheimer Stichkanals inzwischen begonnen haben. Das war zumindest der Plan der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes noch im Frühjahr 2020. Doch das Projekt lässt weiter auf sich warten, der Baustart dürfte sich gegenüber der damaligen Planung um mehrere Jahre verzögern. Dafür gibt es mehrere Gründe. Sicher ist: Die Kosten für das Großvorhaben steigen weiter.
Immer wieder aufgeschoben
Die Erweiterung der Verbindung vom Hildesheimer Hafen zum Mittellandkanal wird seit Jahren immer wieder aufgeschoben. 2016 hatte die zuständige Behörde den Beginn der Bauarbeiten für 2019 angekündigt. 2020 hieß es dann, es solle 2022 oder 2023 so weit sein. Nun legt sich ein Sprecher der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung lieber gar nicht erst auf einen möglichen Zeitpunkt für die ersten Bauarbeiten fest.
Dafür führt er mehrere Gründe an. Hauptgrund sei die Corona-Pandemie, die viele Vorbereitungen ausgebremst habe. Ein Faktor sei aber auch, dass Auflagen zum Schutz von Feldhamster und Feldlerche sich nicht so zügig umsetzen ließen, wie die Verantwortlichen dies angenommen hatten.
Größerer Abschnitt noch gar nicht im Verfahren
Das Planfeststellungsverfahren, an dessen Ende eine Baugenehmigung stehen soll, läuft zumindest bereits für den südlichen Kanalabschnitt inklusive Verlegung der Brücke über die Bundesstraße 6. Allerdings will die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung Anfang nächsten Jahres noch ein Planänderungsverfahren anstoßen, was zu weiteren Verzögerungen führen dürfte. Der Grund sind eben zusätzliche artenschutzrechtliche Vorgaben. Überdies rechnet die Behörde mit „Einsprüchen und vielleicht sogar Klagen“ gegen eine eventuelle Baugenehmigung. Grund genug für die Planer, sich nicht mehr auf Zeitpunkte für den Baustart oder gar die Fertigstellung festlegen zu lassen.
Für den größten Teil – nördlich der B6-Brücke bis Schleuse Bolzum – läuft das Planfeststellungsverfahren noch gar nicht. Hier will die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung im nächsten Jahr zumindest die Unterlagen fertigstellen. Das heißt aber nicht, dass das Verfahren dann auch gleich startet: „In Abhängigkeit der Lage des Bundeshaushalts, der eigenen Personalsituation und dem Verlauf des Planänderungsverfahrens für den südlichen Bereich kann seitens der WSV erst dann eine Entscheidung über den Start des Verfahrens getroffen werden“, heißt es auf HAZ-Anfrage.
Weltkriegs-Munition im Boden, wo die „neue“ B6 verlaufen soll?
Grundsätzlich soll der Ausbau der knapp 13 Kilometer langen Strecke von Hildesheim bis zur Schleuse Bolzum in mehreren Abschnitten von je drei bis fünf Kilometern Länge erfolgen. Die Verlegung der B6-Brücke ist hier ein zentrales Element, wenn auch nach Angaben der Behörde nicht zwingende Voraussetzung für die geplante Erweiterung und Vertiefung des Stichkanals.
Liegt die Baugenehmigung für den südlichen Teil samt Brücke vor, wartet aber noch eine weitere Hürde auf die Planer. Denn eine Analyse des Kampfmittel-Beseitigungsdienstes hat ergeben, dass es dort, wo die B6 künftig verlaufen soll, sehr viele sogenannte Kampfmittelverdachtsflächen gibt – heißt, dort könnte einiges an Weltkriegsmunition im Boden schlummern. „Diese Bereiche müssen daher vorab sondiert und gegebenenfalls geräumt werden“, merkt die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung an.
Fahrrinne soll einen Meter tiefer werden
Und es gibt noch einen weiteren Aspekt, der die Planer mit Verzögerungen rechnen lässt. Es sei „sehr wahrscheinlich“, dass die artenschutzrechtlichen Auflagen es nötig machen werden, den Stichkanal erst auf der einen und dann auf der anderen Seite zu erweitern und nicht etwa auf beiden Seiten parallel. „Durch die erforderlichen Böschungsabflachungen werden zunächst Bäume und Sträucher entfernt werden müssen, die danach wieder angepflanzt werden“, lautet die offizielle Erklärung. „Erst wenn sich hieraus neue Leitstrukturen gebildet haben, kann die andere Kanalseite angepasst werden.“
Ziel des geplanten Ausbaus ist, die Wassertiefe im Stichkanal von drei auf vier Meter zu erhöhen. Das soll zur Hälfte durch tieferes Ausbaggern erreicht werden und zur andere Hälfte dadurch, dass der Wasserspiegel um einen halben Meter angehoben wird. Der Grund: Zur Zeit dürfen auf dem Stichkanal je nach Breite nur Schiffe mit zwei bis 2,20 Metern Abladetiefe fahren, mit Sondergenehmigung sind bis zu 2,30 Meter Abladetiefe gefahren werden.
156 Millionen Euro
Die meisten Motorgüterschiffe können auf dieser Wasserstraße aber ihre Tragfähigkeit nur zu 65 bis 75 Prozent ausnutzen – weil sie bei mehr Ladung zu tief im Wasser liegen würden. Nach dem Ausbau während demnach deutlich größere Transportmengen pro Schiff möglich, was die Nutzung des Stichkanals wirtschaftlicher und in der Folge die Nutzung von Hafen und Kanal attraktiver machen würde.
Wenig überraschend steigen die kalkulierten Kosten für den Ausbau des Stichkanals durch die Verzögerungen immer weiter an. Im Jahr 2018 hatte die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung noch mit Gesamtkosten von 130 Millionen Euro gerechnet. Aktuell arbeitet die Behörde mit einer Kalkulation aus dem Jahr 2021, die 156 Millionen Euro vorsieht. Doch seither sind die Bau- und Materialpreise weiter gestiegen.
