22. März 1945

„Was dann kam, war die Hölle“: Eine Zeitzeugin über den Tag, an dem Hildesheim im Bombenhagel versank

Hildesheim - Am 22. März 1945 wurden große Teile Hildesheims bei einem Bombenangriff zerstört. Gerlinde Picker hat den Angriff als junge Frau miterlebt und blickt heute nicht nur auf menschliches Leid zurück, sondern auch auf Verluste, die über all die Jahre kaum thematisiert wurden.

Nach dem Bombenangriff vom 22. März 1945 versank die gesamte Hildesheimer Innenstadt in Schutt und Asche. Hier flankieren Schutthaufen den Zugang zur Rathausstraße. Eine Aufnahme von Georg Kraut von Ende März 1945. Foto: Georg Kraut/Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg

Hildesheim - Gerlinde Picker ist erst vor einigen Jahren wieder nach Hildesheim gezogen. Nach der Zerstörung am 22. März 1945 hatte es sie zuerst nach Heinde, dann nach Listringen verschlagen, wo sie mit ihrer Familie jahrzehntelang lebte. Nun wohnt die 95-Jährige wieder in der Nähe des Ostbahnhofs – hier, im Haus Immengarten Nr. 39, hat die Tochter der Familie Krüger eine wahrlich nicht unbeschwerte Jugend während des Zweiten Weltkrieges verbracht.

Vater Ernst war 1942 seinen in Russland erlittenen schweren Verletzungen erlegen, im gleichen Jahr starb die Großmutter. Aus dem unbekümmerten Teenager war abrupt die „Große“ geworden, der im Alltag nun einiges abverlangt wurde – galt es doch, die Mutter bei der Fürsorge für den Opa und die neunjährige Schwester Uta nach Kräften zu unterstützen. Gerlinde beobachtete genau, wie sich die vertraute Welt um sie herum dramatisch zu verändern begann, bewahrte sich dabei aber ihren jugendlich-optimistischen Blick auf das Geschehen, ihre Zeitzeugenberichte haben so einen ganz eigenen Charakter und Wert.

Eine Augenzeugin berichtet

Denn 79 Jahre nach dem Luftangriff vom 22. März 1945, bei dem die Alliierten große Teile Hildesheims zerstörten, wird es immer schwieriger, Zeitzeugen zu finden. Statistiken zeichnen einen abstraktes Bild der Katastrophe, Fotos dokumentieren zwar das Ausmaß der Verwüstung, welcher Straßenzug aber gerade zu sehen ist, bleibt dem Nachgeborenen oft ein Rätsel, nur Ruinen wie Rathaus oder Andreasturm bieten Orientierung in der Trümmerwüste. Wie muss es erst den Betroffenen ergangen sein, die auf der Suche nach Angehörigen durch die Schutthalden irrten?

Trotz Statistiken und Fotos wird nur mit Augenzeugen eine direkte Annäherung an die Bombardierung möglich. Sie schildern dabei nicht nur menschliches Leid, wie die Notizen von Gerlinde Picker zeigen. Das Schicksal der vielen Haus- und Nutztiere, die mit ihren Haltern dem Bombenkrieg ausgesetzt waren, wurde auch auf lokaler Ebene sonst kaum thematisiert. Gerlinde Picker schreibt:

Die Lebensmittelsituation war, zumindest für uns, zufriedenstellend und wurde durch den Garten am Lönsbruch sowie der Erlaubnis für Kaninchen- und Hühnerhaltung aufgebessert. Während der Ruf „Gerlinde, abtrocknen!“ bei mir auf taube Ohren stieß, widmete ich mich mit Leidenschaft dem „lieben Vieh“. Also dem wolfsgrauen Schäferhund, der halbjährig zu uns kam und sich durch die Familie biss, sowie den Kaninchen, in Spitzenzeiten bis 70 Stück und den erlaubten Hühnern, deren Anzahl mir nicht mehr bekannt ist. Waren es sechs? Erlaubt waren zwei pro Nase! Das hieß also Gras beschaffen und von der gepachteten Wiese neben dem Ruderhaus an der Innerste per Bollerwagen nach Hause karren, Stroh und Heu vom Futtermittelhändler Linnekogel, Annenstraße, Malzkeime von der Malzfabrik holen und die Kartoffelschalen auch von Nachbarn kochfertig abzuliefern. Für den Hund gab es Fleischabfall vom Pferdeschlachter Mosel. Als dieses nicht mehr möglich war und Pedro nicht mehr durchgefüttert werden konnte, kam er zu einem bekannten Himstedter Bauern, und ein Zentner Hafer im Tausch für ihn erfreute unsere Kaninchen. Der anfallende Dung von unserem Bauernhof musste wieder zum Garten gebracht werden, natürlich per Bollerwagen.

Die Bombenalarme häuften sich

Auch in Hildesheim kam der Krieg näher, die Bombenalarme häuften sich, noch ohne schwerwiegende Folgen. Allen diesen Widrigkeiten zum Trotz sollte bei Krügers bald ein neuer Vierbeiner einziehen.

Schulkeller wurden öffentliche Luftschutzräume, z.B. in der Hohnsenschule, in welche wir zuerst auch gingen. Irgendwann gab es einen Aufruf, auf dem Wege zum Schutzraum mit einem stabilen Kochtopf den Kopf zu schützen. Meine Mutter befolgte den Rat und stülpte sich, meiner Schwester und mir je einen gelbroten Emailletopf über und so erschienen wir im Hohnsenkeller und wunderten uns, dass die Menschen dort schallend zu lachen anfingen. Übrigens haben Bombensplitter am 22. März 1945 die Töpfe total durchlöchert! Aber noch war es nicht so weit. Eines Abends brachten Uta und ich einen herrenlosen Hund nach Hause, einen Welshterrier, der sich als hochtragende Hündin entpuppte. Mucki durfte zu unserer Freude bleiben. Bei der Geburt gab es Komplikationen und meine Freundin Lore Göllerich und ich fuhren spät abends mit der Straßenbahn plus Fußmarsch zu unserem Tierarzt Dr. Aue in der Schützenallee. Ich musste assistieren und erlebte meine erste Tiergeburt, der in meinem späteren Leben noch viele folgen sollten. An diesen Tierarzt, zu dem ich auch kranke Hühner und Kaninchen schleppte und ihm helfen musste, erinnere ich mich mit Hochachtung!

Da das Haus im Immengarten nicht luftschutzgerecht ausgebaut war, liefen Krügers bei Alarm in den Keller der Hohnsenschule oder zum Stollen im Kehrwiederwall, dann fanden sie über eine Freundin im gut ausgebauten Keller der Standortverwaltung am Hohnsen gegenüber der Volksschule Unterschlupf. Auch Mucki durfte mitkommen und bekam einen eigenen Platz im Nebenkeller. Den ersten schweren Luftangriff auf Hildesheim im Frühjahr 1945 erlebte die Familie aber zuhause.

Mindestens zweimal täglich, vormittags und nachts, heulten die Sirenen. Am 22.2.1945 meinten wir – wie so oft den Voralarm wenig ernst nehmend – zu Hause bleiben zu können. Durch den plötzlichen Vollalarm war nun keine Zeit mehr wegzugehen, und schon hörte man das Dröhnen der tief fliegenden Bomber, und der Angriff begann. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich Todesangst! Wir lagen lang auf dem Boden unseres Kellers unter den Türstürzen im Dunkeln, bis das Krachen der Einschläge endete. Zaghaft wagten wir uns dann ins obere Haus und nach draußen und konnten es kaum fassen, dass unser Zuhause verschont geblieben war.

Der 22. März 1945

Das Glück sollte nicht von Dauer sein, vier Wochen später nahmen die Piloten der Royal Air Force die alte Bischofsstadt erneut ins Visier.

Seit dem 22. Februar war ich nicht mehr in die Stadt gekommen, und dann kam der schreckliche Tag, der 22. März 1945. Es war ein herrlicher Frühlingstag, warm und voll Sonne. Die Knospen der Trauerweiden im Garten meiner Freundin waren aufgebrochen. Schon bei Voralarm am Vormittag waren wir zum Hohnsen gegangen. Ursula und ich lagen draußen in Liegestühlen, als der Vollalarm kam. Mein Großvater blieb wie immer im Immengarten, weil er das Haus nicht allein lassen wollte. Was dann kam, war die Hölle!

Das elektrische Licht ging aus, der Keller schwankte durch die Bombeneinschläge wie ein Vogelkäfig. Im Schein der angezündeten Kerze war der Raum in einen Kalkschleier gehüllt. Ich weiß nichts mehr, vor Todesangst vergaß ich das Denken! Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Soldaten des Lazaretts, welches in der Hohnsenschule eingerichtet war, riefen: „Raus, raus, über euch brennt das Haus!“ So schnell wie möglich ergriffen wir unser Gepäck und liefen nach draußen. Außer der Stahltür des Luftschutzkellers waren durch die Schwankungen des Erdbodens sämtliche Türen aufgesprungen, und ich sah zu meinen Entsetzen, dass mein lieber Hund weg war. Ich habe ihn nicht wiedergefunden.

„Alles, alles brannte!“

Draußen war es dunkel, das Zeitgefühl war verloren. Später erfuhren wir, dass nicht nur in Hildesheim durch die ungeheure Feuersbrunst der Tag zur Nacht geworden war. Nun wollten wir ja unbedingt nach Hause in den Immengarten, um zu sehen, was dort geschehen war. Aber es war unmöglich! Auf dem Zimmerplatz brannte die riesige Holzmenge. Annenstraße, Malzfabrik, alles war eine Feuerwand. Wie und wann wir dann doch in den Immengarten gelangten, weiß ich nicht mehr. Je näher wir unserem Haus kamen, desto mehr schwand alle Hoffnung, es unbeschadet zu sehen, denn durch den Phosphorregen, der vom Himmel kam, brannte alles! Die Häuser, der Ostbahnhof, die Waggons, die Bäume, alles, alles brannte!

Wir standen vor unserem Haus, aus dessen Fensterhöhlen die Flammen rasten. Mein Großvater versuchte vergebens, etwas aus dem Keller zu retten. Seine Kleidung war durch Funkenflug durchlöchert. Meine Gedanken waren bei meinen Kaninchen im Garten und den Hühnern, denn der kleine Ziergarten hinter dem Haus war ja schon lange zum Nutzgarten umfunktioniert worden.

Als wir uns nach langer Zeit durch den schmalen Gang zwischen unserem und dem Nachbarhaus durchkämpfen konnten, sahen wir ein Flammenmeer. Kaninchenstall, Hühnerhaus, Sauerkirschbäume und Flieder, Büsche und Zäune, alles brannte!

Der Phosphor war an den Hauswänden heruntergelaufen, und durch die zersprungenen Fenster waren die Häuser unten und oben in Brand geraten. So war kein Löschen möglich. Ein schaurig-schöner Anblick war es, als die Etagendecken des Hauses mit Krachen einstürzten und einen Feuerwerksfunkenregen erzeugten.

Plötzlich heimatlos

Heimatlos geworden, gingen wir irgendwie zurück zum Hohnsen, konnten aber bei meiner Freundin durch den Brand nicht bleiben. Wir übernachteten bei unserem väterlichen Hausarzt Dr. Maleika in der Kaiser-Friedrich-Straße und wurden am nächsten Tag durch Bekannte nach Heinde geholt. Um die wenigen Reste unserer Habe zu bergen, kamen wir noch einige Male mit dem Pferdewagen nach Hildesheim.

Die zerstörte Innenstadt habe ich erst im Herbst gesehen, als der Schulunterricht wieder begann. Aber wir freuten uns, als wir hörten, dass der Rosenstock am Dom unter dem Schutt wieder ausgeschlagen hatte. Als Hildesheimer Kind kannte ich ja die alte Sagen gut, dass Hildesheim bestehen wird, solange der Rosenstock am Dom grünt.

Von Sven Abromeit

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