Hildesheim - Am Telefon ist Schützenfest-Platzmeister Gerd Behringer schlecht gelaunt. Kein Wunder, hat ihm doch gerade der Betreiber des Fahrgeschäfts „U-Boot“ kurzfristig abgesagt. „Der ist einfach untergetaucht“, flucht Behringer. Klingt nicht gut. Nur fünf Fahrgeschäfte für Erwachsene zum Neustart des Schützenfestes. Also tote Hose auf der Fläche?
Donnerstag geht es los
Von wegen. Vor Ort wird kräftig gewerkelt, die meisten Wagen stehen schon, die Fahrgeschäfte werden aufgebaut, zwar klaffen noch Lücken, aber die werden auch noch geschlossen. Wenn Frank Gödecke, einer von vier Platzmeistern, einen für eine Runde durchs Gelände unter den Arm nimmt, spürt man, wie das Quartett ein kleines Wunder geschafft hat und aus der Not eine Tugend entstehen lässt. Es ist ein bisschen wie bei dem Computerspiel Tetris, wo man ständig Lücken stopfen muss. Und zwar schnell. Viel Zeit ist nicht mehr – Donnerstag geht es los, um 14 Uhr mit dem Familientag.
Und damit auch mit John Wiegand und seinem Kiddy Fly. Kettenkarussell war gestern. Jetzt geht es rund und ab in die Höhe. Zwei Meter, das ist für Kleine schon ziemlich hoch. Wer lieber Papa oder Mama neben sich sitzen hat, kann das, neben kleinen gibt es auch immer breitere Sitze für Erwachsene, sagt Wiegand, der in der sechsten Generation auf Volksfesten unterwegs ist. Und sein neunjähriger Sohn sagt auch schon, dass „Kirmes sein Leben ist“, lacht Wiegand. Nach zwei Jahren Abstinenz von Fahrgeschäften fehle kleinen Kindern schon diese körperliche Erfahrung, fügt er hinzu. Gut also, wieder damit anzufangen: „Wir sind jedenfalls froh, dass es wieder losgeht.“
Nicht alle haben die Krise überlebt, aber es sind in der Regel viele große Familien, die halten zusammen
Gödecke nickt: „Nicht alle haben die Krise überlebt, aber es sind in der Regel viele große Familien, die halten zusammen.“ Während er spricht und immer wieder telefoniert, werden neue Getränke und Ess-Buden auf den Platz gefahren. Vorbei geht es am Bodengerüst für das Festzelt, in dem Platz für rund 600 Gäste sein soll. „Das Gelände ist so was von uneben“, sagt Gödecke. Was solls, dann wird eben fleißig unterfüttert.
Stellplan: Vor Ort sein und schnell reagieren ist ein Muss
In der Tasche hat er einen Stellplan, doch der wird täglich überarbeitet. Absagen, neue Zusagen, Änderungswünsche. Das heißt: vor Ort sein und schnell reagieren können. Und vor allem: Lücken stopfen. Gleich in der Kurve nach dem Zeltfestplatz ist so eine. Gegenüber steht ein Stand für Geschicklichkeitsspiele, und auch Alex Stummer steht da. Der wird auf der Freifläche über acht Meter einen Schlemmerparcours für Veganer und Vegetarier aufbauen. „Grüne Küche und fleischlos, das ist im Trend“, sagt der junge Mann, der den Stand gemeinsam mit seiner Gattin von den Schwiegereltern übernommen hat. Und die haben mit vegetarischen Angeboten schon angefangen, bevor die Grünen mit ihrem Veggie Day Punktverluste bei Wählern kassieren mussten: vor 15 Jahren. Stummer ist mit seinem Platz zufrieden: „Die Leute können ihr Essen von mir auch ins Festzelt mitnehmen.“
Wenn es draußen in dieser Ecke zu laut wird. Denn dort steht der „Hip Hopper“ als Fahrgeschäft. Und der wird laut, oder wie es Gödecke diplomatisch ausdrückt: „Für eine entsprechende Geräuschkulisse ist jedenfalls gesorgt.“
Premieren-Fahrgeschäft
Mit mit Innovationen geht es auf dieser Seite des Platzes gleich weiter. Car Wash steht auf der Frontkulisse, wo auch die einäugigen, quietschgelben Minions zu sehen sind. „Weiß nicht, was das ist, muss neu sein“, murmelt Gödecke. Tatsächlich. Car Wash ist auf Premierentour, bestätigt Erfinder Julian Horlbeck. Der 28-jährige hatte die Idee, seine Frau hat die Zeichnungen gemacht, dann wurde das Fahrgeschäft gebaut, mit dem eine Autowaschstraße nachgespielt wird. Natürlich auch mit Wasser. „Man kommt aber auch trocken durch“, sagt Horlbeck. Doch bei diesen heißen Tagen ersehnt sich mancher ja auch eine Erfrischung.
Wir werden immer gefragt, gibt es hier nichts zu trinken, vor allem von Frauen
Zum Beispiel einen kühlen Prosecco. „Wir wurden immer gefragt, gibt es hier nix zu trinken, vor allem von Frauen“, sagt Gödecke. Jetzt ja. Die Schickeria-Bude: Prosecco, Sekt, Weiß- und Rotwein und natürlich Rosé. Daneben eine Bude mit vielen Fenstern zum Ausruhen. „Hier können die Mütter sitzen und ihre Männer mit den Kindern auf die andere Seite schicken“, freut sich Gödecke. Dort ist ein großes Karussell für ältere Kinder aufgestellt.
Mit einem Devil Dancer geht es rasant um die Ecke des Geländes, eine zweite Toilettenstation wird dort noch aufgebaut, und Willi Stummer nimmt seine Schießbude in Betrieb. „Es ist die größte in Deutschland“, sagt er. Nun gut, mag sein. Lang ist der Wagen in jedem Fall. Und Stummer? War da eben nicht was? Klar, der Vegetarier. „Das sind eben alles große Familien“, sagt Gödecke, „nur so sind viele überhaupt durch die Krise gekommen“. Auch, indem sie ihre eigenen Kräne verliehen haben oder als LKW-Fahrer unterwegs sind: „Wie die rangieren können, das macht ihnen so leicht keiner nach. Die sitzen auf den Plätzen schon mit 16 am Steuer der großen Wagen, die haben das Fahren im Blut.“
Und dann ist da noch Ralf Gurnhofer, der aus einem Bierwagen einen Palmengarten zaubert. Auf dem Bogen liegen Gummiplatten, damit niemand stolpert, Platz für bis zu 200 Leute bietet er und will noch Palmen als Deko holen.
Schon wieder neue Aufenthaltsqualität für den Besuch, wirbt Gödecke: „Also, vorbeischauen, Platzrunde drehen und sich zum Niederlassen mit Freunden verabreden.“
Das Vier-Tage-Programm
Autoscooter, Break Dancer oder auch eine Nummer ruhiger: auf dem Hildesheimer Schützenfest gibt es ingesamt vier Tage lang Programm.
Donnerstag: Angebote für Familien
Der Betrieb auf dem Festplatz beginnt von Donnerstag bis einschließlich Samstag jeweils um 14 Uhr, am Sonntag schon um 13 Uhr. Als Highlights gib es im Festzelt jeweils eigene Veranstaltungen.
Am Donnerstag um 14.30 Uhr ein Angebot für Familien mit Kindern; abends beginnt die traditionelle Haxenvesper, zu der Handwerker, Unternehmer, Kaufleute und Freiberufler besonders eingeladen sind. Anmeldung unter anderem unter der Telefonnummer 0178/4 36 29 00 oder per E-Mail an wolfgang.mertha@t-online.de. Start der Vesper mit Musik ist um 19.30 Uhr, Einlass ab 18 Uhr.
Freitag: Gottesdienst und Vesper
Am Freitag beginnt um 17 Uhr ein Gottesdienst in der Andreaskirche, anschließend Ausmarsch zum Festplatz. Dort beginnt die traditionelle Vesper um 19.30 Uhr im Festzelt, Einlass um 18 Uhr.
Samstag: Mottoparty und Höhenfeuerwerk
Samstag gibt es ab 20 Uhr eine Mottoparty mit Hits aus den 70er, 80er und 90er Jahren, um 22.45 Uhr folgt ein Höhenfeuerwerk.
Sonntag: Bingo-Show und Schützenumzug
Am Sonntag erwartet Michael Thürnau vom NDR seine Gäste im Festzelt zu einer Bingo-Show um 11 Uhr. Um 12.15 Uhr versammeln sich die Teilnehmer des Festumzugs auf dem Rathausplatz, wo anschließend die diesjährigen Sieger vorgestellt werden.
Am Sonntag, 26. Juni, beginnt um 13 Uhr der Hildesheimer Schützenumzug. In der Innenstadt ist daher mit erheblichen Verkehrsbehinderungen zu rechnen. Es wird von der Stadt Hildesheim darum gebeten, die Umzugsstrecke weiträumig zu umfahren. Aus der Neustadt und Teilen der Innenstadt ist während des Umzugs keine Ein- und Ausfahrt möglich. Es wird empfohlen, den Öffentlichen Personennahverkehr zu nutzen.
Der Festumzug am Sonntag
Die Marschroute des Festzuges führt durch folgende Straßen: Marktplatz – Rathausstraße – Zingel – Goslarsche Straße (zum Teil über die asphaltierte Nebenfahrbahn) – Sedanstraße (Mitte) – Sedanstraße (Zufahrt zur Annenstraße) – Annenstraße – Keßlerstraße – Wollenweberstraße – Schuhstraße – Kardinal-Bertram-Straße – Schützenallee – Am Pferdeanger – Vor der Lademühle – Volksfestplatz.
Damit der Umzug und die Zuschauenden nicht durch parkende Fahrzeuge behindert werden, werden die Fahrer gebeten, nicht an der Marschroute zu parken. Alle Fahrzeuge, die entlang der Route dennoch im Haltverbot abgestellt sind, werden kostenpflichtig abgeschleppt.




